Vier Wochen ohne Alkohol markieren keinen Endpunkt. Aber sie markieren einen Systemwechsel. In den ersten Tagen ging es um Akutreaktionen: Entzug, Unruhe, Schlaf, Stressachsen. In den folgenden Wochen um Stabilisierung: Reizverarbeitung, Impulskontrolle, emotionale Regulation. Was sich bis hierher aufgebaut hat, beginnt sich jetzt als neuer Normalzustand zu etablieren.
Beim Gehirn spricht man in dieser Phase nicht mehr von Anpassung, sondern von Adaption.
Adaption bedeutet: Systeme arbeiten nicht mehr gegen einen Störfaktor an. Sie haben ihre Grundparameter verändert. Rezeptordichten, Signalwege, Stressantworten und Belohnungsmechanismen sind nicht mehr im Reparaturmodus, sondern auf einen alkoholfreien Alltag eingestellt. Das betrifft vor allem drei Ebenen:
Das Belohnungssystem reagiert nicht mehr übersteuert auf kurzfristige Reize. Dopamin wird wieder situationsabhängig ausgeschüttet, nicht als Dauerkompensation. Freude fühlt sich weniger spektakulär an – dafür verlässlicher.
Das Stresssystem springt nicht mehr sofort auf Alarm. Cortisol- und Noradrenalinreaktionen bleiben kürzer und zielgerichteter. Belastung führt wieder zu Aktivierung – nicht zu Daueranspannung.
Und das emotionale Alarmsystem verliert seine Überempfindlichkeit. Die Amygdala reagiert differenzierter. Nicht jeder Reiz wird als Bedrohung interpretiert. Gefühle kommen, gehen – und reißen weniger mit.
Viele Menschen beschreiben diesen Zustand nicht als Euphorie. Sondern als etwas Unauffälliges, fast Unspektakuläres: mehr innere Ruhe, weniger Grundrauschen, mehr Abstand zwischen Reiz und Reaktion. Das ist kein Zufall und kein Willensakt. Es ist das Ergebnis von vier Wochen konsequenter Entlastung. Wichtig dabei: Diese Adaption ist stabil, aber nicht unumkehrbar. Das Gehirn merkt sich neue Gleichgewichte – aber es erinnert sich auch an alte. Genau deshalb ist dieser Zeitpunkt kein Anlass für Übermut, sondern für Realismus.
Vier Wochen bedeuten: Der Körper arbeitet nicht mehr gegen den Alkohol. Aber er arbeitet auch noch nicht automatisch für jede Belastungssituation. Tag 28 steht deshalb nicht für „frei sein“, sondern für etwas Bodenständigeres – und Wertvolleres:
Der Körper hat gelernt, ohne Alkohol zu funktionieren.
Alles Weitere baut darauf auf.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
Datenschutz: Die Auswertung erfolgt anonym in Deinem Browser. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben und keine Antworten gespeichert oder übertragen. Wenn Du das Browserfenster schließt sind die Daten weg.
Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
Beiträge in unserem Blog
- Der Schlüssel zum Glück steckt von innen
- Hirnschäden bei Alkoholikern durch Vitaminmangel: Eine oft übersehene Gefahr
- Frisch abstinent und auf der Gefühls-Achterbahn
- Benzodiazepine im Entzug: Pille statt Pulle?
- Nein ist ein vollständiger Satz!
- Histamin, Alkohol und Herzrhythmus: Warum Wein so oft Herzrasen und Unruhe auslöst
- Unglücklich trocken? Das muss nicht sein!
- Wie Alkohol zunächst Angstzustände lindert – später aber Panikattacken und Hangxiety auslöst
- Video-Blog: Dry January– mehr Veränderung, als viele erwarten
- Holiday-Heart-Syndrom: Wenn Alkohol Deinen Herzschlag zur Rave-Party macht

Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


