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Zwischen Rampenlicht und Absturz: Warum Alkohol in der Musikszene so präsent ist

Leere Bühne nach einem Rockkonzert. Eine E-Gitarre lehnt am Verstärker, daneben steht eine halbvolle Bierflasche im Bühnenlicht.

Alkohol gehört in der Musikszene fast schon zum Alltag. Backstage, nach Konzerten oder auf Tour – Bier, Wein und andere Drogen sind oft Teil der Routine. Zahlreiche Biografien berühmter Musiker zeigen, wie schnell aus Ritualen eine Abhängigkeit entstehen kann. Dieser Artikel erklärt, warum Alkohol im Musikerleben so präsent ist – und welche gesundheitlichen Folgen er haben kann.

Von Dr. med. Bernd Guzek

„Aufwachen im Hotel, zum nächsten Veranstaltungsort fahren, einchecken, Aufbau, Soundcheck, kurz etwas essen, Konzert spielen, Abbau – und irgendwann nach Mitternacht zurück im Hotel. Dann kommt die Nachbesprechung. Und ich kenne kaum einen Musiker, der dabei nicht sein Bierchen oder seinen Wein trinkt.“ So beschreibt ein Mitglied im anonymen Forum von Alkohol ade den anstrengenden Alltag auf Tour.

Wer selbst einmal auf einer Bühne gestanden hat, kennt das Phänomen: Der Auftritt ist vorbei, das Publikum ist weg, aber im Körper rast noch das Adrenalin. Man ist geladen, Gespräche laufen, Eindrücke werden verarbeitet – und fast immer steht Alkohol auf dem Tisch. Was als harmloses Ritual nach der Show beginnt, ist für viele der Einstieg in eine schleichende Abhängigkeit.

Tragische Ikonen: Wenn die Stimme verstummt

Dass der Zusammenhang zwischen Musik und Alkoholkrankheit keine Randerscheinung ist, belegen zahlreiche Biografien. Ein besonders tragisches Beispiel ist Amy Winehouse. Die britische Sängerin war eine Ausnahmeerscheinung. Ihr tiefer, ausdrucksstarker Alt wurde mit Jazzgrößen wie Billie Holiday verglichen. Doch während ihre Karriere rasant abhob, übernahm die Sucht die Kontrolle. 2011 starb sie mit nur 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung. Zum Zeitpunkt ihres Todes hatte sie 4,16 Promille im Blut – neben ihr wurden drei leere Wodkaflaschen gefunden.

Wodka war auch das bevorzugte Hilfsmittel von Eddie van Halen. Der virtuose Rockgitarrist und Songschreiber kämpfte zeitlebens mit schwerer Alkohol- und Drogensucht. Erschreckend: Sein Vater, selbst Musiker, gab ihm bereits mit zwölf Jahren das erste Glas Wodka, um sein Lampenfieber zu dämpfen. Eddie gewöhnte sich schnell daran, Alkohol als Hilfsmittel zu nutzen, um Hemmungen abzubauen und seine soziale Ängstlichkeit zu bewältigen.


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Später beschrieb er sich als jemanden, der nicht zum Feiern trank, sondern um die Leistung im Studio und auf der Bühne zu erbringen, um zu funktionieren. Die Quittung war fatal: Als Kettenraucher und schwerer Trinker kombinierte er gleich zwei Risikofaktoren für Tumoren des Mund-Nasen-Rachen-Raumes. Zunächst musste ihm 2007 wegen eines Zungenkarzinoms ein Teil der Zunge entfernt werden. Erst danach gelang es ihm nach mehreren Entzugsversuchen dauerhaft abstinent zu leben – nur um in der Folge an Kehlkopfkrebs zu erkranken, an dem er 2020 im Alter von 65 Jahren starb.

Aus dem Forum: Die Stimme aus dem Alltag

Doch die Problematik betrifft nicht nur die Weltstars. Im Forum von Alkohol ade berichten anonyme Künstler von ähnlichen Mustern. Eine Musikerin schreibt dort:

„Ich bin seit drei Monaten abstinent. Ich bin zwar nicht direkt durch die Musik zum Alkohol gekommen, kenne aber viele Kollegen, die während des Auftritts massiv trinken und sich danach noch ans Steuer setzen.“

Wenn der Körper die Rechnung schickt: Wecker und Clapton

Man muss gar nicht über den großen Teich fliegen, um Musiker mit Alkoholproblemen zu finden. Der Liedermacher Konstantin Wecker begeisterte jahrzehntelang seine Fans – bis er kürzlich unerwartet krankheitsbedingt alle anstehenden Konzerte seiner Tournee absagte. Der Grund: schwere Nervenschäden in der linken Hand. Wecker führt diese Polyneuropathie selbst direkt auf seinen jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch zurück. Der Ausstieg gelang ihm zwar 2022, doch offenbar kam dieser Schritt zu spät, um die entstandenen Nervenschäden noch rückgängig machen zu können. Heute ist es ihm kaum noch möglich, professionell Klavier zu spielen – das Instrument, mit dem er seine Karriere aufgebaut hat.

