Unter Alkohol wirken soziale Situationen oft einfacher, als sie sind. Nüchtern zeigen sie zunächst ihre Kanten. Doch genau hier beginnt sich jetzt etwas zu stabilisieren. Gespräche laufen ruhiger. Reaktionen kommen weniger verzögert oder überspitzt. Nähe fühlt sich weniger anstrengend an – Abstand aber auch nicht mehr bedrohlich. Das ist kein Zufall und keine Stimmungsschwankung. Es ist ein Zeichen dafür, dass soziale Prozesse wieder stabiler ablaufen.
Alkohol verändert nicht nur Stimmung, Schlaf oder Konzentration. Er greift tief in die soziale Regulation ein. Unter Alkoholeinfluss werden soziale Signale verzerrt wahrgenommen. Mimik, Tonfall, Zwischentöne – all das wird entweder überschätzt oder übergangen. Gleichzeitig senkt Alkohol Hemmungen künstlich und verstärkt emotionale Reaktionen. Nähe wirkt intensiver, Konflikte wirken harmloser, Grenzen verschwimmen.
Das funktioniert kurzfristig – aber nicht zuverlässig.
Mit regelmäßigem Alkoholkonsum verliert das soziale System an Feinabstimmung. Beziehungen fühlen sich entweder anstrengend oder oberflächlich an. Missverständnisse nehmen zu. Man reagiert schneller gekränkt, schneller gereizt oder zieht sich zurück, ohne genau zu wissen warum. Viele beschreiben das rückblickend als sozialen Stress, ohne ihn klar einordnen zu können.
Wenn der Alkohol wegfällt, normalisiert sich dieser Bereich nicht sofort. In den ersten Tagen wirken Begegnungen oft ungewohnt ernüchternd im sozialen Sinne, manchmal sogar hohl oder unbeholfen. Doch etwa ab der zweiten Woche beginnt sich etwas Entscheidendes zu verändern: Soziale Wahrnehmung wird wieder präziser.
Das betrifft vor allem Systeme, die Nähe, Vertrauen und Abgrenzung regulieren. Botenstoffe wie Oxytocin wirken wieder situationsangemessen statt verzerrt. Nähe entsteht nicht mehr durch Enthemmung, sondern durch Resonanz. Man hört genauer zu. Man reagiert weniger reflexhaft. Gespräche brauchen weniger Energie, weil weniger gegengesteuert werden muss.
Tag 13 liegt genau in dieser Phase.
Viele merken das nicht als „mehr Empathie“, sondern als “weniger Reibung”. Man versteht schneller, was gemeint ist. Man fühlt sich weniger missverstanden. Konflikte eskalieren seltener, weil Signale früher erkannt werden. Auch Rückzug fühlt sich klarer an – nicht mehr wie Scheitern, sondern wie eine legitime Grenze.
Das ist kein sozialer Zauberzustand. Es ist Normalbetrieb.
Ein stabiles soziales System arbeitet nicht lauter, sondern genauer. Es braucht keine künstliche Verstärkung und keine Dämpfung. Es reagiert auf das, was da ist – nicht auf das, was Alkohol daraus macht.
Wenn Du heute merkst, dass Begegnungen weniger Kraft kosten oder sich klarer anfühlen, dann ist das kein Zufall. Es ist ein Zeichen dafür, dass Dein soziales Regulationssystem wieder verlässlicher arbeitet.
Morgen schauen wir uns an, warum genau diese soziale Stabilisierung eine Voraussetzung dafür ist, langfristig stressfest zu bleiben – und warum viele Rückfälle nicht aus Einsamkeit entstehen, sondern aus sozialer Überforderung.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.

