„Nein ist ein vollständiger Satz.“ Klingt einfach. Ist für viele Menschen aber überraschend schwer. Dieser Beitrag zeigt, warum fehlende Abgrenzung erschöpft, weshalb Nein-Sagen eng mit Sucht und Alkoholproblemen verbunden ist und wie klare Grenzen zu einer wirklich stabilen, zufriedenen Abstinenz beitragen können.
Von Gaby Guzek
Manche Sätze wirken auf den ersten Blick harmlos. „Nein ist ein vollständiger Satz“ gehört dazu. Die meisten Menschen lächeln zunächst darüber. Erst beim zweiten Nachdenken wird klar, warum dieser Satz so hängen bleibt und warum er für viele alles andere als selbstverständlich ist.
Wer Nein sagen kann, grenzt sich ab und schützt sich. Er verteidigt seine Zeit, seine Kraft und seine emotionalen Ressourcen. Er lässt andere nicht ungefragt über die eigenen Grenzen hinweggehen und beendet Diskussionen, bevor sie ihn weiter erschöpfen. Genau das macht ein klares Nein so wirksam und genau deshalb fällt es vielen schwer.
Warum Grenzen im Alltag so oft verschwimmen
Im Alltag zeigt sich dieses Problem ständig. Eine Kollegin bittet noch schnell um Hilfe, obwohl der eigene Tag längst überfüllt ist. Eine Freundin fragt, ob man zusätzlich etwas erledigen kann, obwohl man selbst kaum noch Energie hat. Innerlich entsteht Widerstand, doch ausgesprochen wird er nicht. Stattdessen folgt ein automatisches Ja.
Am Ende des Tages bleiben Müdigkeit, Frust und nicht selten Ärger über sich selbst. Viele kennen dieses Gefühl sehr gut. Man hat wieder einmal zugelassen, dass andere über die eigenen Grenzen hinweggehen.
Überforderung als stiller Dauerzustand
Wer seine Grenzen nicht schützt, überfordert sich. Diese Überforderung kann emotional sein, körperlich oder beides zugleich. Sie erzeugt dauerhafte innere Spannung und das Gefühl, ständig zu funktionieren, ohne wirklich zur Ruhe zu kommen.
Genau hier entsteht eine wichtige Verbindung zum Thema Sucht. Viele Menschen mit Alkoholproblemen leben dauerhaft über ihren Kräften. Alkohol wirkt dann wie ein schneller Ausweg. Er dämpft, beruhigt und verschafft kurzfristig Erleichterung. Das eigentliche Problem, die fehlende Abgrenzung, bleibt jedoch bestehen.
Warum Abstinenz mehr ist als nicht zu trinken
Abstinenz bedeutet deshalb weit mehr als nur den Verzicht auf Alkohol. Sie verlangt neue Fähigkeiten. Eine der zentralen ist die Fähigkeit, Nein zu sagen, ohne sich dafür zu rechtfertigen oder zu entschuldigen.
Wer abstinent lebt, ohne seine Grenzen zu verändern, bleibt innerlich unter Druck. Ein zufriedenes Leben ohne Alkohol entsteht erst dann, wenn Selbstschutz und Selbstachtung hinzukommen.
Woher die Angst vor dem Nein kommt
Die Wurzeln dieser Schwierigkeit liegen häufig in der Kindheit. Viele Menschen haben früh gelernt, dass Nein sagen gefährlich sein kann. Vielleicht wurden Grenzen ignoriert. Vielleicht folgte auf Widerspruch Ärger, Liebesentzug oder subtile Ablehnung. Ob dies tatsächlich so gemeint war oder nur so empfunden wurde, spielt kaum eine Rolle.
Entscheidend ist der Glaubenssatz, der sich festsetzt: Wenn ich Nein sage, werde ich nicht mehr geliebt. Dieser Satz wirkt oft jahrzehntelang weiter, meist unbewusst, aber mit großer Kraft.
Ein Nein muss nicht erklärt, begründet oder diskutiert werden. Je knapper es ausgesprochen wird, desto klarer wirkt es.
Die gute Nachricht für Erwachsene
Diese kindliche Hilflosigkeit existiert heute nicht mehr. Erwachsene Menschen haben Verantwortung getragen, Krisen bewältigt und ihr Leben gestaltet. Sie dürfen Nein sagen, ohne ihre Beziehungen zu gefährden.
Diese Fähigkeit entsteht nicht auf Knopfdruck, lässt sich aber trainieren. Sinnvoll ist es, bei kleinen, alltäglichen Situationen zu beginnen, bei denen ein Nein keine echten Konsequenzen hat. Ein einfaches Nein reicht aus. Keine Erklärung. Keine Diskussion.
Mit jeder dieser Erfahrungen wächst das Vertrauen in die eigene Standfestigkeit. Man erlebt, dass nichts Dramatisches passiert und dass Selbstachtung keine Katastrophe auslöst.
