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Gleichgewicht stilisiert durch Yin und Yang

Das Nervensystem beginnt wieder, sich selbst zu regulieren

Viele erleben diesen Tag als unruhiger, als sie erwartet hätten. Der Körper wirkt stabiler, der Schlaf besser, der Kopf klarer – und trotzdem ist da eine innere Spannung. Gedanken springen schneller an. Reize fühlen sich präsenter an. Entspannung stellt sich nicht von selbst ein.

Das ist kein Widerspruch, sondern eine direkte Folge dessen, wie Alkohol im Gehirn wirkt.

Alkohol greift tief in das Gleichgewicht zwischen zwei zentralen Botenstoffen ein: GABA und Glutamat. GABA wirkt beruhigend. Es dämpft Nervenzellen, reduziert Reizweiterleitung und sorgt dafür, dass das Gehirn nicht permanent unter Strom steht. Glutamat dagegen wirkt aktivierend. Es treibt Aufmerksamkeit, Reaktion und Stressantworten an. Beide sind notwendig – entscheidend ist ihr Gleichgewicht.

Alkohol verstärkt die Wirkung von GABA künstlich und hemmt gleichzeitig glutamaterge Rezeptoren. Für das Gehirn bedeutet das zunächst Ruhe von außen, der klassische Entspannungseffekt unter Alkohol. Langfristig aber entsteht ein Problem: Das Nervensystem passt sich an. Es fährt die eigene GABA-Wirkung herunter und erhöht die glutamaterge Aktivität, um handlungsfähig zu bleiben. Das System wird lauter, empfindlicher, reaktiver.

Fällt der Alkohol weg, fehlt diese äußere Dämpfung – die Gegenregulation bleibt aber zunächst bestehen. Das erklärt, warum viele Menschen in dieser Phase innerlich übererregt sind, wenn sie nicht mehr trinken. Das Nervensystem ist nicht mehr gebremst, aber auch noch nicht wieder selbstbalanciert.

Tag 9 liegt in dieser Übergangsphase.

Das Gehirn beginnt wieder, hemmende und aktivierende Prozesse selbst zu regulieren. GABA wird nicht mehr von außen gepusht, sondern muss wieder von innen natürlich wirksam werden. Gleichzeitig ist das glutamaterge System oft noch überreizt. Die innere Unruhe ist das direkte Ergebnis dieser Situation.

Das ist ein neurobiologischer Anpassungsprozess. Ein System, das lange fremdgesteuert war, lernt wieder Eigenregulation.

Genau hier liegt auch der Grund, warum diese Phase rückfallgefährdet sein kann. Nicht aus Charakterschwäche, sondern aus dem Wunsch nach Ruhe. Wer diese Unruhe missversteht, sucht oft nach schneller Entlastung – und greift auf das zurück, was früher zuverlässig gedämpft hat.

Stabilisierung ist deshalb jetzt wichtiger als Fortschritt. Viele unserer Klienten überbrücken diese Phase durch die Einnahme der frei verkäuflichen, natürlichen Aminosäure GABA und berichten, dass sie damit in der kritischen Zeit – die auch schon früher als am Tag 9 beginnen kann – die Unruhe und damit den Drang zu trinken reduzieren konnten.

Unterstützung in dieser Phase bedeutet nicht, das Nervensystem erneut zu überdecken. Sie bedeutet, die Übererregung abzufangen, bis die Balance wieder tragfähig ist. Ziel ist kein Abschalten, sondern eine Reduktion der Daueranspannung, damit das System lernen kann, selbst zu regulieren.

Viele berichten, dass sich in den kommenden Tagen erstmals wieder eine ruhigere Grundspannung einstellt. Nicht als Euphorie, sondern als weniger Getriebensein. Gedanken werden langsamer. Reaktionen weniger reflexhaft. Genau das ist ein Zeichen dafür, dass GABA und Glutamat wieder ins Verhältnis kommen.

Wenn Du heute also merkst, dass Du nüchtern bist, aber innerlich noch nicht ruhig, ist das kein Rückschritt. Es ist der Punkt, an dem Dein Nervensystem wieder Verantwortung übernimmt. Noch holprig. Noch nicht stabil. Aber auf dem richtigen Weg.

Morgen schauen wir uns an, warum diese neu entstehende Balance darüber entscheidet, ob Energie verfügbar wird – oder ob sie weiterhin im Gegensteuern verpufft.

Bitte beachte unbedingt: Wenn Du starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.

Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.

Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen

Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.

Datenschutz: Die Auswertung erfolgt anonym in Deinem Browser. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben und keine Antworten gespeichert oder übertragen. Wenn Du das Browserfenster schließt sind die Daten weg.

1) Hast Du in den letzten sechs Monaten Alkohol konsumiert?
2) Bestand in den letzten 90 Tagen eine Alkoholintoxikation?
3) Wurdest Du jemals wegen Alkohol-Entzugserscheinungen behandelt oder überwacht?
4) Gab es in der Vergangenheit Entzugsanfälle, also Krampfanfälle beim Weglassen des Alkohols?
5) Gab es in der Vergangenheit ein Delirium tremens?
6) Wird aktuell ein Blutalkohol > 0,1 % (1 ‰) gemessen?
7) Wurden in den letzten 90 Tagen Sedativa, Hypnotika oder andere GABA-wirksame Medikamente regelmäßig eingenommen?
8) Wird der Entzug stationär erwartet oder ausgelöst (z. B. geplante OP, Notaufnahme, Inhaftierung)?
9) Liegen Symptome vor wie Zittern (Tremor), Schwitzen, schneller Herzschlag (Tachykardie), Bluthochdruck (Hypertonie)?
10) Bestehen weitere Erkrankungen wie z. B. Lebererkrankungen, Elektrolytstörungen, Infekte oder Traumata, die Entzugssymptome verstärken könnten?
Bitte beantworte alle 10 Fragen, damit eine Auswertung möglich ist.

Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.

Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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