Emotionen gehören zum Leben. Entscheidend ist nicht, ob sie auftreten, sondern wie stark sie ausschlagen – und wie schnell sie sich wieder beruhigen. Genau hier beginnt sich nach mehreren Wochen ohne Alkohol etwas Grundlegendes zu verändern.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Amygdala. Sie ist ein kleines, aber äußerst einflussreiches Areal tief im Gehirn. Ihre Aufgabe ist es, emotionale Bedeutung zu erkennen – vor allem Gefahr, Bedrohung und soziale Unsicherheit. Die Amygdala entscheidet blitzschnell, ob etwas alarmierend ist, noch bevor der Verstand eingreift.
Unter Alkohol gerät dieses System aus dem Gleichgewicht.
Kurzfristig dämpft Alkohol die Aktivität der Amygdala. Ängste wirken schwächer, Reaktionen flacher, Konflikte verlieren an Schärfe. Das fühlt sich wie emotionale Entlastung an. Doch das Gehirn passt sich an diesen künstlichen Zustand an. Mit der Zeit wird die Amygdala empfindlicher, nicht ruhiger. Reize werden schneller als bedrohlich interpretiert, Stressreaktionen springen früher an, emotionale Ausschläge werden heftiger.
Nach dem Abbau des Alkohols zeigt sich genau das Gegenteil der erhofften Beruhigung: Reizbarkeit, innere Unruhe, Überempfindlichkeit gegenüber Kritik oder Konflikten. Die Amygdala bleibt im Alarmmodus – selbst dann, wenn objektiv keine Gefahr besteht.
Fällt der Alkohol weg, reagiert dieses System zunächst nicht sofort mit Entspannung. In den ersten Tagen und Wochen kann die emotionale Reaktivität sogar zunehmen. Doch ab etwa der dritten bis vierten Woche beginnt sich die Lage zu verschieben.
Die Amygdala wird wieder besser reguliert.
Nicht, weil Emotionen verschwinden. Sondern weil ihre Intensität abnimmt. Reize lösen noch Reaktionen aus, aber sie schießen weniger schnell über das Ziel hinaus. Gefühle fluten nicht mehr das gesamte System. Zwischen Impuls und Reaktion entsteht wieder Abstand.
Viele erleben das nicht als „Ruhe“, sondern als emotionale Verlässlichkeit. Ärger bleibt Ärger – aber er eskaliert nicht. Unsicherheit bleibt spürbar – aber sie kippt nicht sofort in Angst. Konflikte hallen nicht mehr stunden- oder tagelang nach.
Diese Veränderung ist kein Training und kein bewusster Prozess. Sie entsteht aus der wiederhergestellten Zusammenarbeit zwischen Amygdala und präfrontalem Cortex – also zwischen emotionaler Bewertung und rationaler Einordnung. Das Gehirn lernt erneut, Emotionen einzuordnen, statt von ihnen überrollt zu werden. Tag 24 steht damit nicht für Gleichmut oder Gefühllosigkeit. Sondern für etwas Bodenständigeres und Wertvolleres:
Emotionen verlieren ihre Dominanz. Sie informieren – sie steuern nicht mehr automatisch. Wenn Du heute merkst, dass Dich Dinge noch berühren, aber weniger aus der Bahn werfen, ist das kein Zufall. Deine emotionale Alarmzentrale beginnt, wieder angemessen zu reagieren.
Morgen schauen wir uns an, warum genau diese Stabilität eine Voraussetzung dafür ist, Beziehungen, Entscheidungen und Belastungen langfristig nüchtern auszuhalten.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


