Nach meiner ersten Entgiftung vor 18 Jahren war ich mit meiner Nüchternheit alles andere als glücklich. Im Gegenteil: Ich habe mich regelrecht dafür geschämt. Abstinent zu sein fühlte sich für mich damals nicht wie ein Erfolg an, sondern eher wie ein Makel, den ich möglichst gut verbergen wollte. Also habe ich genau das getan.
Ich habe geschwiegen. Und ich habe Ausreden erfunden.
Wenn mir Alkohol angeboten wurde, musste immer eine Begründung her: angebliche Medikamente, ich müsse noch fahren, „heute passt es einfach nicht“. Fadenscheinige Erklärungen, Notlügen, Ausflüchte. Heute weiß ich: Das waren nicht nur Lügen gegenüber anderen. Vor allem waren es Lügen gegenüber mir selbst.
Dieses Versteckspiel brachte mich immer wieder in schwierige, manchmal geradezu absurde Situationen. Vor allem aber kostete es unglaublich viel Kraft….
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum fällt es vielen Menschen nach einem Alkoholentzug so schwer, Alkohol offen abzulehnen und zur eigenen Abstinenz zu stehen?
Gerade in der frühen Abstinen erleben viele Betroffene ihre Nüchternheit noch nicht als innere Stabilität, sondern zunächst als etwas, das sie verbergen möchten. Scham, Unsicherheit und die Angst vor Nachfragen führen dann oft dazu, dass Ausreden, Notlügen und Rückzugsstrategien entstehen. Das kostet viel Kraft, weil nicht nur der Alkohol selbst Thema bleibt, sondern auch jede soziale Situation mit einer inneren Anspannung verknüpft wird. Erst mit zunehmender Festigung der Abstinenz lässt dieser Rechtfertigungsdruck meist nach. Typisch ist also nicht persönliches Versagen, sondern eine noch fragile innere Neuorientierung nach problematischem Alkoholkonsum.
Häufig gestellte Fragen zu “Alkohol ablehnen” (FAQ)
Warum erfinden viele Menschen nach dem Alkoholentzug Ausreden, wenn ihnen Alkohol angeboten wird?
Viele schämen sich anfangs noch für ihre Abstinenz oder möchten unangenehme Nachfragen vermeiden. Die Ausrede dient dann als Schutz, obwohl sie innerlich oft zusätzlichen Druck erzeugt.
Ja. Gerade in den ersten Monaten wirkt Abstinenz oft noch ungewohnt und sozial verletzlich. Mit der Zeit wächst bei vielen die innere Sicherheit, offen Nein zu sagen.Ist es normal, sich in der frühen Abstinenz unsicher zu fühlen?
Weil Betroffene nicht nur auf Alkohol verzichten, sondern gleichzeitig soziale Situationen kontrollieren, Erklärungen vorbereiten und Nachfragen abwehren müssen. Das erhöht die innere Anspannung deutlich.Warum kostet das Versteckspiel rund um Alkohol so viel Kraft?
In vielen Fällen ja. Wenn die eigene Abstinenz nicht mehr als Makel erlebt wird, sondern als bewusste Entscheidung, verschwindet der Drang zu Ausreden oft deutlich.Wird es mit der Zeit leichter, Alkohol offen abzulehnen?

