Adrenalin ist das bekannteste Stresshormon des Körpers. Es macht Dich innerhalb von Sekunden bereit zu kämpfen oder zu fliehen. Alkohol greift auf mehreren Wegen in dieses System ein: beim Trinken, beim Kater und vor allem im Entzug. Viele Beschwerden, die Betroffene aus dieser Zeit kennen, gehen auf das Konto von Adrenalin und seinem engen Verwandten Noradrenalin.
Was ist Adrenalin? #
Adrenalin ist ein Hormon. Es wird vor allem im Nebennierenmark gebildet, also im Inneren der kleinen Drüsen, die auf den Nieren sitzen. Dort entsteht es zusammen mit Noradrenalin. Beide gehören zur Gruppe der Katecholamine. Im Gehirn spielt Adrenalin als Botenstoff nur eine Nebenrolle. Dort ist Noradrenalin der wichtigere Akteur.
Der Körper stellt Adrenalin in mehreren Schritten her. Am Anfang stehen die Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin. Daraus entsteht zunächst Dopamin, dann Noradrenalin und schließlich Adrenalin. Als Helfer braucht der Körper dafür unter anderem Vitamin B6 und Vitamin C. Den letzten Schritt kurbelt das Stresshormon Cortisol an. So arbeiten die beiden Stresssysteme eng zusammen.
Auch als Medikament ist Adrenalin wichtig. Notärzte setzen es bei einem Herzstillstand ein. Menschen mit schweren Allergien tragen es als Notfall-Pen bei sich, um einen allergischen Schock abzufangen.
So wirkt Adrenalin im Körper #
Adrenalin ist der Startknopf der sogenannten Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Das Herz schlägt schneller und kräftiger, der Blutdruck steigt. Die Bronchien weiten sich, damit mehr Luft in die Lunge kommt. Die Muskeln werden besser durchblutet. Gleichzeitig holt Adrenalin Zucker aus den Speichern der Leber und setzt Fett aus dem Fettgewebe frei. So steht schnell Energie bereit. Die Verdauung wird dagegen heruntergefahren, die Pupillen werden weit, und oft bricht Schweiß aus.
Ausgeschüttet wird Adrenalin bei Gefahr und Stress, aber auch bei körperlicher Anstrengung, Kälte und niedrigem Blutzucker. Der Körper baut es innerhalb weniger Minuten wieder ab. Problematisch wird es, wenn das System dauerhaft auf Hochtouren läuft. Dann stehen Herz und Gefäße ständig unter Druck, und das Risiko für Bluthochdruck und Herzkrankheiten steigt. Mehr dazu erfährst Du unter Blutdruck und Alkohol.
Was Alkohol mit Adrenalin macht #
Viele trinken, um runterzukommen. Der Kopf fühlt sich nach ein paar Gläsern tatsächlich ruhiger an. Der Körper erlebt aber etwas anderes. Schon beim Trinken steigen die Katecholamine im Blut, und das Herz schlägt schneller. Nach größeren Mengen kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen, vor allem zu Vorhofflimmern. Ärzte nennen das Holiday-Heart-Syndrom, weil es oft nach Feiertagen und Festen auftritt.
Ein zweiter Weg führt über den Blutzucker. Solange die Leber Alkohol abbaut, kann sie kaum neuen Zucker herstellen. Wer viel trinkt und wenig isst, rutscht deshalb leicht in eine Unterzuckerung. Der Körper reagiert darauf mit einem Adrenalinstoß. Die Folgen sind Zittern, Schweißausbrüche, Herzklopfen und innere Unruhe. Das passiert oft nachts oder am frühen Morgen.
Dazu kommt ein Gegenschlag im Gehirn. Alkohol wirkt dämpfend, und das Gehirn hält mit anregenden Systemen dagegen. Lässt die Wirkung in der zweiten Nachthälfte nach, überwiegen plötzlich die anregenden Kräfte. Viele wachen dann gegen drei oder vier Uhr mit Herzklopfen auf und können nicht mehr einschlafen. Am nächsten Tag folgt oft eine diffuse Angst, die als Hangxiety bekannt ist.
