In den ersten Wochen ohne Alkohol passiert im Gehirn vieles gleichzeitig. Alte Reaktionsmuster verlieren an Kraft, neue Möglichkeiten tauchen auf, manches fühlt sich ungewohnt an, anderes überraschend stabil. Diese Phase ist geprägt von Suche, Ausprobieren und gelegentlicher Unsicherheit. Genau das ist Ausdruck neuronaler Plastizität.
Um Tag 22 herum verschiebt sich der Schwerpunkt. Das Gehirn beginnt nicht mehr, ständig neue Wege zu testen, sondern sortiert. Reaktionen, die sich als hilfreich erwiesen haben, werden bevorzugt aktiviert. Andere verlieren an Bedeutung. Neuroplastizität bedeutet jetzt nicht mehr Offenheit in alle Richtungen, sondern Selektion.
Was sich bewährt, setzt sich durch.
Entscheidend ist dabei nicht, was sich subjektiv besonders „gut“ anfühlt, sondern was das System entlastet. Situationen, die früher automatisch Stress, innere Unruhe oder Suchtdruck ausgelöst haben, werden zunehmend anders verarbeitet. Nicht, weil sie verschwinden, sondern weil das Gehirn gelernt hat, sie ohne Alkohol zu regulieren.
Diese Veränderungen laufen leise ab. Es gibt oft keinen klaren Moment, kein Aha-Erlebnis. Vielmehr entsteht mit der Zeit eine neue Verlässlichkeit. Bestimmte Abläufe fühlen sich weniger anstrengend an, Entscheidungen kosten weniger Energie, emotionale Reaktionen klingen schneller ab. Das Gehirn greift häufiger auf das zurück, was in den letzten Wochen funktioniert hat.
Wichtig ist: Dieser Prozess folgt keiner Willensentscheidung. Er ist das Ergebnis von Wiederholung, Entlastung und Zeit. Jeder Tag ohne Alkohol liefert dem Gehirn weitere Informationen darüber, welche Wege tragfähig sind. Je öfter ein Muster ohne Substanz bewältigt wird, desto stabiler wird es.
Tag 22 steht deshalb für eine stille Festigung. Die grundlegenden Veränderungen sind angestoßen, und das Gehirn beginnt, Ordnung in diese neue Landschaft zu bringen. Nicht alles bleibt. Aber das, was bleibt, trägt.
Das ist keine Endstufe und kein Zielzustand. Es ist der Beginn von Struktur. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke dieses Abschnitts.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


