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Alkohol verschärft chronische Erschöpfung (Chronic Fatigue) – und verdeckt oft die eigentliche Ursache

Frau sitzt erschöpft am Tisch, neben sich ein halbvolles Glas Rotwein. Im Vordergrund die Warnanzeige einer erschöpften Batterie

Wer trotz Schlaf müde bleibt, sollte genauer hinschauen. Alkohol verschärft Fatigue nicht nur – er kann ihre eigentliche Ursache verdecken, indem er Schlaf, Energiestoffwechsel und Nährstoffversorgung gleichzeitig sabotiert

Von Dr. med. Bernd Guzek

Viele Menschen kommen wegen anhaltender Erschöpfung in die Praxis. Sie schlafen ausreichend, machen Pausen, versuchen „sich zusammenzureißen“ – und bleiben trotzdem müde. Konzentration, Belastbarkeit und emotionale Stabilität nehmen ab. Nicht selten fällt in diesen Gesprächen ein Satz wie: „Am Abend hilft mir ein Glas Wein, runterzukommen.“ Genau hier beginnt ein Zusammenhang, der häufig übersehen wird.

Erschöpft trotz Schlaf – ein typisches Warnsignal

Chronische Erschöpfung unterscheidet sich deutlich von normaler Müdigkeit. Sie verschwindet nicht nach einer guten Nacht. Viele Betroffene beschreiben ein Gefühl permanenter Unterenergie, kombiniert mit geistiger Verlangsamung, Reizbarkeit oder innerer Unruhe.

Alkohol verschärft dieses Muster gleich mehrfach. Zwar erleichtert er kurzfristig das Einschlafen, gleichzeitig verschlechtert er jedoch die Qualität des Schlafs. Tiefschlafphasen verkürzen sich, der Schlaf wird fragmentiert, das Gehirn regeneriert sich unvollständig. Am nächsten Tag bleibt ein diffuser Erschöpfungszustand zurück, der mit Schlafmangel wenig zu tun hat.

Eine Energiekrise auf Zellebene macht müde

Der Körper baut den giftigen Alkohol bevorzugt ab – auf Kosten anderer Stoffwechselprozesse. Dabei verbraucht die Leber große Mengen an NAD⁺, das für die Energiegewinnung in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen, unverzichtbar ist. Die Folge ist eine reduzierte ATP-Produktion.

Extra-Info: Was sind ATP und NAD⁺ – warum ist das wichtig?

ATP ist die universelle Energieeinheit der Zellen. Jede Muskelbewegung, jede Denkleistung und jede Regeneration verbraucht ATP.

NAD⁺ ist ein zentraler Hilfsstoff des Energiestoffwechsels. Beim Alkoholabbau wird NAD⁺ in großen Mengen verbraucht, wodurch die Energieproduktion sinkt.

Ausführlich erklärt im Lexikon: NAD⁺ / NADH – was ist das?

Was sich biochemisch abspielt, spüren Betroffene sehr konkret: Muskeln ermüden schneller, geistige Aufgaben fallen schwerer, selbst Alltagsbelastungen fühlen sich überfordernd an. Alkohol wirkt in diesem Kontext nicht entspannend, sondern energiezehrend.

Neuroinflammation und innere Unruhe

Ein weiterer Faktor ist die entzündliche Wirkung von Alkohol im Gehirn. Alkohol aktiviert Mikrogliazellen, die die Nerven umhüllen und versorgen, und fördert neuroinflammatorische Prozesse. Diese beeinträchtigen die Signalverarbeitung und senken die Belastungstoleranz.

Gleichzeitig verschiebt sich das autonome Nervensystem in Richtung Daueranspannung. Viele Betroffene berichten über innere Unruhe, Kreislaufinstabilität, Herzklopfen oder ein Gefühl permanenter Alarmbereitschaft. Diese Kombination aus Erschöpfung und Übererregung ist typisch – wird aber häufig missverstanden.

Alkohol wird zur scheinbaren Selbstmedikation

Paradox wirkt, dass Alkohol von Erschöpften oft als hilfreich erlebt wird. Kurzfristig dämpft er Stress, Angst oder innere Unruhe. Langfristig verschlechtert er jedoch genau die Systeme, die für Erholung notwendig sind.

So entsteht ein Teufelskreis: Aus Erschöpfung setzen Betroffene Alkohol als Flicken ein, um Beruhigung zu erreichen. Das ist aber nur ein kurzer Effekt Alkohol verstärkt dann schnell Schlafstörungen, Energiemangel und Neuroinflammation – die Erschöpfung nimmt weiter zu.

