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Hallo liebe Mitglieder,
Liebe Gaby,
Versprechen sollte man halten, also hier bin ich-mit meiner Geschichte. Was ich nicht versprechen kann ist ein kurzer Text, jedoch eine Kurzfassung 😏
Ich heiße Jana, bin 29 Jahre alt und ich war Alkoholikerin. Ja, ich WAR. Nun bin ich wieder Mensch.
Vorgeschichte: das erste Mal getrunken habe ich mit dreizehn. Damit meine ich einen Rausch. Voll wie "ein Rudel Russen". Der Spruch passt, da ich russische Wurzeln habe und das trinken so fest verankert ist wie das täglich Brot. Also war das erstmal nichts außergewöhnliches. Natürlich war das erste Mal nicht schön, wie mit vielen anderen Dingen. Fortan wurde ab und zu mal mit Freunden zu Anlässen getrunken , Geburtstag usw. Regelmäßig wurde es dann etwa ab 16, selbstverständlich nur am Wochenende, wie es Erwachsene so machen. Andernfalls wäre man ja Alkoholiker.
Mit knapp 18 bin ich in eine eigene Wohnung gezogen, dort wurde fortan jedes Wochenende zu einem unvergesslichen erklärt. Freitag und Samstag. Fast immer Rausch. Manche weniger, ich immer mehr.
Es war mir unbegreiflich wie man an einem Abend "nur" ein paar Bier trinken kann. Man muss den Rausch doch leben und lieben. Das war mein Motto, jahrelang. Aus nur Wochenende wurde Bergfest und der kleine Freitag. Es gab immer einen Grund. Und ich war jung und habe das gut weggesteckt. Dass sich damals schon ein Problem anbahnte, war mir nicht bewusst.
Meine Ausbildung habe ich gut abgeschlossen und anschließend einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterzeichnet.
Nach einigen gescheiterten Beziehungen haben mein bester Freund und ich zu einander gefunden. Riskant, jedoch fühlte es sich richtig an. Er wohnte ein Jahr sozusagen auf Probe bei mir, bis wir zusammen zogen, in sein Haus. Kurze Zeit später hat er einen neuen Job als Reisebusfahrer angenommen und war seit dem wenig zuhause.
Ich war viel allein, einen großen Freundeskreis habe ich nicht gehabt.
Hatte ich doch meine alten Freunde- Bier und Wein. Beide waren im Wechsel für mich da. Um es in Zahlen auszudrücken: jeden zweiten Tag etwa drei, vier Bier oder eine Flasche Wein am Abend, am Wochenende das doppelte. Zwischen den Tagen musste ich mich erholen, es sei denn der Kater war nicht sooo schlimm, dann ging es auch mal Tage nach einander.
In der Beziehung lief es trotzdem gut, im Job auch. Irgendwann kam der Heiratsantrag, total romantisch in Venedig, kurz danach wurde ich schwanger. Bis zum positiven Test habe ich weiter getrunken, dafür hasse ich mich bis heute. Und geraucht habe ich auch, auch während der Schwangerschaft. Dafür hasse ich mich noch mehr. Doch ich hatte es geschafft auch rauchfrei zu werden.
Nun war das Baby da, wunderschönes kleines Mädchen, welches ich über alles liebe. Anderthalb Jahre habe ich gestillt und als ich aufhörte, war er so, als hätte man einen Schalter umgelegt. Ich trank wieder. Weil ich wieder durfte. Von Tag zu Tag mehr. Ich fing dadurch wieder mit dem Rauchen an. Nur fühlte es sich diesmal viel schlechter an als vor der Schwangerschaft. Schließlich hat man Verantwortung für einen kleinen Menschen, Haushalt und nach der Elternzeit auch wieder Arbeit. Es wurde alles immer schwerer. Umso mehr trank ich.
Statt am Abendbrottisch zu essen, hatte ich Bier in meinem Becher, von Hunger keine Spur, denn essen und Alkohol machen bekanntlich dick. Ich entschied mich für den Alkohol. Nur abgenommen habe ich nicht.
Meine Laune wurde immer schlechter, gereizter und ich ließ es alle spüren.
Es folgten verstörende, peinliche Saufexzesse, ich möchte nicht ins Detail gehen, da es mir bis heute unangenehm ist. Und auch nach solchen Vorfällen habe ich nicht aufhören können.
