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Herzrhythmusstörungen durch Alkohol: So bringt ein Glas zu viel das Herz ins Stolpern

Ein Metronom wirft einen herzförmigen Schatten

Wenn nach Alkohol das Herz aus dem Takt gerät, ist das selten Einbildung. Alkohol greift tief in die elektrische Steuerung des Herzens ein und kann Herzstolpern auslösen – oft ohne dass eine Herzerkrankung vorliegt. Wie das passiert, welche Formen von Rhythmusstörungen typisch sind und wann Vorsicht geboten ist, erklärt dieser Beitrag.

Von Dr. med. Bernd Guzek

Alkohol kann auch bei gesunden Menschen Herzrhythmusstörungen auslösen

Viele von uns kennen das: Nach einem feuchtfröhlichen Abend plötzlich Herzstolpern, ein unruhiges Pochen in der Brust oder sogar richtiges Herzrasen. Und das, obwohl man sich sonst kerngesund fühlt – kein Herzleiden, sportlich, jung, kein Bluthochdruck, normalgewichtig – also alles im grünen Bereich. Umso beunruhigender ist es, wenn nach einem Abend mit Alkohol auf einmal das Herz unerwartet aus dem Takt gerät.

Doch Alkohol kann genau das auslösen, ohne dass eine strukturelle Erkrankung des Herzens vorliegt. Der Grund liegt nicht am Herzmuskel selbst, sondern am elektrischen Steuerungssystem des Herzens. Und an chemischen Substanzen, die beim Alkohol-Abbau entstehen und noch deutlich giftiger sind als der Alkohol selbst.

Alkohol wirkt nicht nur berauschend. Er beeinflusst Nerven, Hormone, den Salz- und Flüssigkeitshaushalt und die Stressregulation des Körpers. Diese Effekte greifen ineinander – und das Herz reagiert darauf oft sehr sensibel. Deshalb können Rhythmusstörungen auch bei Menschen auftreten, die zuvor nie Probleme mit dem Herzen hatten.

Alkohol mischt sich auf mehreren Ebenen ein:

  • Er beeinflusst das autonome Nervensystem (also der Teil unseres Nervensystems, der automatisch Dinge wie Herzschlag, Atmung und Verdauung steuert – ohne dass wir bewusst eingreifen).
  • Er stört die Reizleitung direkt im Herzgewebe.
  • Er verändert den Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalt (z. B. Kalium und Magnesium).
  • Er aktiviert Stresshormone wie Adrenalin.

Diese Kombination macht Alkohol zu einem echten Trigger für Rhythmusstörungen – auch bei Menschen ohne Vorerkrankungen.

So entsteht der normale Herzschlag

Um zu verstehen, warum Alkohol den Herzrhythmus stören kann, muss man kurz verstehen, wie ein Herzschlag überhaupt zustande kommt.

Das Herz besteht aus vier Hohlräumen: zwei oberen Vorhöfen (rechter und linker Vorhof) und zwei unteren Herzkammern (rechte und linke Kammer). Die Vorhöfe sammeln das Blut und pumpen es in die Kammern, die es dann kraftvoll in die Lunge bzw. den übrigen Körper schicken.

Jeder Herzschlag beginnt mit einem elektrischen Impuls. Den Takt gibt der Sinusknoten vor – eine kleine Gruppe spezialisierter Zellen im rechten Vorhof. Dort entsteht der elektrische Startimpuls für jeden Herzschlag, von hier breitet sich der Impuls zunächst über die Vorhöfe aus, lässt sie sich zusammenziehen.

Anschließend erreicht der Impuls den AV-Knoten (eine Art Verzögerungsstation zwischen Vorhöfen und Kammern). Hier wird der Impuls kurz gebremst – das ist wichtig, damit die Vorhöfe erst fertig pumpen, bevor die Kammern loslegen. Anschließend rast der Impuls über spezielle Fasern, die man sich als Kabel vorstellen kann (die His-Bündel und Purkinje-Fasern) zu den Kammern und lässt sie kontrahieren.

So entsteht ein effizienter, rhythmischer Schlag: Vorhöfe zuerst, Kammern danach. Gut erklärt im ZDF-Video:

Animation: Normaler Sinusrhythmus im Vergleich zu Vorhofflimmern. Quelle: Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Störungen können oberhalb der Herzkammern (supraventrikulär) oder in den Kammern (ventrikulär) entstehen. Die meisten durch Alkohol ausgelösten Rhythmusstörungen entstehen durch Fehler oberhalb der Herzkammern – also in den Vorhöfen oder der Verkabelung dazwischen.

Deutlich seltener entstehen Rhythmusstörungen in den Herzkammern selbst. Diese Formen sind gefährlicher, spielen beim normalen Alkoholkonsum jedoch meist nur in speziellen Situationen eine Rolle, etwa beim schweren Entzug oder bei zusätzlichen Störungen im Körper.

