Vielleicht fühlst Du Dich heute nicht „robuster“. Keine besondere Widerstandskraft, kein Gefühl von Unverwundbarkeit. Und doch passiert im Hintergrund etwas Entscheidendes. Dein Immunsystem beginnt, wieder präziser zu arbeiten.
Alkohol schwächt die Abwehr nicht einfach, indem er sie runterfährt. Er bringt sie aus dem Takt. Unter regelmäßigem Alkoholkonsum steht das Immunsystem dauerhaft unter Belastung. Oxidativer Stress nimmt zu, entzündliche Botenstoffe bleiben aktiv, Reparatur- und Abwehrprozesse laufen gleichzeitig – und konkurrieren miteinander. Die Folge ist kein akuter Zusammenbruch, sondern ein Zustand permanenter Alarmbereitschaft.
Ein Immunsystem im Daueralarm arbeitet ineffizient.
Es reagiert schneller überschießend, aber langsamer dort, wo Präzision nötig wäre. Es verbraucht Ressourcen, ohne sie sinnvoll einzusetzen. Und es ermüdet. Genau deshalb erleben viele Menschen unter Alkohol eine höhere Infektanfälligkeit, längere Erholungszeiten oder dieses diffuse Gefühl, „nie ganz fit“ zu sein – selbst dann, wenn sie eigentlich gesund sind.
Fällt der Alkohol weg, ändert sich das nicht schlagartig. Aber ab etwa der zweiten Woche beginnt sich die Lage zu ordnen.
Der oxidative Stress sinkt allmählich. Entzündungsreaktionen klingen ab, weil sie nicht mehr ständig neu getriggert werden. Antioxidative Schutzsysteme kommen hinterher. Immunzellen müssen nicht mehr permanent gegen Störfeuer anarbeiten, sondern können wieder das tun, wofür sie gedacht sind: situationsabhängig reagieren.
Das ist kein „Immunboost“. Es ist eine Rückkehr zur Koordination.
Ein gutes Immunsystem ist kein aggressives System. Es ist wie ein fein abgestimmtes, eingespieltes Orchester. Es erkennt, wann Eingreifen nötig ist – und wann nicht. Genau diese Feinabstimmung war unter Alkohol gestört. Jetzt beginnt sie zurückzukehren.
Viele spüren das nicht als klaren Effekt, sondern indirekt. Belastungen steckt man besser weg. Kleine Infekte verlaufen milder oder kürzer. Erschöpfung nach Stress oder schlechtem Schlaf fällt weniger tief aus. Das sind keine spektakulären Veränderungen – aber verlässliche.
Wichtig ist dabei: Auch hier geht es nicht um Leistung, sondern um Entlastung. Der Körper schützt sich nicht besser, weil er mehr tut. Sondern weil er weniger gegenregulieren muss.
Tag 11 markiert genau diesen Punkt. Das Immunsystem arbeitet nicht mehr ineffizient auf Hochtouren, sondern kommt wieder in denEs reagiert schneller überschießend, aber langsamer dort, wo Präzision nötig wäre. richtigen Takt. Ruhiger. Zielgerichteter. Ökonomischer.
Wenn Du heute das Gefühl hast, dass Dein Körper insgesamt etwas aufgeräumter reagiert – ohne dass Du es an einem einzelnen Symptom festmachen kannst – dann passt das gut. Abwehr bedeutet nicht Kampf. Sie bedeutet Ordnung.
Morgen schauen wir uns an, warum genau diese neu gewonnene Stabilität darüber entscheidet, wie belastbar Du im Alltag wirst – und warum viele Rückfälle nicht am Willen scheitern, sondern an einem System, das noch zu lange im Alarm bleibt.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.

