Mentale Klarheit fühlt sich oft wie ein plötzliches Aufwachen an. Gedanken werden sortierbarer, Reize weniger überwältigend, Entscheidungen fallen leichter. Viele beschreiben diesen Zustand als klaren Kopf. Biologisch ist das kein Wunder, sondern die Folge von Veränderungen, die sich über Wochen ohne Alkohol aufbauen.
Alkohol fördert im Gehirn entzündliche Prozesse. Nicht im Sinn einer akuten Entzündung mit Fieber oder Schmerz, sondern als dauerhafte, niedriggradige Aktivierung des Immunsystems. Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns, bleiben in Alarmbereitschaft. Das beeinflusst Signalübertragung, Energiehaushalt und Reizverarbeitung. Konzentration leidet, emotionale Reaktionen werden schneller und unsauberer, geistige Ermüdung tritt früh ein.
Mit anhaltender Abstinenz beginnt sich dieses Milieu zu beruhigen. Entzündliche Botenstoffe gehen zurück, die neuronale Kommunikation wird effizienter. Das Gehirn muss weniger Energie für „Störfeuer“ aufwenden und kann wieder präziser arbeiten. Diese Umstellung passiert nicht über Nacht, sondern schrittweise. Um Tag 23 herum wird sie für viele erstmals spürbar.
Mentale Klarheit bedeutet dabei nicht, dass alles leicht wird oder dass Belastungen verschwinden. Sie zeigt sich subtiler. Gedanken laufen weniger im Kreis. Gespräche lassen sich besser verfolgen. Entscheidungen fühlen sich weniger hektisch an. Reize drängen sich nicht mehr ungefiltert in den Vordergrund, sondern ordnen sich ein.
Wichtig ist: Dieser Effekt entsteht nicht durch Willenskraft oder Training. Er ist eine Folge veränderter Rahmenbedingungen im Gehirn. Weniger entzündliche Aktivität bedeutet mehr Kapazität für Fokus, Planung und innere Stabilität. Der Kopf arbeitet wieder mit Dir, nicht gegen Dich.
Tag 23 steht damit für einen inneren Wechsel von Daueranspannung zu geistiger Beweglichkeit. Nicht spektakulär, nicht euphorisch, aber tragfähig. Klarheit wird kein Ausnahmezustand mehr, sondern allmählich wieder der Normalfall.
Morgen schauen wir darauf, warum genau diese Klarheit eine entscheidende Rolle spielt, wenn es darum geht, neue Gewohnheiten nicht nur zu beginnen, sondern dauerhaft zu halten.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
Datenschutz: Die Auswertung erfolgt anonym in Deinem Browser. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben und keine Antworten gespeichert oder übertragen. Wenn Du das Browserfenster schließt sind die Daten weg.
Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
Beiträge in unserem Blog
- Frisch abstinent und auf der Gefühls-Achterbahn
- Benzodiazepine im Entzug: Pille statt Pulle?
- Nein ist ein vollständiger Satz!
- Histamin, Alkohol und Herzrhythmus: Warum Wein so oft Herzrasen und Unruhe auslöst
- Unglücklich trocken? Das muss nicht sein!
- Wie Alkohol zunächst Angstzustände lindert – später aber Panikattacken und Hangxiety auslöst
- Video-Blog: Dry January– mehr Veränderung, als viele erwarten
- Holiday-Heart-Syndrom: Wenn Alkohol Deinen Herzschlag zur Rave-Party macht
- Wie Alkohol den Blutdruck dauerhaft in die Höhe treibt
- Weihnachten ohne Alkohol ist machbar!

Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


