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Histamin, Alkohol und Herzrhythmus: Warum Wein so oft Herzrasen und Unruhe auslöst

Frau schaut mit gerötetem Gesicht auf ein Weinglas. Künstlerische Darstellung einer Reaktion auf Histamin.

Stell dir vor: Du trinkst ein Glas Rotwein, genießt den Abend – und plötzlich schlägt dein Herz wie verrückt. Das Gesicht glüht, eine innere Unruhe macht sich breit. Bier oder Wodka machen das nicht, nur Wein. Viele denken sofort: „Histaminintoleranz!“

Aber ist das wirklich die ganze Geschichte? Wir schauen genauer hin – und entdecken, warum diese Symptome oft ein klares Signal Deines Körpers sind, dass Alkohol Dir langfristig nicht guttut.

Von Dr. med. Bernd Guzek

Viele Menschen kennen das: Ein Bier am Abend geht noch einigermaßen klar, ein Schnaps oder Weinbrand manchmal auch – aber ein einziges Glas Wein, und schon geht es los: Das Gesicht wird rot, das Herz klopft plötzlich schneller, eine innere Unruhe breitet sich aus, manchmal sogar richtiges Herzrasen. Schnell denkt man dann an „Histaminintoleranz“. Das klingt plausibel, ist aber oft nur die halbe Wahrheit.

Wein ist kein reines Histaminproblem. Er bringt mehrere Faktoren mit, die sich gegenseitig hochpuschen – und genau das macht ihn für Herz, Gewebe und Nervensystem so tückisch. Besonders für Menschen, die ohnehin mit Alkohol kämpfen, können diese Symptome ein wichtiges Warnsignal sein.

Woher kommt das Histamin im Wein eigentlich?

Histamin ist kein künstlicher Zusatzstoff, sondern entsteht ganz natürlich als Nebenprodukt der Weinherstellung. Es ist ein sogenanntes “biogenes Amin“. Bestimmte Mikroorganismen bauen während der Gärung Aminosäuren ab – und schon ist Histamin da. Vor allem die sogenannte malolaktische Gärung, die bei vielen Rotweinen durchgeführt wird, fördert das.

Ob und wie viel Histamin letztendlich im Glas landet, hängt von vielen Dingen ab: von der Hygiene im Weingut, der Lagerung, dem Gärprozess und der natürlichen Mikroflora. Deshalb sind die Unterschiede riesig: Ein Wein kann fast histaminfrei sein, der nächste aus demselben Regal deutlich mehr enthalten. Rotwein hat im Schnitt etwas höhere Werte als Weißwein, aber das ist kein verlässliches Merkmal.

Trotzdem: Die reine Histaminmenge erklärt die Beschwerden oft nicht vollständig. Viele reagieren genauso stark auf histaminarme Weine. Das zeigt: Das Problem liegt nicht nur im Glas, sondern vor allem im eigenen Körper.

Kommt Histamin auch in alkoholfreien Weinen vor?

Viele Menschen gehen davon aus, dass alkoholfreier Wein automatisch auch histaminfrei sei. Das ist so leider nicht korrekt. Histamin entsteht nicht durch den Alkohol selbst, sondern während der Gärung. Und genau dieser Prozess findet auch bei Weinen statt, die später entalkoholisiert werden.

Alkoholfreier Wein beginnt zunächst als ganz normaler Wein. Erst nach der Gärung wird ihm der Alkohol entzogen – das Histamin bleibt dabei jedoch im Getränk. Ob und wie viel Histamin enthalten ist, hängt also auch hier von Herstellung, Gärführung und mikrobiologischer Kontrolle ab, nicht vom Alkoholgehalt am Ende.

Allerdings fehlt beim alkoholfreien Wein ein entscheidender Verstärker: der Alkohol selbst. Ohne Ethanol und ohne die Entstehung von Acetaldehyd fällt die histaminerge Wirkung bei vielen Menschen deutlich schwächer aus. Deshalb berichten manche, dass sie alkoholfreien Wein besser vertragen – andere reagieren jedoch weiterhin mit Flush, Herzklopfen oder Unruhe.