Die häufigsten Rhythmusstörungen nach Alkohol – das spüren Betroffene

Vorhofflimmern und Vorhofflattern

Das ist die wichtigste und häufigste alkoholbedingte Störung. Die Vorhöfe verlieren ihren geordneten Rhythmus: Statt einem klaren Signal entstehen hunderte chaotische Impulse. Das Herz schlägt dann völlig unregelmäßig, oft schnell, manchmal mit dem Gefühl, als würde es „flattern“ oder „aus der Brust springen“.

Ursache dafür: Alkohol fördert das durch höhere Erregbarkeit der Vorhofzellen, Veränderungen im Kalzium-Stoffwechsel und ein Ungleichgewicht im autonomen Nervensystem (mehr Adrenalin-ähnliche Einflüsse).

Supraventrikuläre Tachykardien

Plötzliches, heftiges Herzrasen aus heiterem Himmel – oft mit über 150 Schlägen pro Minute. Es setzt abrupt ein, klopft stark und geht oft mit Schweiß, Zittern und Angst einher. Betroffene berichten dann von heftigem Herzklopfen, Engegefühl in der Brust, Schweißausbrüchen und massiver innerer Unruhe. Viele verwechseln das mit einer Panikattacke, obwohl der Auslöser eigentlich eine elektrische Fehlfunktion im Leitungssystems des Herzens ist.

Extrasystolen (Extraschläge, Herzstolpern)

Extrasystolen sind zusätzliche Schläge zwischendurch, die aus dem normalen Takt fallen. Medizinisch sind sie meist harmlos, subjektiv jedoch extrem irritierend. Nach Alkohol treten sie deutlich öfter auf, besonders in Ruhe oder nachts.

Die gefährliche Ausnahme: QT-Verlängerung und Entzug

Die meisten alkoholbedingten Störungen sind unangenehm, aber nicht sofort lebensbedrohlich. Eine wichtige Ausnahme ist die Verlängerung der QT-Zeit – das ist die Erholungsphase der Kammern nach einem Schlag.

Alkohol wirkt hier vor allem indirekt, besonders im Entzug: Durch Elektrolytmangel (z. B. niedriges Kalium oder Magnesium), nach starkem Konsum oder in Kombination mit bestimmten Medikamenten kann es zu gefährlichen Kammer-Rhythmusstörungen kommen.


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Deshalb sollte ein schwerer Alkoholentzug immer ärztlich begleitet werden. Übrigens: Treten solche Rhythmusstörungen nach exzessivem Trinken (“Binge-Drinking”) auf, kann es sich um ein “Holiday-Heart-Syndrom” handeln, dazu findest Du hier einen eigenen Blogbeitrag.

Alkohol stört das elektrische Gleichgewicht am Herzen

Alkohol wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Er beeinflusst die Stresshormone wie Adrenalin, verändert die Aktivität der Nerven, die Herzschlag und Blutdruck steuern, und greift in den Mineralstoffhaushalt ein.

Zunächst wirkt Alkohol oft entspannend. Doch sobald der Körper beginnt, ihn abzubauen, kehrt sich dieser Effekt um. Das Stresssystem wird aktiviert, der Puls steigt, die Wahrnehmung wird schärfer, während die innere Kontrolle sinkt. Genau in dieser Phase treten viele Rhythmusstörungen auf.

Hinzu kommt: Alkohol fördert Flüssigkeitsverlust und kann wichtige Mineralsalze wie Kalium oder Magnesium aus dem Gleichgewicht bringen. Diese Stoffe sind jedoch entscheidend dafür, dass elektrische Signale im Herzen stabil weitergeleitet werden.

Abbauprodukt Acetaldehyd – viel giftiger als der Alkohol selbst

Wenn über die Wirkung von Alkohol gesprochen wird, denkt man meist an Ethanol selbst. Tatsächlich ist es aber ein Abbauprodukt, das für viele körperliche Reaktionen besonders relevant ist: Acetaldehyd – in der chemischen Industrie ein wichtiger Grundstoff für Kunststoffe, Parfüms, Lösemittel, Farbstoffe und sogar Sprengstoffe. In unserem Körper eher unnütz, vorsichtig gesagt.

Sofort, wenn der erste Vodka im Magen ankommt, drückt der Körper den Panikbutton. Schon nach Minuten springt die Entgiftung an. Dabei entsteht Acetaldehyd – eine Substanz, die deutlich reaktiver ist als Alkohol selbst. Sie wirkt nicht nur in der Leber, sondern beeinflusst auch Nerven, Gefäße und das Herz.

Acetaldehyd kann die elektrische Stabilität des Herzens beeinträchtigen. Es macht Herzmuskelzellen leichter erregbar und verstärkt die Wirkung von Stresshormonen wie Adrenalin. Das bedeutet: Das Herz reagiert schneller, sensibler und weniger kontrolliert auf innere Reize. Genau das begünstigt Herzrasen, Stolpern und Rhythmuschaos.

Hinzu kommt, dass Acetaldehyd das Nervensystem stimuliert. Der Körper gerät leichter in einen Stressmodus, selbst wenn äußerlich Ruhe herrscht. Viele Menschen erleben deshalb Herzsymptome nicht während des Trinkens, sondern erst später – wenn der Alkohol bereits abgebaut wird und Acetaldehyd im Vordergrund steht.

