Dass die ursprüngliche Motivation meiner Abstinenz darin liegt, dass ich mit Alk nicht umgehen kann und ich nach dem ersten Glas kein Ende finde, spielt für mich keine Geige. Mich hat in den letzten Jahren auch nix groß getriggert. Ich trinke einfach keinen Alk mehr und das funktioniert fast wie von selber und ohne Anstrengung ganz wunderbar. Wenn ich 5 Wünsche frei hätte, würde der Wunsch kontrolliert Trinken zu können nicht vorkommen. Alkohol trinken zu können ist mir viel zu unwichtig.
Alkoholsucht und Abhängigkeit sind ein weites Feld mit vielen Facetten. Und es gibt nicht nur die Facette des ex Hardcore-Säufers, der sein ganzes Leben für seine Abstinenz kämpfen und laufend auf der Hut sein muss. Deine Erfahrungen sind auch nur eine Facette, die Du sicherlich mit vielen Betroffenen teilst, aber längst nicht mit allen. Ich habe offenbar eine ganz andere Facette kennengelernt.
Langer Rede kurzer Sinn: Ich trinke hin und wieder ein alkoholfreies Bier, bin in keiner Selbsthilfegruppe und achte nicht auf Alkohol, der mir bei der Ernährung oder in Süßspeisen unterkommt und ich setze damit nicht viel aufs Spiel. Wenn ich morgens im Stadtverkehr mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, setzte ich jedesmal viel mehr aufs Spiel. …
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek zur Abstinenz ohne Kampf
Ist es möglich, die Alkoholsucht hinter sich zu lassen, ohne täglich dafür kämpfen zu müssen – und was steckt medizinisch dahinter?
Der Bericht beschreibt eine Verlaufsform der Alkoholabhängigkeit, die in der Forschung gut belegt, aber wenig bekannt ist: Nicht alle Betroffenen erleben ihre Abstinenz als dauerhaften Willenskampf. Studien – darunter die große NESARC-Studie – zeigen, dass ein erheblicher Teil der Menschen mit früherer Alkoholkonsumstörung den Konsum dauerhaft einstellt, ohne formale Behandlung oder Selbsthilfegruppen. Entscheidend ist dabei häufig, dass das Suchtgedächtnis unter bestimmten Bedingungen wenig aktiviert wird: Wer kaum Trigger erlebt und kein Verlangen nach kontrolliertem Trinken mehr verspürt, hat neurobiologisch günstige Voraussetzungen. Das bedeutet nicht, dass dieser Weg für alle gangbar ist – Abhängigkeit hat viele Gesichter. Es bedeutet aber, dass Abstinenz nicht zwingend mit Anstrengung verbunden sein muss.
Häufig gestellte Fragen zur Abstinenz ohne Therapie und Selbsthilfegruppe (FAQ)
Kann man Alkoholsucht überwinden, ohne in eine Selbsthilfegruppe zu gehen?
Ja – das ist möglich und wissenschaftlich belegt. Studien zeigen, dass ein relevanter Teil der Menschen mit Alkoholkonsumstörung dauerhaft abstinent wird, ohne formale Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Entscheidend sind individuelle Faktoren wie Trigger-Exposition, soziales Umfeld und die persönliche Bindung an den Alkohol.
Was bedeutet es, wenn einem kontrolliertes Trinken völlig egal ist?
Wer kein Verlangen mehr danach verspürt, kontrolliert trinken zu können, zeigt damit, dass Alkohol emotional und kognitiv keinen Platz mehr einnimmt. Medizinisch ist das ein günstiges Zeichen: Das Suchtgedächtnis wird kaum aktiviert, Craving tritt nicht auf. Das ist nicht bei allen so – macht diesen Zustand aber nicht weniger real.
Ist alkoholfreies Bier in der Abstinenz ein Risiko?
Für viele Abstinente ist alkoholfreies Bier unproblematisch, weil es keinen Rausch erzeugt. Bei Menschen mit starkem Suchtgedächtnis kann jedoch allein der Geschmack Craving auslösen. Wer – wie hier beschrieben – keine Wirkung verspürt und keine Trigger erlebt, geht damit offenbar kein nennenswertes Risiko ein.