Das zeigt erneut: Histamin allein erklärt die Symptome nicht vollständig. Der Alkohol wirkt normalerweise wie ein Brandbeschleuniger. Fehlt er, kann die Reaktion milder ausfallen – sie verschwindet aber nicht zwingend.

Gerade für Menschen mit empfindlichem Nervensystem oder bestehenden Herzsymptomen gilt deshalb: Auch alkoholfreier Wein ist kein völlig neutrales Getränk und kann – je nach individueller Veranlagung – weiterhin Beschwerden auslösen.

Was Histamin im Körper anstellt – und warum nicht jeder gleich empfindlich ist

Histamin ist eigentlich ein ganz normaler Botenstoff in unserem Körper. Es reguliert unter anderem die Blutgefäße, das Immunsystem und die Nerven. Histamin ist außerdem ein zentraler Spieler bei Entzündungsreaktionen: Es macht Gefäße durchlässiger, lockt Immunzellen an den Ort des Geschehens und verstärkt so die typischen Entzündungszeichen wie Rötung, Wärme, Schwellung und Schmerz.


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Genau diese entzündungsfördernde Wirkung erklärt den klassischen Flush nach Wein besonders gut: Das Gesicht wird rot und heiß, weil Histamin die kleinen Blutgefäße in der Haut weit stellt und mehr Blut durchfluten lässt – eine Mini-Entzündungsreaktion, ausgelöst durch den Botenstoff. Probleme entstehen erst, wenn zu viel Histamin unterwegs ist, der Körper es nicht schnell genug abbaut oder bereits leichte Entzündungsprozesse im Hintergrund laufen, die durch zusätzliches Histamin angefacht werden.

Manche Menschen bauen Histamin super effizient ab, andere deutlich schlechter. Das hängt ab von Genen, Stress, Schlafmangel, Hormonen, Medikamenten oder dem allgemeinen Nährstoffstatus. Deshalb verträgt der eine ein Glas Wein ohne Probleme, während der andere schon bei kleinen Mengen Flush, Herzklopfen oder Unruhe spürt.

Typische Histamin-Effekte am Herz-Kreislauf-System sind:

  • Wärmegefühl und Gesichtsrötung
  • Schnellerer Puls
  • Herzklopfen oder unregelmäßiges Schlagen

Das fühlt sich beängstigend an, hat aber meist nichts mit einer echten Herzkrankheit zu tun – sondern mit der Reaktion von Gefäßen und Nerven.

Warum Alkohol das Ganze noch viel schlimmer macht

Hier kommt der entscheidende Punkt: Alkohol ist kein neutraler Transporter für Histamin. Er verstärkt die Wirkung massiv – und das selbst in Weinen, die kaum Histamin enthalten.

Alkohol (genauer: Ethanol und vor allem sein hoch giftiges Abbauprodukt Acetaldehyd) kann:

  • Die Freisetzung von körpereigenem Histamin aus den Zellen anregen
  • Gleichzeitig den Abbau von Histamin blockieren
  • Das Nervensystem empfindlicher machen

Dadurch wirkt auch wenig Histamin länger und stärker. Viele spüren die Beschwerden deshalb nicht sofort beim Trinken, sondern erst Stunden später, wenn der Alkohol abgebaut wird und Acetaldehyd im Blut ist.

Acetaldehyd ist deutlich giftiger als seine Ausgangssubstanz Alkohol und ein richtiger Übeltäter: Es wirkt gefäßerweiternd, nervenreizend und stressverstärkend. Genau das löst oft das Herzrasen und die innere Unruhe aus – unabhängig vom Histamin.

Wie stark das bei Dir zuschlägt, hängt wieder von deinen Genen ab (manche bauen Acetaldehyd schlechter ab), von der Menge, dem Tempo, Stress oder Schlafmangel. Deshalb ist die Reaktion so unterschiedlich.

„Histaminintoleranz“ – oft mehr Nebelbombe als klare Diagnose

Der Begriff klingt so schön eindeutig, ist aber in der Realität meist komplizierter. Viele Betroffene reagieren nur manchmal, haben wechselnde Symptome und profitieren nicht wirklich von extrem strengen Histamin-Diäten, die von Experten wie Kyra und Sascha Kaufmann in ihrem Buch “Der Histamin-Irrtum: Weg von Radikaldiäten und Verbotslisten” massiv in Frage gestellt werden. Der Enzymwert DAO allein erklärt selten alles.