Selbstschutz als Grundlage zufriedener Abstinenz
Ein stabiles, zufriedenes Leben ohne Alkohol entsteht nicht allein durch Disziplin oder Willenskraft. Es entsteht durch Klarheit, Abgrenzung und den respektvollen Umgang mit den eigenen Bedürfnissen.
Nein zu sagen ist kein Angriff. Es ist kein Egoismus. Es ist Selbstfürsorge.
Nein ist ein vollständiger Satz. Für viele unbequem. Für viele ungewohnt. Und für viele ein entscheidender Schritt auf dem Weg in eine wirklich stabile Abstinenz.
Transkript des Videos
Hallo, herzlich willkommen wieder zu einem neuen Reel von Nicht geschüttelt, nicht gerührt, dem Videokanal von Alkohol adé für ein fröhliches Leben ohne Alkohol. Heute geht es um einen ganz kurzen Satz, den ich euch vorstelle, dann lachen wir einmal gemeinsam, dann werden von euch sicherlich einige ziemlich nachdenklich, bei einigen geht es auch dahin, wo es echt weh tut, aber zum Schluss werde ich versuchen, euch alle wieder zum Lachen zu kriegen, ihr kennt mich ja. Also, worüber ich rede ist der Satz, nein ist ein vollständiger Satz.
Das ist sehr zentral bei all meinen Coachings, dass ich meinen Klienten, fast allen, beibringen muss, nein ist ein vollständiger Satz. Das schickt uns meistens mindestens ein Grinsen ins Gesicht, weil eigentlich ist es so banal, aber wenn man einen Moment drüber sinniert, denkt man, so einfach ist das ja gar nicht. Nein ist ein vollständiger Satz.
Warum lässt uns das aufhorchen? Warum thematisiere ich das heute überhaupt? Weil, andersrum ausgedrückt, wer sich mit einem einfachen Nein von anderen abgrenzen kann, seine Grenzen setzt und verteidigt, der geht nicht über seine eigenen Grenzen hinaus, der lässt sich nicht von anderen Leuten, bildlich gesprochen, im eigenen Vorgarten rumlatschen, der hat stehende Grenzen, tritt für sich ein, er weiß, wenn ihm was nicht gut tut und zudem sagt er Nein, ohne Diskussion. Nein ist ein vollständiger Satz. Wer das sagen kann, der ist eigentlich gesegnet.
Also, das ist so bestimmt, befreiend, Ende der Diskussion. Viele von uns können das aber nicht und das hängt dann auch ganz, ganz, ganz häufig mit dem Thema Sucht und Alkoholmissbrauch zusammen. Denn wer keine Grenzen zieht, der überfordert sich.
Überfordert sich emotional und oder physisch. Das heißt, wenn die Kollegin sagt, ach, kannst du das mal eben noch schnell für mich fertig machen? Ja, ja, ja. Dabei wolltest du eigentlich Nein sagen.
Freundin sagt, ach, kannst du mal für mich eben die Kinder abholen? Ich schaffe das nicht. Bringst du mir Tim noch mit aus dem Kindergarten? Du hast da aber eigentlich gar keinen Bock drauf und du bist eh schon kaputt und deine eigenen Termine sind knapp. Was sagst du? Du sagst nicht Nein.
Du sagst, ja, mache ich. Und am Ende des Tages wunderst du dich dann, dass du völlig kaputt bist und dass du dich sogar über dich selber ärgerst, weil du wieder mal jemanden, ich benutze das Bild nochmal, durch deinen eigenen Vorgarten hast latschen lassen. Heißt also, für eine zufriedene Abstinenz muss ich das lernen, mich abzugrenzen.
Nein zu sagen. Und zwar ohne Diskussion. Wenn mich jemand was fragt, dann darf ich Nein sagen.
Und die Betonung liegt jetzt auf darf. Ich darf Nein sagen. Denn genau das, und jetzt könnte es sein, dass es bei einigen von euch ein bisschen weh tut, das haben wir uns abgewöhnt in der Kindheit.
Wir dürfen nicht Nein sagen, weil wir Angst haben, dann nicht mehr geliebt zu werden. Das ist eine ganz alte Sache bei fast allen. Dabei ist es völlig egal, ob das tatsächlich unsere Eltern waren, die uns das so beigebracht haben, die dann also auch von sich aus zum dritten Mal dieses Bild ständig in unserem Vorgarten rumgelatscht sind, obwohl, das heißt sie waren übergriffig, sie haben einfach nicht darauf geachtet, wenn wir als Kinder Nein gesagt haben.
Ich will das nicht, sondern das wurde einfach eben überhört und man hat es trotzdem gemacht. Als Eltern. Oder halt, wenn du als Kind das mal einfach anhand von irgendwelchen Dingen durchgesetzt hast, heißt deine Eltern haben zu dir gesagt, mach dies und das und du hast es einfach nicht getan.
Und deine Eltern haben dich dann vielleicht mit, ganz krass gesagt, Liebesentzug bestraft oder aber du hast es auch nur so empfunden, dann prägt sich das schnell ein. Gerade in der Kindheit. Nein ist gefährlich.
