Wo fange ich da an? Vielleicht damit, dass genau dieses „Wieder-Fühlen“ für mich anfangs fast so schlimm war wie das Trinken selbst. Als würde jemand plötzlich das Licht anmachen in einem Raum, den ich jahrelang absichtlich dunkel gehalten habe.
Ich wusste ehrlich gesagt nicht, wohin mit all dem. Die Scham, die alten Erinnerungen, die Angst vor den eigenen Gedanken. Und manchmal auch diese grundlose Traurigkeit, die sich anfühlt wie ein nasser Mantel, den man nicht ausziehen kann.
Was mir geholfen hat? Nichts Großes, nichts Spektakuläres. Eher die kleinen Dinge. Unbeholfene Versuche, nicht vor mir selbst wegzulaufen. Momente, in denen ich gemerkt habe: „Okay… das fühlt sich jetzt gerade richtig beschissen an. Aber ich halte es aus. Nur für diesen Moment …

Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum fühlen sich Emotionen im Alkoholentzug plötzlich so intensiv und kaum aushaltbar an?
Viele Betroffene berichten genau dieses Phänomen nach Beginn der Abstinenz. Alkohol wirkt über Jahre dämpfend auf limbische Strukturen, insbesondere über GABA– und Glutamat-Systeme. Sobald diese künstliche Sedierung wegfällt, reagiert das Nervensystem zunächst überempfindlich.
Emotionen, die lange unterdrückt waren, treten ungefiltert hervor. Scham, Traurigkeit oder Angst sind dabei keine „neuen“ Gefühle, sondern zuvor überdeckte Inhalte. Dieses Wieder-Fühlen ist neurobiologisch nachvollziehbar und Teil der Anpassung im Alkoholentzug.
Entscheidend ist: Die Intensität nimmt mit zunehmender Stabilisierung des Gehirnstoffwechsels wieder ab. Aushalten in kleinen Zeitfenstern – so wie beschrieben – ist bereits ein aktiver Regulationsprozess.