Besonders deutlich wird dieser Effekt bei Menschen, die Acetaldehyd genetisch schlechter abbauen können. Sie reagieren schon auf kleine Alkoholmengen mit Flush, Herzklopfen und starker Unruhe. Das zeigt: Nicht nur der Alkohol selbst, sondern sein Abbauprodukt spielt eine entscheidende Rolle.

Wichtig ist dabei: Acetaldehyd ist selten die alleinige Ursache einer Herzrhythmusstörung. Aber es wirkt wie ein Verstärker im Hintergrund, der das Herz empfindlicher macht für Stress, Nervensignale und elektrische Fehlzündungen.

Warum fühlt es sich oft wie Panik an?

Viele Menschen sind überzeugt, sie hätten nach Alkohol eine Panikattacke. Tatsächlich beginnt die Kette der Ereignisse aber oft im Herzen. Herzrasen plus innere Unruhe, Zittern, Atemnot und massive Angst – das ist typisch. Alkohol dämpft zunächst das Nervensystem, aber beim Abbau kommt der Rebound: Der Sympathikus (der “Gaspedal”-Teil des autonomen Nervensystems, der Adrenalin freisetzt) übernimmt. Das Herz schlägt schneller, alles fühlt sich intensiver an.

Ein schneller oder unregelmäßiger Herzschlag wird vom Körper als Bedrohung wahrgenommen. Das Stresssystem springt an, Adrenalin wird ausgeschüttet, Atmung und Muskelspannung verändern sich. Angst ist dann nicht die Ursache, sondern die Folge der körperlichen Reaktion.

Das erklärt, warum Herzrhythmusstörungen und Angst so eng miteinander verknüpft sind – besonders nach Alkohol. Das Herz reagiert zuerst, die Psyche folgt.

Wann einfach beobachten, wann zum Arzt?

  • Beobachten sollte normalerweise reichen bei einzelnem Stolpern oder kurzzeitigem Klopfen ohne weitere Beschwerden.
  • Abklären lassen: Bei wiederholtem Rasen, langem unregelmäßigem Puls oder Leistungseinbußen.
  • Sofort handeln: Bei Schwindel/Ohnmacht, Brustschmerzen, starker Atemnot oder anhaltend extrem schnellem/langsamem Puls.

Wenn Du unsicher bist: Lieber einmal zu viel zum Arzt gehen als einmal zu wenig. Dein Herz dankt es dir. Gerade weil Alkohol so tief in die Steuerung des Herzrhythmus eingreift, ist es sinnvoll, wiederkehrende Symptome ernst zu nehmen – und vor allem den eigenen Alkoholkonsum einmal kritisch zu hinterfragen.

FAQ – häufig gestellte Fragen zu Herzstolpern und Alkohol

Kann Alkohol wirklich Herzrhythmusstörungen auslösen, auch wenn man herzgesund ist?

Ja. Alkohol kann das elektrische Steuerungssystem des Herzens stören, auch ohne dass eine Herzerkrankung vorliegt. Stresshormone, Nervenreize, Elektrolytverschiebungen und Abbauprodukte wie Acetaldehyd machen das Herz anfälliger für Rhythmusstörungen.

Welche Herzrhythmusstörungen treten nach Alkohol am häufigsten auf?

Am häufigsten sind Vorhofflimmern, supraventrikuläre Tachykardien (plötzliches Herzrasen) und Extrasystolen (Herzstolpern). Die meisten dieser Störungen entstehen oberhalb der Herzkammern und sind unangenehm, aber nicht sofort lebensbedrohlich.

Warum treten Herzprobleme oft erst Stunden nach dem Trinken auf?

Viele Symptome entstehen nicht während des Trinkens, sondern beim Abbau des Alkohols. In dieser Phase überwiegen Stresshormone, der Puls steigt und das Abbauprodukt Acetaldehyd wirkt besonders stark auf Herz und Nervensystem.

Kann Herzrasen nach Alkohol eine Panikattacke sein?

Oft ist es umgekehrt: Das Herz gerät zuerst aus dem Takt, und die Angst folgt als Reaktion des Körpers. Herzrhythmusstörungen können starke Angstgefühle auslösen, ohne dass die Ursache psychisch ist.

Wann sollte man mit Herzstolpern nach Alkohol zum Arzt gehen?

Bei wiederholtem Herzrasen, anhaltend unregelmäßigem Puls, Schwindel, Ohnmacht, Brustschmerzen oder Atemnot sollte ärztlich abgeklärt werden. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel als zu wenig.

Sind Herzrhythmusstörungen im Alkoholentzug gefährlich?

Ja, insbesondere im schweren Entzug. Elektrolytstörungen und eine Verlängerung der QT-Zeit können gefährliche Kammer-Rhythmusstörungen begünstigen. Deshalb sollte ein ausgeprägter Alkoholentzug medizinisch begleitet werden.

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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