Auch der britische Gitarrist Eric Clapton machte solche Erfahrungen. Sein Erfolg wurde jahrelang von schweren Kämpfen mit Süchten überschattet. Nachdem er in den frühen 1970er-Jahren seine Heroinabhängigkeit überwunden hatte, verfiel er anschließend für rund dreizehn Jahre einer massiven Alkoholsucht. Erst mit 42 Jahren gelang ihm der Weg in die Abstinenz – ein Wendepunkt, der eng mit dem Wunsch verbunden war, ein verantwortungsvoller Vater zu sein.

Die jahrelangen Exzesse blieben jedoch nicht folgenlos: Wie bei Wecker führte der Missbrauch bei Clapton zu einer peripheren Polyneuropathie, die seine Bewegungsfähigkeit und das Gitarrespielen heute zunehmend erschwert. Diese Nervenerkrankung kann bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durch konsequente Abstinenz noch rückgängig gemacht werden – verpasst man diesen Moment, bleiben die Schäden dauerhaft.

Um anderen Betroffenen zu helfen, gründete er 1998 auf der Karibikinsel Antigua das Crossroads Centre, eine Fachklinik für Suchterkrankungen. Clapton unterstützte auch lange aktiv die Arbeit der Anonymen Alkoholiker, spricht offen über seine Genesung.

Die Dynamik von „Upper“ und „Downer“

Dass Alkohol im Musikerleben so häufig eine Rolle spielt, hat auch mit der besonderen Dynamik von Auftritten zu tun. Vor einem Konzert versuchen viele Musiker zunächst wach und konzentriert zu bleiben. Oft fließen dabei Kaffee, Cola oder Energydrinks – klassische „Upper“.

Ein kleiner Schluck Wein oder Bier sorgt dann für die nötige Enthemmung. Auf der Bühne schießt dann das Adrenalin ein und führt zu einem Zustand hoher Aktivierung. Nach dem Konzert aber kehrt sich diese Situation um. Der Körper steht noch unter Spannung, Schlaf ist kaum möglich. Alkohol wirkt in dieser Phase wie ein „Downer“, ein Beruhiger, der die innere Unruhe dämpft und das Abschalten erleichtert.

So entsteht im Alltag vieler Bands eine Dynamik aus Anheben und Absenken der Aktivität. Solche Biografien zeigen, wie leicht sich Alkohol im Musikeralltag verfestigen kann.

„Die Runde entspannt und wird fröhlicher und oft wird noch gekifft, was allerdings mein Ding nie war“, schreibt der anonyme Musiker im Forum weiter: „Man braucht meist noch mindestens diese zwei Stunden, um von dem Konzert runterzukommen. Das halte ich auch für normal, wenn man bis Mitternacht seine 10 Stunden gearbeitet hat. Nicht selten schafft man es dann gar nicht mehr zum Frühstück am nächsten Morgen“.

Was vielleicht als harmloses Ritual nach einem Konzert beginnt, entwickelt sich bei vielen in dem Beruf über Jahre zu einer festen Gewohnheit – mit gesundheitlichen Folgen, die erst viel später sichtbar werden. Nach Konzerten sitzen Musiker noch lange zusammen, bevor es ins Hotel geht. Der Abend klingt aus, es wird geredet, und irgendwo steht meist ein Getränk auf dem Tisch.

Häufig gestellte Fragen zu Alkohol in der Musikszene (FAQ)

Warum trinken viele Musiker Alkohol nach Konzerten?

Nach einem Auftritt steht der Körper noch unter starkem Adrenalin. Viele Musiker berichten, dass sie nach dem Konzert mehrere Stunden brauchen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Alkohol wirkt in dieser Situation als Beruhigungsmittel und wird daher häufig genutzt, um die innere Spannung zu dämpfen.

Ist Alkohol in der Musikszene wirklich so verbreitet?

Biografien vieler bekannter Musiker zeigen, dass Alkohol und andere Drogen in der Musikszene seit Jahrzehnten eine Rolle spielen. Tourleben, lange Arbeitszeiten und die besondere Dynamik von Auftritten können dazu beitragen, dass Alkohol leicht zur Gewohnheit wird.

Kann Alkohol Nerven dauerhaft schädigen?

Ja. Chronischer Alkoholkonsum kann eine sogenannte alkoholische Polyneuropathie verursachen. Dabei werden periphere Nerven geschädigt, was zu Taubheit, Schmerzen oder Koordinationsproblemen führen kann. Frühzeitige Abstinenz verbessert die Chancen auf eine teilweise Regeneration.

Kann sich eine alkoholbedingte Polyneuropathie wieder zurückbilden?

In frühen Stadien können sich Nerven teilweise erholen, wenn Betroffene konsequent abstinent leben. Periphere Nerven besitzen eine begrenzte Regenerationsfähigkeit. Bei fortgeschrittenen Schäden bleiben jedoch häufig dauerhafte Einschränkungen bestehen.

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitgründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitgründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Störungen des Hirnstoffwechsels sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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