Mikronährstoffmängel verstärken die Erschöpfung

Chronische Erschöpfung bei Alkoholkonsum ist fast nie ein isoliertes Problem einzelner Nährstoffe. Sie entsteht in der Regel durch ein funktionelles Versagen ganzer Stoffwechselketten, in denen mehrere Mikronährstoffe zusammenwirken. Alkohol greift genau an diesen Kopplungsstellen an.

Besonders wichtig für die Energieproduktion in den Zellen ist das Vitamin B1. Offiziell heißt es stets, dass wir davon genug in der Nahrung hätten. In der Praxis sieht es allerdings oft ganz anders aus.

Was führt zu einem Vitamin-B1-Mangel?

1. Alkohol – schädigt Aufnahme, Aktivierung und erhöht den Verbrauch

Alkohol schädigt die Dünndarmschleimhaut, hemmt die Thiamin-Transporter und erhöht gleichzeitig den Verbrauch von Vitamin B1 beim Alkoholabbau. Zusätzlich wird die Aktivierung von B1 in der Leber beeinträchtigt.

2. Metformin – beeinträchtigt B-Vitamin-Resorption

Metformin kann die Aufnahme von B-Vitaminen im Darm stören. Ein entstehender B1-Mangel wird häufig übersehen, da Symptome dem Diabetes zugeschrieben werden.

3. Chronische Darmerkrankungen – verhindern zuverlässige Aufnahme

Entzündete oder geschädigte Darmschleimhäute können wasserlösliche Vitamine wie B1 nicht zuverlässig aufnehmen – selbst bei ausreichender Zufuhr.

4. Säureblocker und Magenprobleme – verschlechtern Vorverdauung

Eine verminderte Magensäureproduktion verändert die Vorverdauung und kann die Verwertung von B-Vitaminen zusätzlich verschlechtern.

5. Hoher Kohlenhydratkonsum – erhöht den Bedarf

Die Verwertung von Glukose benötigt Vitamin B1. Bei hoher Kohlenhydratzufuhr steigt der Bedarf deutlich an.

6. Chronischer Stress – verbraucht B1 schneller

Anhaltender Stress erhöht den Verbrauch von Vitamin B1 im Nervensystem und im Energiestoffwechsel deutlich. Gleichzeitig sinkt die Regenerationsfähigkeit. Es kann zu einem funktionellen B1-Mangel kommen, auch wenn die Zufuhr ausreichend erscheint.

Eine ganze Reihe anderer Ursachen können B1-Mangel fördern, zum Beispiel Diuretika (v. a. Schleifendiuretika), Essstörungen / restriktive Diäten, Mangel an wichtigen Cofaktoren (v. a. B2, B6, Magnesium), Lebererkrankungen oder Infektionen / Fieberzustände sowie Dialyse.

Wer Alkohol trinkt, Metformin einnimmt und/oder unter chronischem Stress steht, hat ein erhöhtes Risiko für einen funktionellen B1-Mangel – auch bei scheinbar unauffälligen Laborwerten.

Ein Vitamin-B1-Mangel entsteht selten durch „zu wenig Vitamin“ allein. Häufiger liegt eine Kombination aus gestörter Aufnahme, erhöhtem Verbrauch und fehlenden Cofaktoren vor.


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Vitamin B1 wirkt nicht allein

Vitamin B1 (Thiamin) spielt eine Schlüsselrolle im Energiestoffwechsel, insbesondere in der Glukoseverwertung und der mitochondrialen ATP-Produktion. Entscheidend ist jedoch: B1 kann seine Wirkung nur entfalten, wenn auch andere B-Vitamine ausreichend verfügbar sind.

Vor allem Vitamin B2 und Vitamin B6 sind notwendig, damit thiaminabhängige Enzymsysteme stabil funktionieren. Fehlt eines dieser Vitamine, entsteht trotz scheinbar ausreichender Zufuhr ein funktioneller B1-Mangel. In der Praxis bedeutet das: Selbst hohe Thiamin-Dosen können wirkungslos bleiben, wenn die begleitenden Cofaktoren fehlen.

Benfotiamin oder Thiamin – warum die Form entscheidend ist

Was ist der grundlegende Unterschied?

