Klar, am Anfang verwendete ich die einfachen Entschuldigungen: ich nehme Medikamente, Fastenzeit, Dry January, Sportphase etc. Es half kurzfristig. Bei manchen Menschen war ich auch offen. Und ich gehe fest davon aus, dass das auch hinter meinem Rücken wie eine Breaking News die Runde machte: „Er trinkt nicht mehr, weil er nicht mehr DARF“. Das zeigen die auch nach vier Jahren immer noch vorkommenden Blicke nach unten, das „Gar-nicht-erst-fragen“, ob man etwas trinken will. „Es“ steht halt immer im Raum.
Was sich verändert hat, ist mein Umgang damit. Es ist mir zwischenzeitlich völlig egal geworden. Wenn es – selten – dazu kommt, dass es mal zur Sprache kommt, kann ich sagen, dass Alkohol ja die komische Eigenschaft hat, dass man durch den erfolgreichen „Kampf“ gegen ihn (es ist kein Kampf, aber das Wort wird halt immer wieder verwendet) in der Wertung absteigt. Das auch hier im Forum zuweilen geschilderte „Lob, es geschafft zu haben“, nehme ich meist als vergiftetes Lob wahr, bei dem meist ein gedankliches „Du Armer“ bestenfalls mitschwingt. …
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum greifen viele Menschen beim Alkoholentzug zunächst zu Ausreden, um keinen Alkohol zu trinken?
Der Einsatz von „sozial akzeptierten Gründen“ wie Medikamente, Fastenzeit oder Sport ist ein typisches Übergangsverhalten in der frühen Phase der Abstinenz. Betroffene schützen damit ihre noch fragile Entscheidung, ohne sich sofort offen positionieren zu müssen. Gleichzeitig zeigt der geschilderte Verlauf einen wichtigen Entwicklungsschritt: Mit zunehmender Stabilität verliert die Außenwirkung an Bedeutung, während die innere Haltung klarer wird.
Die beschriebenen Reaktionen des Umfelds – von vorsichtigem Nicht-Nachfragen bis zu subtiler Abwertung – spiegeln gesellschaftliche Normen im Umgang mit Alkohol wider. Alkoholverzicht wird häufig nicht als Gewinn, sondern als Abweichung wahrgenommen.
Langfristig entscheidend ist daher nicht die Strategie der Rechtfertigung, sondern die Entwicklung einer stabilen, nicht mehr erklärungsbedürftigen Abstinenz. Genau dieser Übergang wird im Beitrag sichtbar.
Häufig gestellte Fragen zu Entschuldigungen in der frischen Abstinenz (FAQ)
Ist es normal, beim Alkoholentzug zunächst Ausreden zu nutzen?
Ja, das ist sehr häufig. Viele Menschen nutzen anfangs soziale „Schutzstrategien“, um Diskussionen zu vermeiden und ihre Entscheidung innerlich zu stabilisieren.
Alkohol ist sozial stark verankert. Wer nicht mittrinkt, stellt unbewusst die Gewohnheiten anderer infrage, was Unsicherheit oder Abwehr auslösen kann.Warum reagieren andere Menschen komisch, wenn man keinen Alkohol mehr trinkt?
Das hängt von der Situation ab. Viele beginnen mit Ausreden und werden mit der Zeit offener, wenn ihre Abstinenz stabiler geworden ist.Sollte man offen sagen, dass man keinen Alkohol mehr trinkt?
Solches Lob kann unterschwellig mitleidig wirken und die frühere Problematik betonen, statt die aktuelle Stärke anzuerkennen.Warum fühlt sich Lob für Abstinenz manchmal unangenehm an?