Abgrenzen ist gefährlich. Abgrenzen bedeutet, jemand mag mich nicht mehr. Und jetzt sind wir am Punkt.
Und deshalb hat das auch so wahnsinnig viel mit dem Thema Sucht zu tun. Tief durchschnaufen. Die gute Nachricht ist ja, auch das lässt sich alles wieder ändern.
Erstens, die meisten, die diesen Glaubenssatz heute noch mit sich rumtragen, die haben heute alles recht zu sagen Nein, weil diese Situation der kindlichen Hilflosigkeit ist vorbei. Ihr seid alle erwachsen. Ihr seid alle echt schon groß.
Und ihr habt alle in eurem Leben schon was auf die Reihe gekriegt. Und nicht zu wenig. Und deshalb dürft ihr auch Nein sagen.
Auch ohne die Gefahr, nicht geliebt zu werden. Das kann man üben. Also niemand erwartet von jemandem, der da noch ein bisschen sehr holprig unterwegs ist mit dem Thema Grenzen ziehen, dass man das gleich bei sehr tiefen Themen tut.
Macht es einfach bei banalen Anlässen, bei Kleinigkeiten, im Alltag, vielleicht sogar Leuten gegenüber, die ihr gar nicht kennt. Passieren ja trotzdem manchmal solche Situationen. Also was weiß ich.
Jemand, ihr steht an der Supermarktkasse, euer Wagen ist voll, hinter euch ist jemand, der hat ihn nur halb voll und fragt euch, ob er vor darf. Ja, euch passt das aber nicht. Ihr wollt das gar nicht, weil ihr habt selber eilig.
Dann sagst du Nein. Einfach nur Nein. Ohne weitere Diskussion, das ist wichtig.
Ein Nein muss nicht diskutiert werden. Das kann man, wie gesagt, im Alltag üben. An immer so kleinen, banalen Situationen, die auch objektiv gesehen konsequenzenlos bleiben.
Also selbst wenn der Typ mit dem halb vollen Wagen hinter dir dich für den Rest seines Lebens hasst, dann kann dir das gerade am allerwertesten vorbeigehen. Und so steigert sich das langsam, weil dann hast du nämlich dir auf einmal im Erfahrungsschatz, ey, ist ja gar nichts passiert. Ich habe Nein gesagt und die Welt steht trotzdem noch.
Und dann kannst du das immer weiter ausdehnen. Nein ist ein vollständiger Satz. So klein, so wirkungsvoll und so schwer für viele von uns und so eng verknüpft mit dem Thema Sucht.
Ich hoffe, ich konnte den einen oder die andere von euch ein wenig ins Grübeln bringen. Vielleicht wollt ihr ja auch gerne, dass jemand anders dieses Reel sieht, dann teilt es gerne auf den sozialen Medien oder schickt es weiter. Ansonsten heißt es demnächst wieder, nicht geschüttelt, nicht gerührt, hier auf dem Videokanal von Alkohol-ade für ein fröhliches abstinentes Leben.
Lachen nicht vergessen! Ciao!
Häufig gestellte Fragen zur Abgrenzung (FAQ)
Viele Menschen haben früh gelernt, dass Nein sagen mit Ablehnung, Konflikten oder Liebesentzug verbunden sein kann. Dieser alte Schutzmechanismus wirkt oft bis ins Erwachsenenalter weiter, auch wenn die ursprüngliche Gefahr längst nicht mehr besteht.Warum fällt es vielen Menschen so schwer, Nein zu sagen?
Wer sich dauerhaft nicht abgrenzt, lebt häufig über den eigenen Kräften. Die entstehende innere Spannung und Erschöpfung erhöhen das Bedürfnis nach Entlastung. Alkohol wird dann oft als schnelle, scheinbar beruhigende Lösung genutzt.Was hat fehlende Abgrenzung mit Alkoholproblemen zu tun?
Ja. Ein Nein ist eine vollständige Aussage. Es muss weder erklärt noch begründet werden. Je knapper und klarer ein Nein ausgesprochen wird, desto weniger Angriffsfläche bietet es für Diskussionen.Reicht es wirklich aus, einfach Nein zu sagen?
Nein. Nein sagen ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge. Wer eigene Grenzen respektiert, schützt seine Gesundheit und bleibt langfristig auch für andere verlässlich.Ist Nein sagen nicht egoistisch?
Am besten beginnt man in alltäglichen, konsequenzenlosen Situationen. Kleine Neins ohne Erklärung helfen, neue Erfahrungen zu sammeln. Mit der Zeit wächst das Vertrauen, dass Grenzen setzen sicher ist und keine Katastrophen auslöst.Wie kann man lernen, besser Nein zu sagen?
Abstinenz bedeutet mehr als nur keinen Alkohol zu trinken. Ohne klare Grenzen bleibt innerer Druck bestehen. Erst durch Abgrenzung entsteht ein wirklich stabiles, zufriedenes Leben ohne Alkohol.Warum ist Abgrenzung für eine stabile Abstinenz wichtig?
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Gaby Guzek
Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé
Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.


