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Künstlerische Darstellung eines Gehirns – eine Hemisphäre ruhig, die andere aufgeregt

Unglücklich trocken? Das muss nicht sein!

Viele Menschen glauben, ein alkoholfreies Leben bedeute vor allem eines: jeden Tag kämpfen. Jeden Morgen neu entscheiden, jeden Abend standhalten, ein Leben lang wachsam bleiben. Doch was, wenn genau dieses Bild falsch ist? Was, wenn Abstinenz sich nicht wie ein Dauerduell anfühlen muss, sondern wie Ruhe? In diesem Beitrag geht es um einen anderen Blick auf Sucht, um Aufklärung statt Disziplin – und um die Frage, warum Alkohol für manche Menschen schlicht aus dem Leben verschwindet.

Von Gaby Guzek

Warum Abstinenz kein täglicher Kampf sein muss

Viele Menschen beschreiben ihren alkoholfreien Weg als einen täglichen Kampf. Jeden Morgen ein neuer Entschluss, jeden Abend ein erneutes Durchhalten. Diese Vorstellung begegnet mir in Foren, Selbsthilfegruppen und Gesprächen immer wieder – und sie gilt fast schon als selbstverständlich.

Ich kenne diesen täglichen Kampf nicht.

Nicht, weil ich stärker wäre oder mehr Disziplin hätte. Sondern weil Alkohol in meinem Leben schlicht keine Rolle mehr spielt. Er ist verschwunden. So vollständig, dass er im Alltag keinen Gedanken mehr wert ist. Und genau das unterscheidet meinen Weg von vielen klassischen Erzählungen über Abstinenz.

Woher kommt das Bild vom täglichen Kampf?

Ein zentraler Grund liegt aus meiner Sicht im etablierten Suchthilfesystem selbst. Es ist über Jahrzehnte gewachsen, stark verfestigt und in vielen Teilen nach innen geschlossen. Besonders prägend ist dabei die Grundannahme:

Du bist Alkoholiker – und Du bleibst es Dein Leben lang.

Die Erklärung für die Abhängigkeit bleibt dabei oft zirkulär: Du bist süchtig, weil Du Alkoholiker bist. Daraus folgt ein Therapieverständnis, das auf lebenslange Wachsamkeit setzt – regelmäßige Meetings, tägliche Selbstkontrolle, ständiges Aufpassen.

Wer dieses Modell infrage stellt, stößt nicht selten auf Widerstand. Zweifel gelten schnell als „krankes Denken“, das man besser nicht weiterverfolgt, um keinen Rückfall zu riskieren.

Sucht ist komplexer als ein einziges Erklärungsmodell

Dabei wissen wir heute, dass Sucht sehr unterschiedliche Ursachen haben kann. Dazu zählen unter anderem:

  • unbehandelte Depressionen
  • Angst- und Panikstörungen
  • ADHS
  • traumatische Erfahrungen in der Kindheit
  • neurobiologische Dysbalancen
  • durch Alkohol verursachte Nährstoffmängel

Gerade Letzteres wird häufig unterschätzt. Alkohol kann essenzielle Nährstoffe so stark beeinträchtigen, dass die körpereigene Herstellung von Neurotransmittern nicht mehr zuverlässig funktioniert. Stimmung, Stressverarbeitung und Impulskontrolle geraten aus dem Gleichgewicht – und Alkohol erscheint dann als scheinbare Lösung.

Dieses komplexe Zusammenspiel findet im klassischen Suchthilfesystem oft kaum Raum. Statt die Therapie an den Menschen anzupassen, wird häufig der Mensch an das Therapiekonzept angepasst.

Aufklärung statt Dauerdisziplin

Für mich war der entscheidende Wendepunkt die Aufklärung. Nicht als Ersatz für Hilfe, sondern als Erweiterung des Blicks. Bereits Immanuel Kant formulierte 1784: Sapere aude – wage es, Deinen Verstand zu gebrauchen.

Übertragen auf die Sucht bedeutet das: Es ist legitim und sinnvoll, sich zu fragen, warum Alkohol im eigenen Leben eine Rolle gespielt hat. Individuell. Ohne vorgefertigte Antworten.


Buch Alkohol adé ansehen


Genau diese Perspektive zieht sich durch meine Bücher Alkohol adé und Die Suchtlüge. Dort geht es darum, neurobiologische, psychologische und biochemische Zusammenhänge verständlich zu machen – nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um Klarheit zu schaffen.

Wenn Alkohol seine Funktion verliert

Für viele Menschen – mich eingeschlossen – liegt in diesem Verständnis der entscheidende Wendepunkt. Wenn die eigentlichen Ursachen erkannt und bearbeitet werden, verliert Alkohol seine Funktion. Er wird überflüssig.

