Viele merken um diese Zeit herum, dass sich etwas Grundsätzliches verändert hat – nicht nur im Verhalten, sondern im inneren Erleben. Gedanken wirken klarer, Reaktionen weniger automatisch, alte Muster verlieren an Zugkraft. Und fast zwangsläufig taucht die Frage auf: Was ist da eigentlich in mir passiert?
Die kurze Antwort lautet: Dein Gehirn hat gelernt.
Die längere: Es hat begonnen, seine Arbeitsweise neu zu ordnen.
Alkohol greift über Jahre in zentrale Lern- und Anpassungsprozesse ein. Er verstärkt bestimmte Reaktionswege künstlich, schwächt andere ab und zwingt das Gehirn, sich an eine dauerhaft verzerrte Signalwelt anzupassen. Belohnung, Stress, Emotion, Impulskontrolle – all das wird unter Alkohol nicht abgeschaltet, sondern falsch kalibriert. Das Gehirn funktioniert weiter, aber unter veränderten Bedingungen.
Fällt der Alkohol weg, entsteht zunächst Leere. Gewohnte Reize fehlen, alte Automatismen greifen ins Leere. Genau das empfinden viele in den ersten Wochen als instabil oder irritierend. Neurobiologisch ist es jedoch kein Rückschritt, sondern der Beginn eines Neuabgleichs.
Ab etwa der vierten Woche setzt ein anderer Prozess ein. Synapsen, die lange kaum genutzt wurden, gewinnen wieder an Bedeutung. Netzwerke, die vorher ständig übersteuert waren, dämpfen sich. Andere übernehmen mehr Verantwortung. Dieser Umbau passiert nicht spektakulär, sondern leise – oft unbemerkt, bis man plötzlich merkt, dass man anders reagiert als früher.
Wichtig dabei: Das Gehirn „entscheidet“ sich nicht bewusst für Veränderung. Es folgt dem Prinzip der Plastizität. Verbindungen, die regelmäßig genutzt werden, stabilisieren sich. Reaktionsmuster, die nicht mehr gebraucht werden, verlieren an Gewicht. Genau deshalb ist diese Phase so entscheidend. Nicht, weil alles fertig wäre – sondern weil sich jetzt festigt, wie Dein Gehirn künftig bevorzugt arbeitet.
Viele interpretieren diese Veränderungen psychologisch oder moralisch: als Willensstärke, als Reife, als persönlichen Fortschritt. Das greift zu kurz. Was Du erlebst, ist kein Charakterumbau, sondern eine strukturelle Anpassung. Dein Nervensystem richtet sich auf eine Realität ohne Alkohol aus – Schritt für Schritt, Erfahrung für Erfahrung.
Tag 27 steht damit nicht für einen Endpunkt, sondern für Verständnis. Für den Moment, in dem klar wird: Das hier ist kein Durchhalten mehr. Es ist ein Lernprozess, der bereits greift. Dein Gehirn arbeitet nicht gegen Dich – es arbeitet neu.
Und genau dieses Wissen verändert oft den Blick auf alles Weitere.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


