Wenn Du heute mit dem Gedanken aufgewacht bist …
„So ganz rund läuft es noch nicht, aber irgendetwas ist besser“
… dann liegst Du genau richtig. Denn das eigentliche Gift von gestern ist inzwischen aus Deinem Körper verschwunden. Aber der Alkohol wirkt noch nach, viel länger als man gemeinhin denkt.
Acetaldehyd: abgehakt
Das sehr toxische Abbauprodukt des Alkohols, das gestern noch Kopfschmerz, Übelkeit, Herzrasen und innere Unruhe ausgelöst hat, ist bei den meisten Menschen nach 24 bis spätestens 36 Stunden vollständig weiterverarbeitet. Acetaldehyd wird zu Acetat umgewandelt und letztlich zu Wasser und Kohlendioxid abgebaut. Chemisch gesehen ist der Spuk dadurch vorbei.
Das Notfallprogramm ist damit beendet. Aber Dein Körper ist noch nicht im Entspannungsmodus. Er befindet sich jetzt erst in der Aufräum- und Reparaturphase.
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Was bleibt: oxidativer Stress
Beim Abbau von Alkohol entstehen nicht nur giftige Zwischenprodukte, sondern auch große Mengen sogenannter reaktiver Sauerstoffverbindungen. Diese greifen Zellmembranen, Eiweiße und Mitochondrien, die kleinen Kraftwerke in den Zellen, an. Man spricht von oxidativem Stress. Am Tag 2 ist dieser Stress noch spürbar …
- als bleierne Müdigkeit
- als dumpfer Kopfdruck
- als reduzierte Belastbarkeit
- manchmal auch als emotionale Flachheit
Der Unterschied zu gestern ist entscheidend: Der Stress wird jetzt nicht mehr neu erzeugt.
Ohne weiteren Alkohol kann der Körper beginnen, Schäden zu reparieren, Entzündungsreaktionen herunterzufahren und die Balance im Nervensystem langsam wiederherzustellen.
Vom Alarmzustand zur Ordnung
Gestern ging es dem Organismus buchstäblich ums Überleben – heute geht es ums Wiederherstellen. Viele merken das an Kleinigkeiten:
- der Puls wirkt ruhiger
- das Herz stolpert weniger
- die innere Unruhe lässt nach
- Gedanken werden klarer
- der Körper fühlt sich weniger „vergiftet“ an
Man ist nicht euphorisch. Aber stabiler.
Tag 2 ist oft der erste Tag, an dem sich Nüchternheit nicht mehr wie reiner Verzicht anfühlt, sondern wie eine vorsichtige Entlastung.
Ein gutes Zeichen
Wenn Du heute müde bist, dann nicht, weil Dein Körper versagt. Sondern weil er arbeitet. Er räumt auf, repariert, reguliert. Und genau dafür braucht er Energie und Ruhe.
Morgen schauen wir uns an, was Dein Körper jetzt konkret wieder aufbauen will und warum genau diese Phase darüber entscheidet, ob der dry january sich quälend anfühlt oder überraschend leicht.
Schau also wieder rein.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.

