Nach vier Wochen beginnt etwas Entscheidendes zu kippen – aber nicht im Sinne eines Endpunkts. Sondern im Sinne einer neuen Normalität.
Bis hierher ging es vor allem um Reparatur, Ausgleich und Stabilisierung. Das Gehirn musste Systeme beruhigen, Fehlanpassungen zurücknehmen, Übersteuerungen abbauen. Viel Energie floss in Korrektur. Ab Tag 29 verändert sich der Fokus: Es geht weniger um das Weglassen von Alkohol – und mehr darum, wie der Körper dauerhaft funktionieren soll.
Neurobiologisch bedeutet das: Prozesse, die zuvor nur unter günstigen Bedingungen stabil liefen, werden alltagstauglich. Schlaf, Stressverarbeitung, Motivation, Impulskontrolle und soziale Regulation müssen nicht mehr ständig gegengehalten werden. Sie beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen.
Das ist der Punkt, an dem aus Abstinenz langsam ein Lebensstil wird – nicht als Vorsatz, sondern als Folge funktionierender Systeme.
Alkohol hat viele Jahre lang wie ein Störsignal gewirkt. Er griff gleichzeitig in Belohnung, Stress, Emotion und Schlaf ein. Das Gehirn musste lernen, mit dieser Dauerstörung zu leben. Jetzt, ohne diesen Eingriff, entsteht wieder Spielraum. Nicht für Extreme, sondern für Nachhaltigkeit.
Nach fast einem Monat zeigt sich: Neurogesundheit ist kein Hochleistungszustand. Sie äußert sich nicht in permanenter Energie oder Euphorie. Sondern in Belastbarkeit. In der Fähigkeit, Phasen von Anspannung und Entspannung zu wechseln, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten. In klareren Entscheidungen. In einer realistischeren Einschätzung der eigenen Grenzen.
Viele erleben das als unspektakulär – und genau das ist der Punkt.
Ein gesund arbeitendes Gehirn drängt sich nicht in den Vordergrund. Es erlaubt, den Alltag zu bewältigen, ohne ständig Aufmerksamkeit zu fordern. Probleme dürfen auftreten, ohne sofort alles zu überlagern. Motivation entsteht nicht aus Druck, sondern aus Machbarkeit.
Tag 29 steht deshalb nicht für Höchstleistung, sondern für Verlässlichkeit.
Was sich jetzt festigt, ist die Grundlage für langfristige neurobiologische Gesundheit: stabile Routinen, realistische Ziele, ein Nervensystem, das nicht permanent im Ausnahmezustand läuft. Alkohol ist dabei nicht der zentrale Gegner – sondern schlicht nicht mehr nötig, um zu funktionieren.
Wenn Du heute spürst, dass Dein Alltag weniger Kraft kostet, ohne dass er einfacher geworden ist, dann ist das kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Gehirns, das wieder in seinem eigenen Rhythmus arbeitet.
Morgen schauen wir uns an, was diesen Zustand schützt – und warum genau jetzt nicht der Moment für Übermut ist, sondern für kluge Weichenstellungen.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