Abstinenz fühlt sich dann nicht mehr wie ein täglicher Kraftakt an. Sondern wie ein stabiler Zustand. Keine permanente Selbstkontrolle, kein inneres Ringen – sondern Ruhe.

Ein alkoholfreies Leben ohne täglichen Kampf ist kein theoretisches Ideal. Es ist möglich. Und für viele genau der Perspektivwechsel, den sie gebraucht haben.


Jeder, sich mit Suchtbehandlung befasst, weiß, wer Bill W. war. Weniger wissen, dass der Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker überzeugt davon war, dass Nährstoffe den Ausstieg aus der Sucht deutlich erleichtern und zu schnelleren, stabilen Trockenheit führen können.

Bill W., einer der Gründer der Anonymen Alkoholiker, behandelte sich und andere bereits mit Nährstoffen, errreichte so zufriedene Trockenheit – und schrieb auch ein Buch darüber.

Bei der AA kam das nicht gut an, es gilt bis heute oft als quasi verbotenes Thema. Hier erfahrt Ihr mehr über das vergessene Kapitel der Anonymen Alkoholiker.


Warum Abstinenz kein täglicher Kampf sein muss – unglücklich trocken kenne ich für mich nicht

Transkript des Videos „Unglücklich trocken? Das muss nicht sein!“

Hallo, herzlich willkommen wieder zu einem neuen Reel von Nicht Geschüttelt, Nicht Gerührt, dem Videokanal von Alkohol adé für ein glückliches, alkoholfreies Leben. Wie Ihr seht, bin ich gerade spazieren im Winter Wonderland von Kärnten und wie man das manchmal so macht beim Spazierengehen, ich denke nach. Worüber? Heute Morgen an meiner ersten Schreibtischrunde habe ich wieder mal in vielen Foren gelesen und natürlich auch diskutiert und immer wieder, wieder, wieder stolpere ich über Forumsteilnehmer, die dieses „jeden Tag neu kämpfen“ betonen, also jeden Tag erneut der Entschluss, nicht zu trinken, jeden Tag ein neuer Kampf.

Mir tun die Leute einfach total leid. Also wenn ich mir vorstelle, dass ich jeden Tag kämpfen müsste, um nicht wieder rückfällig zu werden, ich glaube, das würde ich ehrlich nicht schaffen. Bin ich froh, dass ich – also anders ausgedrückt – wenn ich nicht beruflich Bücher über Sucht schreiben würde und wir nicht das Forum Alkohol adé hätten und und und, ich würde nicht mal mehr über Alkohol nachdenken. Der ist komplett aus meinem Leben verschwunden. Ich denke ja auch nicht jeden Tag daran, was weiß ich, getrocknete Heuschrecken oder so, ob ich die essen will oder muss – auch nicht.

Aber woher kommt das eigentlich? Woher kommt das, dass es so viele, aus meiner Sicht arme Nicht-mehr-Trinker gibt, die offensichtlich einen solchen täglichen Kampf fechten müssen?

Und genau darüber habe ich jetzt mal nachgedacht, und da würden mich Eure Gedanken auch total interessieren. Also aus meiner Sicht liegt das daran, dass die gesamte Suchthilfe ein unglaublich zementiertes und in sich geschlossenes System ist, das auch nicht sehr weit über seine Grenzen hinausguckt. Zugespitzt ist das erkennbar an den anonymen Alkoholikern – aber bitte nicht falsch verstehen: Die machen eine tolle Arbeit, und wer mit denen abstinent und glücklich leben kann, herzlichen Glückwunsch. Trotzdem ist es halt so ziemlich der Brennpunkt dessen, was ich sagen will, und deshalb nur mal als Beispiel.

Die AAs sagen ja, Du bist Alkoholiker und zwar Dein Leben lang. Und als Erklärung dafür, dass Du jetzt süchtig bist, gibt es den Satz: Ja, weil Du Alkoholiker bist. Was ich dabei sehe: Da wird gar nicht weiter geguckt. Genauso ist die sogenannte Therapie das Einzige: lebenslange Meetings, jeden Tag aufpassen.

Wer anfängt, das Ganze aber auch infrage zu stellen, der bekommt in den Meetings ziemlich schnell gesagt, das sei ein noch krankes Denken. Auf Deutsch: Man soll das besser nicht hinterfragen, weil man sonst ja wieder rückfällig würde. Auf der anderen Seite wissen wir aber ja nun mal, dass Sucht etwas ganz anderes ist und die Wurzeln in den unterschiedlichsten Dingen haben kann.