Der Entschluss ist heute vor genau einem Jahr gefallen. Ohne große Vorkommnisse, nur wieder ein Kater vom Freitag. Meine Zählung der freien Tage habe ich aber Sonntag begonnen, habe mir schließlich oft genug am nächsten Tag etwas geschworen. Ich war es einfach leid, müde und kaputt. So wollte ich nicht weitermachen. Also trank ich nicht. Das eine Bier, den einen Wein. Ich ließ es stehen. Es ging mir die erste Woche schlecht. Ich war platt. Wurde von Gefühlen überrollt. Habe öfter Panikattacken gehabt und häufig eine Art Spinnweben im Augenwinkel gesehen. Heute und nach Gabys Buch weiß ich, dass ein Entzug auf eigene Faust gefährlich ist. Bei mir ist es gut ausgegangen. Jemanden raten würde ich es nicht.
Falls jetzt die Frage aufkommt, warum ich mir keine Hilfe geholt habe. Das habe ich. Knapp zwei Wochen nach Tag X haben mich bereits bestehende Probleme mit meiner Arbeitsstelle zu sehr mitgenommen, also bin ich zu meinem Hausarzt gegangen. Ein sehr lieber, herzlicher Mensch, welcher sich Zeit nimmt und zuhört. Ich habe meine ganzen Mut zusammen genommen und ihm mein Problem geschildert. Dass ich erst aufgehört habe zu trinken und durch die Probleme auf Arbeit meine Abstinenz gefährdet sehe. Er hat sich für meine Ehrlichkeit bedankt und gesagt, dass er sich geehrt fühlt. Und dann kam der Satz: „Sie sind doch noch weit von einem Alkoholiker entfernt gewesen“. Das kam wie ein Schlag in die Magengegend. Übel genommen habe ich es ihm nicht. Er hat höchstwahrscheinlich keine Erfahrung auf diesem Gebiet, seine Patienten sind durchschnittlich etwa 70 Jahre alt. Mit dem Satz wollte er mich sicher nur aufmuntern, erreicht hat er es aber damit nicht. Nichtsdestotrotz hat er mir eine Krankschreibung verordnet, diese wurde auch mehrmals verlängert, insgesamt war ich sieben Wochen zuhause. Und es war zum Anfang der Pandemie. Ich habe mir Zeit gelassen, meditiert (zum ersten Mal in meinem Leben), geweint, gelacht. Zeit mit meiner kleinen Familie verbracht. Wer sich vielleicht noch erinnert, der April 2020 war ein wunderschöner Monat, was zumindest das Wetter betrifft.
Mein zukünftiger Mann hat mich dabei sehr unterstützt. Das macht er heute nach einem Jahr immer noch. Was beste Freunde eben ausmacht. Er hat auch damals versucht mir zu helfen, nur wusste er nicht wie. Konnte er auch nicht, auch wenn ich ihn oft darum gebeten habe. Es war einzig und allein mein Problem. Man muss sich dabei selbst helfen und die Unterstützung anderer annehmen. Meinen Kolleginnen habe ich auch erzählt, warum ich krank bin, zum einen weil wir ein freundschaftliches Verhältnis haben und zum anderen wollte ich nicht lügen müssen, warum ich denn immer wieder Krankenscheine bringe. Sie stehen bis heute zu mir.
Durch die Anfangszeit hat mir lesen sehr geholfen. Zum Beispiel „vom unerwarteten Vergnügen nüchtern zu sein" von Catherine Gray oder „Chianti zum Frühstück“ von Clare Poolay. Oder einfach lebensnahe und frohe Sachen wie „am arsch vorbei geht auch ein weg". Über eine google-suche bin ich auf den Blog „herzsuchtfluss" gestoßen und damit auch auf die Facebookgruppe „rauschlos glücklich" und wieder dadurch auf Gabi und Ihr Buch und Alkohol adé Community. Heute bin ich nur noch hier, als stille Mitleserin.
Und heute? Gestern habe ich eine Torte gemacht, diese heute auf Arbeit mitgenommen, mit meinen Kolleginnen geteilt und mich bedankt. Ich habe mich bei meinem Mann bedankt und meine Tochter ganz fest gedrückt. Wir haben im Sandkasten gespielt und die Sonne genossen. Wir hatten einen kleinen Wasserunfall im Heizraum, nach einem Seufzer haben wir das nasse Kaminholz weggeräumt und danach weiter mit unserem Kind gespielt. Wäre früher unmöglich gewesen ohne das „nervenberuhigende und verdiente“ Feierabendbier(e). Ich habe jetzt wieder Tränen in den Augen, weil ich so dankbar bin für alles und jeden, weil ich diesen Text heute schreiben kann. Voller Stolz und Demut.
Ich versuche das Thema nicht mehr zu meinem Tagesthema zu machen und mein normales Leben zurück zu gewinnen. Jedoch halte ich es mir regelmäßig vor Augen, denn die Sucht darf man nicht vergessen, der Bierteufel und die Weinhexe warten da nur drauf. Und ich sage: heute nicht.
An dieser Stelle vielen Lieben Dank Gaby für deine wundervolle Arbeit und die deines Mannes, macht weiter so.
