Vielleicht merkst Du heute etwas, das früher schnell unangenehm wurde: ein kritischer Blick, eine gespannte Stimmung, ein Gespräch, das nicht ganz freundlich verläuft. Früher war Alkohol in solchen Momenten oft ein Ausweg. Nicht, weil er Probleme löst – sondern weil er sie kurzfristig unscharf macht.
Soziale Situationen aktivieren das Noradrenalin-System. Es ist kein Feind. Im Gegenteil: Noradrenalin sorgt dafür, dass wir wach, aufmerksam und handlungsfähig bleiben. Es hilft uns, Haltung zu bewahren, Argumente zu sortieren und nicht sofort einzuknicken.
Unter Alkohol gerät dieses System aus der Balance. Zunächst wird es gedämpft – Unsicherheit fühlt sich weniger bedrohlich an. Doch danach kippt die Regulation. Reaktionen werden ungenau. Entweder zu defensiv oder zu aggressiv. Viele kennen dieses Gefühl, sich später selbst nicht treu gewesen zu sein.
Ohne Alkohol muss das Nervensystem wieder selbst arbeiten. In den ersten Tagen ist das oft anstrengend. Noradrenalin schießt zu stark ein, Herzklopfen, innere Unruhe, der Impuls auszuweichen. Doch mit zunehmender Abstinenz beginnt sich die Steuerung zu normalisieren.
Ab etwa der dritten Woche zeigt sich ein neuer Zustand. Noradrenalin steigt dort an, wo es gebraucht wird – und fällt wieder ab, wenn die Situation vorbei ist. Du bleibst ansprechbar, aber nicht überwältigt. Wach, aber nicht getrieben.
Das zeigt sich nicht in großen Gesten. Sondern in kleinen Momenten:
- Du hörst Kritik, ohne sofort in Rechtfertigung zu gehen.
- Du hältst Blickkontakt, ohne innerlich zu fliehen.
- Du sagst etwas, das Dir entspricht – nicht etwas, das nur Spannung vermeiden soll.
Das ist kein Heldenmut. Es ist neurobiologische Stabilität.
Tag 16 steht für genau diesen Übergang: Soziale Situationen fühlen sich nicht mehr wie Bedrohung an, sondern wie das, was sie sind – anspruchsvoll, aber bewältigbar. Wenn Du heute merkst, dass Du in einem Gespräch geblieben bist, das früher nach Alkohol gerufen hätte, dann ist das kein Zufall. Dein Nervensystem beginnt, wieder für Dich zu arbeiten.
Morgen schauen wir darauf, warum genau diese Fähigkeit entscheidend dafür ist, Konflikte auszuhalten, ohne sie mit Dir selbst auszutragen.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.