Wichtig dabei: Eine angebliche oder wirkliche Histaminintoleranz ist kein Freifahrtschein, weiter Alkohol zu trinken und nur den „richtigen Wein” zu suchen. Die Symptome sind real – aber sie zeigen meist zuerst einmal, dass Alkohol insgesamt nicht gut vertragen wird.

Andere mögliche Ursachen – nicht alles ist Histamin

Manchmal steckt auch ein genetisch bedingter schlechter Acetaldehyd-Abbau dahinter (der klassische „Asian Flush“, der aber auch bei Europäern vorkommt). Das führt zu genau denselben Symptomen: plötzlicher Rötung, Herzklopfen, Unruhe.

Sulfite werden oft verdächtigt, sind aber für Herzrasen kaum verantwortlich – eher für Atemprobleme bei Asthmatikern. Andere Stoffe im Wein spielen höchstens eine Nebenrolle.

Was das besonders für Menschen mit Alkoholproblemen bedeutet

Wenn Du akut mit Alkohol kämpfst, sind solche Symptome doppelt wichtig. Viele interpretieren Herzrasen nach Wein als „Unverträglichkeit“ – und suchen dann nach „besser verträglichen“ Sorten.

Doch in Wahrheit verschwinden diese Beschwerden bei den meisten, sobald der Alkoholkonsum reduziert oder besser noch ganz gestoppt wird. Das Nervensystem beruhigt sich, das Herz wird ruhiger, die Empfindlichkeit nimmt ab.

Die Symptome sind kein Zufall und kein Schicksal. Sie sind ein Signal Deines Körpers: Alkohol belastet Herz und Nerven – auch in kleinen Mengen.

Fazit

Herzrasen und Unruhe nach Wein sind selten nur ein Histaminproblem. Histamin, Alkohol und Acetaldehyd verstärken sich gegenseitig und treffen ein ohnehin oft gestresstes Nervensystem.

Die Beschwerden sind real und ernst zu nehmen. Nicht, um den nächsten „histaminarmen Wein” zu finden, sondern um zu erkennen: Alkohol tut Dir nicht gut. Dein Körper sagt Dir das ganz deutlich – es lohnt sich, zuzuhören.

FAQ – häufig gestellte Fragen zu Histamin und Alkohol

Kann Histamin im Wein wirklich Herzrasen auslösen?

Ja. Histamin kann Gefäße erweitern und das Nervensystem aktivieren. Dadurch kann es zu Flush, schnellerem Puls und Herzklopfen kommen – besonders bei empfindlichen Menschen.

Warum bekomme ich Herzrasen nur von Wein, nicht von Bier oder Schnaps?

Wein vereint mehrere Trigger: Histamin, Alkohol und dessen Abbauprodukt Acetaldehyd. Diese Kombination verstärkt sich gegenseitig und belastet Herz und Nervensystem stärker als andere Getränke.

Ist das immer eine Histaminintoleranz?

Nein. Viele Menschen mit Herzrasen nach Wein haben keine klassische Histaminintoleranz. Häufig ist Alkohol selbst der entscheidende Verstärker, nicht das Histamin allein.

Welche Rolle spielt Acetaldehyd bei Herzrasen nach Alkohol?

Acetaldehyd ist ein giftiges Abbauprodukt von Alkohol. Es wirkt nervenreizend, gefäßerweiternd und stressverstärkend und kann Herzrasen und Unruhe auch unabhängig von Histamin auslösen.

Sind Sulfite im Wein schuld am Herzrasen?

Sulfite können bei Asthmatikern Atemprobleme verursachen. Für Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen gelten sie jedoch nicht als Hauptursache.

Was bedeutet das für Menschen mit Alkoholproblemen?

Herzrasen nach Wein ist oft ein Warnsignal. Bei vielen verschwinden diese Symptome, sobald Alkohol reduziert oder ganz weggelassen wird. Der Körper zeigt früh, dass er überfordert ist.

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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