Bei mir entsteht sofort ein ganz anderes Bild: ein Posaunenchor in einer evangelischen Kirchengemeinde. Nach außen: blank geputzte Instrumente, feierliche Musik, eine würdevolle Atmosphäre. Doch hinter den Kulissen gehörte Alkohol auch dort dazu – leise, unauffällig, aber präsent.
Ich kam mit zwölf Jahren dazu und wusste damals oft nicht, was ich da eigentlich roch. Es waren jedenfalls nicht die alten Notenbücher. Getrunken wurde nicht offen, eher nebenbei, im Verborgenen – aber der Geruch hing noch lange zwischen den Notenständern.
Mit den Jahren wurde ich Teil dieser Welt. Im Winter „gegen die Kälte“, im Sommer „gegen den Durst“. Nach Auftritten, bei Festen, beim Zusammensitzen – es war einfach da. Selbstverständlich. …
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum wird Alkohol in sozialen Gruppen – auch ohne Bühne und Prominenz – so schnell zur normalen Gewohnheit?
Der geschilderte Verlauf zeigt ein klassisches Muster sozial erlernten Alkoholkonsums. Alkohol wird nicht primär wegen seiner Wirkung eingeführt, sondern als Teil von Ritualen, Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Gerade in strukturierten Gruppen wie Vereinen oder kirchlichen Kontexten entsteht dadurch eine stille Norm.
Das Gehirn verknüpft diese Situationen früh mit positiven Reizen wie Wärme, Entspannung oder sozialer Nähe. Diese Kopplung läuft weitgehend unbewusst und stabilisiert sich über Jahre. Entscheidend ist: Die Funktion des Alkohols wird selten hinterfragt, weil er nicht als Problem, sondern als Begleiter erlebt wird.
Solche frühen Prägungen können später eine wichtige Rolle bei der Entwicklung eines problematischen Konsums spielen. Sie erklären, warum Alkohol oft tief im Alltag verankert bleibt – auch ohne exzessives Trinken. …

