Rückschläge fühlen sich oft an wie ein Bruch. Als wäre etwas kaputtgegangen, das gerade erst stabil wurde. Genau deshalb verunsichern sie so stark – nicht, weil sie gefährlich wären, sondern weil sie Erwartungen enttäuschen. Biologisch betrachtet passiert in solchen Momenten jedoch etwas anderes.
Das Gehirn arbeitet nicht in Kategorien wie „Erfolg“ oder „Scheitern“. Es reagiert auf Reize, Wiederholungen und Belastungen. Jede Erfahrung hinterlässt Spuren in neuronalen Netzwerken, nicht als Bewertung, sondern als Anpassung. In der Alkoholabhängigkeit wurden diese Netzwerke über Jahre hinweg einseitig trainiert: Stress wurde mit Alkohol beantwortet, Belohnung ebenso, Überforderung ebenfalls. Diese Verknüpfungen verschwinden nicht abrupt, nur weil der Alkohol wegfällt. Sie verlieren ihre Dominanz langsam – vorausgesetzt, sie werden nicht ständig reaktiviert.
Genau hier setzt die Neuroplastizität an. Abstinenz schafft erstmals die Voraussetzung, dass das Gehirn alternative Reaktionswege überhaupt aufbauen kann. Nicht theoretisch, sondern im Alltag. Immer dann, wenn ein Impuls auftaucht und anders beantwortet wird als früher, verändert sich die Verschaltung ein kleines Stück. Dieser Lernprozess verläuft nicht geradlinig. Er besteht aus Phasen der Stabilisierung, aus Irritationen und aus erneuter Anpassung.
Das gilt auch – und gerade – für Situationen, die sich nicht gut anfühlen. Ein sozialer Abend, der unangenehm war. Ein Moment, in dem der Drang stark wurde. Ein Tag, der emotional gekippt ist. Solche Erfahrungen sind kein Beweis dafür, dass „es nicht klappt“. Sie zeigen vielmehr, wo alte Muster noch aktiv sind und wo das Gehirn gerade arbeitet.
Viele erleben ab dieser Phase, dass solche Momente anders verarbeitet werden als früher. Sie lösen weniger Kettenreaktionen aus, weniger Selbstabwertung, weniger inneres Wegkippen. Das System bleibt beweglich, statt sofort in alte Automatismen zurückzufallen. Genau das ist Ausdruck von Neuroplastizität: nicht Perfektion, sondern Anpassungsfähigkeit.
Tag 19 steht deshalb nicht für Fehlerfreiheit, sondern für Lernfähigkeit. Nicht jeder schwierige Moment muss vermieden werden. Entscheidend ist, dass das Nervensystem nach Belastung wieder zurückfindet. Diese Fähigkeit beginnt sich jetzt zu festigen – still, im Hintergrund, ohne dass man sie bewusst steuern müsste.
Wenn sich heute etwas holprig anfühlt, bedeutet das keinen Rückschritt. Es zeigt, dass Dein Gehirn mit neuen Bedingungen arbeitet. Und genau das ist Teil der Stabilisierung.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


