Über 26 Monate ist es nun her, dass ich mich von meinem vermeintlichen Freund verabschiedet habe. Wobei „verabschiedet“ eigentlich viel zu höflich klingt. In Wahrheit habe ich ihn in die Wüste geschickt: meinen ehemaligen Begleiter Alkohol. Und ganz ehrlich – ich war froh, als er weg war. (…)
Doch irgendwo auf diesem Weg, fast unbemerkt, trat jemand Neues an meine Seite. Keine spektakuläre Erscheinung, keine große Geste, kein Feuerwerk: meine Abstinenz.
Sie drängte sich nicht auf. Sie war keine laute Reform, keine strenge Instanz. Sie war einfach da – sanft, ruhig, fast schüchtern. Sie nahm mich an die Hand, nicht um mich zu ziehen, sondern um mit mir zu gehen. Ihr Griff war keine Forderung, sondern eine leise Einladung: „Lass uns heute zusammen gehen. Und morgen schauen wir weiter.“ (…)
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum fühlt sich Abstinenz nach vielen Monaten ohne Alkohol plötzlich wie eine stabile, verlässliche Beziehung an – und was passiert dabei neurobiologisch?
Nach längerer Alkoholabstinenz normalisieren sich zentrale Stress- und Belohnungssysteme im Gehirn schrittweise. Während chronischer Alkoholkonsum Dopamin-, GABA– und Glutamat-Systeme dysreguliert, stabilisiert ein konsequenter Alkoholstopp diese Netzwerke wieder. Viele Betroffene erleben deshalb nicht nur weniger Craving, sondern auch eine ruhigere Grundstimmung und eine verbesserte Emotionsregulation. Psychologisch betrachtet entsteht hier eine neue Selbstwirksamkeitserfahrung: Abstinenz ist kein Verzicht mehr, sondern eine Ressource. Genau dieser Perspektivwechsel markiert oft den Übergang von bloßem Durchhalten zu echter Stabilisierung.