Thiamin ist wasserlöslich und auf aktive Transportmechanismen im Darm angewiesen. Benfotiamin ist fettlöslich und kann die Darmwand deutlich unabhängiger passieren. Dadurch unterscheidet sich ihre Bioverfügbarkeit erheblich.

Warum reicht Thiamin bei Alkohol oft nicht aus?

Chronischer Alkoholkonsum schädigt die Darmschleimhaut und hemmt die Thiamin-Transporter. Selbst bei ausreichender Zufuhr gelangt Thiamin dann nur unzureichend in den Körper.

Wann hat Benfotiamin Vorteile?

Benfotiamin wird unabhängig von den geschädigten Transportmechanismen besser aufgenommen. Es erreicht höhere intrazelluläre Thiaminspiegel und eignet sich daher besonders bei funktionellem B1-Mangel.

Warum auch Benfotiamin nicht allein wirkt

Auch Benfotiamin benötigt Cofaktoren wie Vitamin B2, B6 und Magnesium. Fehlen diese, bleibt die Wirkung begrenzt. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel mehrerer Mikronährstoffe.

Benfotiamin bei alkoholassoziierter Erschöpfung

Thiamin bleibt eine sinnvolle Option:

  • bei leichter Unterversorgung
  • bei kurzer Belastungsdauer
  • bei intakter Darmfunktion

Bei alkoholassoziierter Fatigue, neurologischen Symptomen oder langjährigem Konsum stößt Thiamin jedoch häufig an seine Grenzen. Die Aufnahme ist eingeschränkt, der Bedarf erhöht, die Aktivierung verzögert. In diesen Fällen erklärt sich, warum Betroffene trotz Substitution keine spürbare Besserung erleben.

Ärzte setzen dann zunehmend häufiger Benfotiamin ein, eine Vorstufe des Vitamin B1. Es wird im Körper bis zu 7-mal besser aufgenommen als herkömmliches Vitamin B1. Benfotiamin eignet sich besonders:

  • bei geschädigter Darmschleimhaut
  • bei chronischer Erschöpfung trotz Thiamin
  • bei neurologischen Begleitsymptomen
  • bei vermutetem funktionellem B1-Mangel

Wichtig bleibt auch hier: Benfotiamin wirkt nicht isoliert. Ohne ausreichende Versorgung mit Vitamin B2, B6, Magnesium und weiteren Cofaktoren bleibt auch diese Form hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Vitamin B12: ein oft übersehener Engpass bei Erschöpfung

Vitamin B12 stellt ein besonderes Problem dar. Schon der Magen spielt für seine Verwertung eine zentrale Rolle. Alkohol reduziert die Magensäureproduktion und beeinträchtigt die Bildung des Intrinsic Factors. Dadurch scheitert die Aufnahme von B12 häufig bereits im oberen Verdauungstrakt.

Hinzu kommt: Ein B12-Mangel entwickelt sich schleichend und äußert sich zunächst unspezifisch – mit Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit oder depressiver Verstimmung. Diese Symptome werden bei Alkoholbetroffenen häufig anderen Ursachen zugeschrieben.

Warum Laborwerte oft nicht weiterhelfen

Viele dieser Mängel lassen sich im Routinelabor gar nicht zuverlässig erfassen. Vitamin B1 ist dafür ein klassisches Beispiel. Ein manifester B1-Mangel beispielsweise zeigt sich nur selten in Standard-Blutwerten. Entscheidend ist nicht der Serumspiegel, sondern die intrazelluläre Verfügbarkeit und die enzymatische Funktion – Parameter, die im klinischen Alltag kaum bestimmt werden können.

Das führt zu einer diagnostischen Schieflage: Der Patient ist funktionell mangelversorgt, während Laborwerte unauffällig erscheinen. Die Symptome werden dann als psychosomatisch, stressbedingt oder depressiv eingeordnet.

Klinische Folgen kombinierter Mängel

Die Kombination aus B1-, B2-, B6-, B12- und Magnesiumdefiziten wirkt wie ein systemischer Bremsklotz auf den Energiestoffwechsel. Typisch sind:

  • rasche geistige und körperliche Ermüdbarkeit
  • verminderte Belastungstoleranz
  • autonome Instabilität
  • Konzentrationsstörungen
  • emotionale Reizbarkeit
  • Schlafstörungen trotz Müdigkeit

In diesem Zustand reicht bereits moderater Alkoholkonsum aus, um die Erschöpfung weiter zu verschärfen.

