Ich bin seit 540 Tagen trocken. Das erste Mal und es läuft so gut dass ich es manchmal kaum noch glauben kann, dass ich so viele Jahre immer wieder kläglich versagt habe beim Versuch nüchtern durchs Leben zu gehen. (…) Ich räumte unsere Villa alleine, verkaufte sie und zog mit den noch Zuhause wohnenden Kindern in eine Wohnung. 2 waren bereits Gross und ausgezogen. Immer noch ging es auf und ab mit Alkohol und nie in all den Jahren haben meine Kinder irgendetwas bemerkt. Unglaublich…! Aber wahr. Ich dachte das kann gar nicht sein, aber ich bin nun seit 1,5 Jahren, dank Gaby Guzek s heilsamen Buch: Alkohol Adé trocken, bin bei den AA‘s und habe mit all meinen Kindern ehrlich gesprochen und habe sie gefragt wie es ihnen mit mir gegangen ist. Sie waren alle 4 höchst erstaunt und meinten ich übertreibe es mit 0,0 und ich sei nie irgendwie nicht für sie da gewesen. Ich sei die beste Mama der Welt?!
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek: Langzeitabstinenz und Selbstwahrnehmung
Warum fällt es Menschen in langer Abstinenz manchmal schwer zu glauben, dass sie wirklich trocken bleiben – und was hat das mit dem Suchtgedächtnis zu tun?
540 Tage Abstinenz sind keine Kleinigkeit – sie entsprechen einer tiefgreifenden neurobiologischen Stabilisierung. Das Gehirn braucht nach jahrelangem Alkoholkonsum deutlich länger als wenige Wochen, um Belohnungssystem und Stressregulation neu zu kalibrieren. Der beschriebene Unglaube über den eigenen Erfolg ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein typisches Phänomen dieser Phase: Das Suchtgedächtnis speichert vor allem Misserfolge und frühere Rückfälle – positive Gegenerfahrungen müssen sich erst über längere Zeit festigen. Dass die Kinder keine Auffälligkeiten wahrgenommen haben, ist keine Selbsttäuschung, sondern spiegelt häufig die hohe Funktionalität wider, die viele Betroffene über Jahre aufrechterhalten. Ehrliche Gespräche mit der Familie, wie hier beschrieben, gelten als stabiler Schutzfaktor für dauerhafte Nüchternheit.
Häufig gestellte Fragen zu frischer Abstinenz (FAQ)
Warum zweifeln viele Abstinente trotz langer Nüchternheit an sich selbst?
Das Gehirn speichert durch das Suchtgedächtnis vor allem negative Erfahrungen und Rückfälle. Positive Erfahrungen wie anhaltende Abstinenz müssen sich erst über Monate und Jahre neu verankern. Dieser Selbstzweifel ist kein Rückfallrisiko, sondern ein normaler Teil der Stabilisierungsphase.
Ja, das ist möglich – besonders wenn betroffene Eltern ihren Alltag nach außen hin stabil gestalten. Kinder orientieren sich stark an Verfügbarkeit und emotionaler Zuwendung, nicht an biochemischen Zuständen. Das bedeutet aber nicht, dass keine Belastung vorhanden war, nur dass sie nicht bewusst wahrgenommen wurde.Können Kinder den Alkoholkonsum eines Elternteils wirklich übersehen?

