Sozialer Druck verändert sich – nicht, weil Du stärker wirst, sondern weil Dein Körper anders reagiert. In sozialen Situationen entscheidet selten der Verstand allein. Nähe, Lachen, Zugehörigkeit, Anerkennung – all das wirkt tief im Körper. Lange Zeit hat Alkohol genau hier angesetzt: Er verstärkte soziale Entlastung künstlich und lieferte ein schnelles Gefühl von Verbindung.
Dieses Gefühl war nicht eingebildet. Es hatte eine klare biochemische Grundlage.
Alkohol aktiviert unter anderem das körpereigene Endorphin-System. Endorphine binden an Opioidrezeptoren im Gehirn und erzeugen ein Gefühl von Entspannung, Wärme und sozialer Sicherheit. Genau deshalb fühlen sich viele Menschen mit Alkohol offener, verbundener oder weniger verletzlich – zumindest kurzfristig.
Das Problem: Der Körper lernt, diese Effekte an Alkohol zu koppeln.
Mit der Zeit sinkt die Eigenaktivität des Endorphin-Systems. Ohne Alkohol fühlt sich soziale Nähe dann flacher an, Konflikte wirken schärfer, Gruppensituationen anstrengender. Nicht, weil man „asozialer“ wird, sondern weil ein biologisches Verstärkersystem fehlt.
Nach über zwei Wochen ohne Alkohol beginnt sich dieses System neu einzustellen.
Endorphine werden wieder kontextabhängig freigesetzt: durch echtes Lachen, Bewegung, gelingende Gespräche, körperliche Nähe, Erfolgserlebnisse. Nicht explosionsartig, sondern dosiert. Nicht betäubend, sondern stabilisierend.
Das verändert den sozialen Druck spürbar. Dadurch verliert sozialer Druck einen Teil seiner biochemischen Macht.
Situationen, die früher fast automatisch nach Alkohol verlangten – das Treffen nach der Arbeit, der Geburtstag, das Zusammensitzen – verlieren ihre biochemische Schärfe. Das Bedürfnis, sich künstlich „anzudocken“, wird schwächer. Nähe entsteht wieder über Interaktion, nicht über Substanz.
Wichtig dabei: Das heißt nicht, dass alles sofort leicht wird.
Sozialer Druck verschwindet nicht. Aber er fühlt sich anders an. Weniger zwingend. Weniger existenziell. Man muss nicht mehr gegen ein inneres Defizit antrinken, um dazuzugehören. Viele erleben ab dieser Phase, dass sie in Gesellschaft bei sich bleiben können, ohne sich zu verhärten oder zu verlieren. Gespräche müssen nicht perfekt laufen. Pausen dürfen entstehen. Unsicherheit wird erträglicher.
Das ist kein Charakterwandel. Es ist Neurobiologie.
Wenn Dein Körper beginnt, Endorphine wieder selbst zu regulieren, verändert sich die soziale Dynamik automatisch. Nicht, weil Du andere überzeugst – sondern weil Du Dich nicht mehr selbst übergehen musst, um dabei zu sein.
Tag 18 steht damit für einen leisen, aber entscheidenden Shift: Soziale Situationen verlieren ihren inneren Zwang. Verbindung wird wieder etwas, das entsteht – nicht etwas, das hergestellt werden muss.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


