All die Jahre bin ich mit Alkohol in Fahrt gekommen. Ich war der Partykracher. Ich hab mich unterhalten, Witze gerissen, manchmal auch getanzt. Ich würde sagen, Menschen, die mich kennengelernt haben, hatten den Eindruck auf eine offene, extrovertierte, eloquente Frau zu treffen. Mir fiel es leicht, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.
Eines der Probleme von Alkohol war aber, dass ich mich auf diese Abendessen, Feiern, Treffen, Geburtstagsfeiern fokussiert habe, um zu trinken und richtig aufzudrehen. Aber im „echten Leben“ blieb nicht viel übrig von den vielen Plänen, die ich betrunken geschmiedet habe. Im echten Leben ist es mir viel schwerer gefallen …
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum fühlen sich viele Menschen unter Alkohol plötzlich selbstbewusster und extrovertierter – und was bedeutet das für Abstinenz und Alkoholabhängigkeit?
Alkohol wirkt dämpfend auf hemmende Kontrollmechanismen im Frontalhirn. Er reduziert soziale Ängstlichkeit und verstärkt kurzfristig das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit. Viele Betroffene verwechseln diese pharmakologische Enthemmung mit einer echteren oder besseren Version ihrer Persönlichkeit. Tatsächlich handelt es sich um eine neurochemische Verschiebung, die nicht stabil ist und langfristig emotionale und kognitive Ressourcen schwächt. In der Abstinenz zeigt sich häufig, dass soziale Kompetenz nicht verloren geht, sondern neu aufgebaut werden muss – diesmal ohne künstliche Verstärkung. Entscheidend ist die Entwicklung echter Selbstwirksamkeit statt chemischer Selbstinszenierung.

