In den vergangenen Wochen hat Dein Gehirn vor allem reagiert. Es hat ausgeglichen, gebremst, neu sortiert und vieles improvisiert. Jetzt beginnt eine andere Phase. Prozesse, die sich als hilfreich erwiesen haben, werden nicht mehr nur situativ genutzt, sondern allmählich verlässlich abgerufen. Genau hier entstehen Routinen.
Neurobiologisch bedeutet das: Wiederkehrende Abläufe werden effizienter verschaltet. Das Gehirn lernt, bestimmte Reaktionsfolgen nicht jedes Mal neu auszuhandeln. Stattdessen greifen bewährte Muster schneller, mit weniger Energieaufwand und geringerer innerer Reibung. Diese Automatisierung ist kein Zeichen von Starrheit, sondern von Entlastung.
Alkohol hat diesen Mechanismus lange verzerrt. Viele Abläufe waren an ihn gekoppelt: Entspannung, Übergänge, Belohnung, Stressabbau. Ohne Alkohol mussten diese Verknüpfungen zunächst bewusst unterbrochen werden. Das war anstrengend, weil jede Entscheidung aktiv getroffen werden musste. Ab etwa der dritten Woche verändert sich das. Neue, alkoholfreie Abläufe beginnen, sich zu festigen.
Dabei geht es nicht um perfekte Tagespläne oder eiserne Disziplin. Es geht um Wiederholung unter stabilen Bedingungen. Je öfter das Gehirn erlebt, dass ein bestimmter Ablauf ohne Alkohol funktioniert, desto weniger diskutiert es ihn. Was anfangs Überwindung kostete, wird neutral. Später wird es selbstverständlich.
Diese Phase fühlt sich oft unspektakulär an. Gerade deshalb ist sie entscheidend. Routinen entstehen nicht im Ausnahmezustand, sondern im Alltag. Sie zeigen sich daran, dass bestimmte Situationen weniger Aufmerksamkeit fordern, dass Übergänge glatter verlaufen und dass Entscheidungen nicht mehr jedes Mal neu ausgefochten werden müssen.
Neurobiologisch heißt das: Schleifen schließen sich. Signale laufen direkter. Das System spart Energie. Nicht, weil es weniger bewusst ist, sondern weil es effizienter arbeitet. Genau hier liegt der Unterschied zwischen kurzfristigem Durchhalten und langfristiger Stabilität.
Tag 20 steht deshalb nicht für einen neuen Kraftakt, sondern für etwas Leiseres: Das Gehirn beginnt, Ordnung nicht mehr nur herzustellen, sondern zu behalten. Was sich jetzt etabliert, trägt später auch dann, wenn Stress, Müdigkeit oder Ablenkung dazukommen.
Wenn Du heute das Gefühl hast, dass bestimmte Dinge „einfach laufen“, dann ist das kein Zufall. Es ist ein Zeichen dafür, dass Dein Nervensystem beginnt, Gewohnheiten wieder als das zu nutzen, was sie biologisch sind: Entlastung durch Verlässlichkeit.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