Und an den Leser, welcher es bis hierher geschafft hat: bleib dran und glaube fest an dich. Es ist möglich.Und sorry für den langen Text, der hoffentlich halbwegs verständlich zu lesen war.
Liebe Grüße,
Jana. Tag 365.
Was für eine wundervolle, wunderbare, ganz großartige Geschichte. Herzlichen Glückwunsch zum ersten Trockengeburtstag, Jana und vielen Dank, dass Due Deine Geschichte mit uns hier teilst.
Ich hoffe, sie macht anderen Mut, die hier ganz aktuelle noch am Anfang stehen @nana @missi @santana @sabine @toni @sweetandbitter @itsme
Hoffentlich bleibst Du uns noch erhalten, schaust mal vorbei und hilfst vielleicht mit dem einen oder anderen Ratschlag auch den anderen hier. Das wär toll.
Liebe Grüße und feier schön!
Gaby
PS: Aus rauschlos glücklich bin ich übrigens rausgeflogen. Das sei komplett unseriös, was wir hier machen, schrieb mir Vlada. Nun denn ...
Eine sehr berührende Vorstellung. Klasse, bravo, gut gemacht!
PS: Aus rauschlos glücklich bin ich übrigens rausgeflogen. Das sei komplett unseriös, was wir hier machen, schrieb mir Vlada. Nun denn ...
Kann es sein, dass diese Facebookgruppen alle von kleinen Lokalfürsten beherrscht werden, die nur eine Meinung (die ihre) akzeptieren und alles andere abbügeln? Ich erinnere mich an eine große Gruppe auf Facebook, bei der ich schon nach der ersten zaghaften Vorstellung wieder ausgestiegen bin, weil ich von der Moderation auf den allerersten Beitrag hin sofort massiv an die Ohren bekam, so wie "Du willst ja saufen" etc. pp., ohne dass mich jemand dort überhaupt in irgendeiner Form kannte.
Und das alles unter Echtnamen, ich jedenfalls ...
@gaby_guzek Eine tolle Geschichte, danke fürs Teilen. Am Anfang stehe ich so gesehen gar nicht. Also ich stehe an einem Teil meines Weges. Der vor einem Jahr begann. Ich kann zumindest sagen, dass ich weit über 200 gute Tage habe. Aber leider wirft es mich immer wieder mal zurück. Im Moment geht es mir gut und ich weiss, dass ich es auf lange Sicht schaffe. Der Weg ist das Ziel. Ich gebe nicht auf. @janawarimrausch
"Am Anfang" definiere ich auch nicht nach der Zeit, vielleicht hätte ich das dazu sagen müssen. "Am Anfang" finde ich ist man so lange, bis man - endlich - in dieses Gefühl kommt, das jana auch so genial beschreibt:
weil ich so dankbar bin für alles und jeden, weil ich diesen Text heute schreiben kann. Voller Stolz und Demut.
Dieses Gefühl der Freiheit, der Dankbarkeit. Das ist es, was ich meine. Im Buch hatte ich das so ausgedrückt
"Dann heißt es für Sie nicht mehr "ich darf nichts mehr trinken" sondern "ich muss nichts mehr trinken." Dann haben Sie gewonnen. Auf diesem Weg möchte Sie dieses Buch begleiten."
Das ist es. Das Ziel.
Liebe Grüße
Gaby
Vielen lieben Dank an alle für die netten Worte, auch an jene, die nicht kommentieren, ich verstehe euch 😉 ich könnte noch so viel erzählen, aber es ist teils auch schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Und ich gebe mir von nun an mehr Mühe, öfter meinen Senf dazu zu geben:)
Liebe Grüße.
Ps: bei rauschlos glücklich habe ich mich nicht mehr wohl gefühlt, irgendwie hat mich das runter gezogen, hier fühle ich mich besser aufgehoben, was wahrscheinlich an den wissenschaftlichen Fakten liegt, dafür bin ich eher zu haben. Zudem habe ich mich bei allen sozialen Netzwerken abgemeldet.
Gaby, du weißt, dass du einen guten Job machst.
Liebe Jana, deine Geschichte macht wirklich Hoffnung. Danke dafür. Ein ganzes nüchternes Jahr liegt für mich noch in weiter Ferne....
Du bist offensichtlich von Anfang an sehr offen mit dem Thema umgegangen und hast dadurch so viel Unterstützung erfahren. Das finde ich neben deinem ganz persönlichen Kampf auch sehr beeindruckend. Was eben zeigt, dass du ein wirklich tolles Umfeld hast! Schön, wenn man sich nach einem Jahr mit einer fetten Torte bedanken kann!!!
Liebe Grüße, Nanna
Herzlichen Glückwunsch zum Trockengeburtstag!