Ob das jetzt unbehandelte, drunterliegende Krankheiten sind wie Depressionen, Angst- und Panikstörungen, ADHS, Traumata in der Kindheit oder halt – was ich ja so gerne vor mir hertrage – durchaus eben auch Nährstoffmängel, die der Alkohol auslöst, die dann wiederum die Synthese, also die Herstellung von Nervenbotenstoffen, einfach verunmöglichen. Das heißt: Du kannst die nicht bilden, weil Dir diese Nährstoffe eben fehlen. Ein riesengroßes Universum an Möglichkeiten – und dieses Universum gibt es in der Suchthilfe so nicht.

Da gibt es vielleicht noch ein paar wenige Erklärungsansätze mehr als hier: „Ich bin Alkoholiker, weil ich Alkoholiker bin“, aber so wahnsinnig vielfältig ist das nicht. Also das ist dann vielleicht gerade noch ein Trauma, das ist dann eventuell noch die Depression – aber das war es schon. Und die Therapie ist ähnlich. Also dann wird eben der Betroffene der Therapie angepasst und nicht umgekehrt.

Eigentlich ist es Zeit für das Zeitalter der Aufklärung in der Suchttherapie. Ganz im Sinne des alten Immanuel Kant. Der hat bereits 1784 geschrieben: Sapere aude – wage es, Deinen Verstand zu gebrauchen.

Und Aufklärung ist die Auskehr des Menschen aus der selbst gewählten Unmündigkeit. Das kommt jetzt alles sehr philosophisch daher, aber das passt aus meiner Sicht genau hierher. Nämlich, dass wir sehr wohl anfangen dürfen und sollen, darüber nachzudenken, was bei uns individuell der Grund war, dass wir mal zur Flasche gegriffen haben.

Und das ist viel, viel, viel mehr als das, was die AAs oder viele andere Institutionen uns meinen vorgeben zu müssen. Ich für meinen Teil bin super froh, dass ich das alles nicht habe, dass ich nicht jeden Tag kämpfen muss und dass ich die Gnade hatte, das Wissen zu haben, mich beispielsweise mit neurobiologischen Zusammenhängen zu beschäftigen, die wir Euch ja alle in unseren Büchern – also Die Suchtlüge oder Alkohol adé – gerne erklären, die immer wieder Thema sind, auch bei uns im Forum von Alkohol adé. Und wenn auch Ihr es wagen wollt, Euren Verstand zu gebrauchen, dann schaut doch gerne mal vorbei.

Das war’s mal wieder, sozusagen die Taschenphilosophie des Tages von Nicht Geschüttelt, Nicht Gerührt, dem Reel-Kanal von Alkohol adé für ein glückliches, alkoholfreies Leben. Und wenn Du meinst, dass jemand anderes dieses Reel auch vielleicht mal gucken sollte, dann schick’s gerne weiter oder teilt es in den sozialen Medien. Ich mache jetzt noch meine Runde zu Ende und wünsche Euch einen wunderbaren Tag.

Bis zum nächsten Mal. Ciao!

Häufig gestellte Fragen zu „Unglücklich trocken“


Muss Abstinenz immer ein täglicher Kampf sein?

Nein. Viele erleben ihr alkoholfreies Leben als ständigen Kraftakt, weil sie auf Kontrolle statt auf Verständnis setzen. Wer die Ursachen seiner Sucht erkennt und bearbeitet, braucht keinen täglichen Kampf – Alkohol verliert dann einfach seine Bedeutung.

Warum ist Aufklärung so wichtig für ein stabiles alkoholfreies Leben?

Aufklärung hilft, die individuellen Gründe für den Alkoholkonsum zu verstehen – etwa Stress, Depression, Traumata oder Nährstoffmängel. Dieses Wissen verändert den Umgang mit sich selbst und macht Abstinenz leichter und natürlicher.

Was unterscheidet das Konzept von Alkohol adé von klassischer Suchthilfe?

Alkohol adé setzt auf Wissen statt Angst, auf Selbstreflexion statt lebenslange Wachsamkeit. Die Abstinenz soll nicht als Verzicht erlebt werden, sondern als befreiender Zustand ohne inneren Kampf.

Welche Rolle spielen die Bücher „Alkohol adé“ und „Die Suchtlüge“?

Beide Bücher von Gaby Guzek erklären die biologischen, psychologischen und biochemischen Hintergründe der Sucht. Sie zeigen, warum Verständnis und Aufklärung nachhaltiger wirken als Disziplin oder Kontrolle.


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Bild: Gaby Guzek vor leeren Weingläsern,

Gaby Guzek

Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé

Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.