Erschöpfung ist ein frühes Warnsignal

Chronische Erschöpfung kann eines der frühesten Zeichen eines problematischen Alkoholkonsums sein. Sie tritt häufig auf, bevor Leberwerte steigen oder klassische Entzugssymptome auftreten. Gerade deshalb wird sie oft falsch eingeordnet – als Stressfolge, Burnout oder „normale Erschöpfung“.

Bei chronischer Erschöpfung im Zusammenhang mit Alkohol genügt es nicht, einzelne Vitamine isoliert zu betrachten. Entscheidend ist ein funktionelles Verständnis von Mikronährstoffketten, von Resorption, Aktivierung und Verbrauch. Erst wenn Alkohol als Störfaktor konsequent berücksichtigt und Mikronährstoffe sinnvoll kombiniert werden, kann sich der Energiestoffwechsel wieder stabilisieren.

Abgrenzung zum Chronic-Fatigue-Syndrom

Alkohol verursacht kein Chronic-Fatigue-Syndrom im engeren Sinne. Er kann jedoch ähnliche Symptome hervorrufen oder bestehende Fatigue-Zustände deutlich verschlechtern. Besonders bei postinfektiösen Erschöpfungszuständen oder nach langanhaltender Überlastung wirkt Alkohol wie ein Verstärker.

Der entscheidende Unterschied: Die alkoholassoziierte Fatigue lässt sich häufig rückgängig machen.

Wer unter chronischer Erschöpfung leidet, sollte Alkohol nicht als nebensächlichen Lebensstilfaktor betrachten. Alkohol beeinflusst Schlaf, Energiehaushalt, Gehirn und Stressregulation tiefgreifend. In vielen Fällen ist er nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.

Chronische Müdigkeit ist ein Signal – und manchmal eines, das erstaunlich klar wird, wenn Alkohol aus dem Spiel genommen wird.


Häufig gestellte Fragen zu Erschöpfung und chronischer Müdigkeit durch Alkohol

Kann Alkohol chronische Erschöpfung verursachen?

Ja. Alkohol kann chronische Erschöpfung verursachen oder deutlich verschärfen. Er stört die Schlafqualität, belastet den Energiestoffwechsel und fördert Mikronährstoffmängel. Die daraus entstehende Müdigkeit bleibt oft auch nach ausreichendem Schlaf bestehen.

Warum bin ich trotz Schlaf müde, wenn ich Alkohol trinke?

Alkohol fragmentiert den Schlaf und verkürzt Tiefschlafphasen. Das Gehirn regeneriert sich dadurch unvollständig. Die Folge ist eine anhaltende Tagesmüdigkeit, die sich klar von normalem Schlafmangel unterscheidet.

Welche Rolle spielt Vitamin B1 bei Erschöpfung durch Alkohol?

Vitamin B1 ist essenziell für die Energiegewinnung in Nervenzellen. Alkohol schädigt die Aufnahme von B1 im Darm, erhöht seinen Verbrauch und stört seine Aktivierung. Ein funktioneller B1-Mangel kann dadurch selbst bei unauffälligen Laborwerten entstehen und zur Erschöpfung beitragen.

Warum helfen Laborwerte bei Vitamin-B1-Mangel oft nicht weiter?

Ein Vitamin-B1-Mangel zeigt sich selten zuverlässig im Routinelabor. Entscheidend ist nicht der Serumspiegel, sondern die intrazelluläre Verfügbarkeit und die Funktion thiaminabhängiger Enzyme. Betroffene können daher mangelversorgt sein, obwohl Blutwerte unauffällig erscheinen.

Ist alkoholbedingte Fatigue reversibel?

In vielen Fällen ja. Wird Alkohol konsequent reduziert oder weggelassen und werden Mikronährstoffmängel berücksichtigt, verbessern sich Schlaf, Energiestoffwechsel und Belastbarkeit häufig deutlich. Je früher eingegriffen wird, desto besser sind die Chancen auf Erholung.


Kurzer Überblick über Studien zu Erschöpfung und chronischer Müdigkeit durch Alkohol

Die Forschung beschreibt mehrere gut belegte Wege, über die Alkohol chronische Erschöpfung verstärkt. Die wichtigsten Punkte:

Kurzfazit: Die Datenlage stützt die klinische Erfahrung: Alkohol verschlechtert Schlaf und Neuroregulation und erhöht gleichzeitig das Risiko für funktionelle Mikronährstoffmängel – eine Kombination, die Erschöpfung stabilisieren kann.


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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitgründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitgründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Störungen des Hirnstoffwechsels sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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