Adrenalin und Noradrenalin im Alkoholentzug #
Bei regelmäßigem Trinken stellt sich das Gehirn dauerhaft auf den dämpfenden Alkohol ein. Es dreht seine anregenden Systeme hoch, um normal zu funktionieren. Fällt der Alkohol plötzlich weg, fehlt die Bremse. Das Stresssystem schießt über. Besonders aktiv ist dabei Noradrenalin im Gehirn, unterstützt von Adrenalin aus den Nebennieren. Was dabei genau im Gehirn passiert, beschreibt der Beitrag Alkoholentzug – was passiert da biochemisch?
Die typischen Entzugssymptome gehen zu einem großen Teil auf diesen Überschuss zurück: Zittern, Schwitzen, Herzrasen, hoher Blutdruck, Unruhe, Angst und Schlaflosigkeit. Am stärksten sind sie meist ein bis drei Tage nach dem letzten Glas. Im schlimmsten Fall entwickelt sich ein Delirium tremens.
In der Behandlung setzen Ärzte vor allem Benzodiazepine oder Clomethiazol ein. Sie ersetzen vorübergehend die fehlende Bremse im Gehirn und schützen so auch vor Krampfanfällen und Delir. Betablocker oder Clonidin können zusätzlich Puls und Blutdruck senken. Allein reichen sie aber nicht. Sie lindern nur die Beschwerden am Herzen und können wichtige Warnzeichen verdecken. Ein kalter Entzug ohne ärztliche Begleitung ist deshalb riskant. Ob Du zu Hause entziehen kannst, hilft Dir unser Selbsttest „Alkoholentzug zu Hause oder in der Klinik?“ einzuschätzen.
Wenn das Stresssystem sich wieder beruhigt #
Nach dem akuten Entzug braucht das Stresssystem Zeit, um sein Gleichgewicht wiederzufinden. In den ersten Wochen und Monaten reagieren viele Betroffene stärker auf Stress als früher. Kleine Ärgernisse fühlen sich größer an, der Schlaf ist unruhig, manchmal kommt es zu Panikattacken. Das ist Teil der Erholung und wird als PAWS beschrieben. Es geht vorbei.
Genau in dieser Phase lauert eine Falle. Wer früher Stress mit Alkohol gedämpft hat, greift leicht wieder zum Glas. Mehr dazu liest Du unter Entspannungstrinken. Besser helfen Bewegung, regelmäßige Mahlzeiten gegen Blutzuckerschwankungen und ausreichend Schlaf. Auch langsames Ausatmen beruhigt das Nervensystem spürbar. Wie andere diese Zeit gemeistert haben, erfährst Du in unserem Alkoholiker-Forum.
Häufige Fragen zu Adrenalin und Alkohol #
Beide sind eng verwandte Stresshormone aus der Gruppe der Katecholamine. Adrenalin wirkt vor allem als Hormon im Blut und kommt hauptsächlich aus den Nebennieren. Noradrenalin ist zusätzlich ein wichtiger Botenstoff im Gehirn und im Nervensystem.Was ist der Unterschied zwischen Adrenalin und Noradrenalin?
Das Gehirn hat sich an den dämpfenden Alkohol gewöhnt und seine anregenden Systeme hochgefahren. Fällt der Alkohol weg, schießen Noradrenalin und Adrenalin über. Herzrasen, Zittern und Schwitzen sind die Folge. Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt.Warum habe ich im Alkoholentzug Herzrasen und Zittern?
Wenn die dämpfende Wirkung des Alkohols in der zweiten Nachthälfte nachlässt, überwiegen die anregenden Kräfte im Gehirn. Zusätzlich kann der Blutzucker absinken, worauf der Körper mit Adrenalin reagiert. Beides kann Dich mit Herzklopfen und Unruhe aus dem Schlaf reißen.Warum wache ich nach dem Trinken nachts mit Herzklopfen auf?
Die akuten Entzugsbeschwerden klingen meist nach einigen Tagen ab. Bis das Stresssystem wieder ganz im Gleichgewicht ist, können aber Wochen bis Monate vergehen. Bewegung, regelmäßiges Essen und guter Schlaf unterstützen die Erholung.Wie lange dauert es, bis sich das Stresssystem nach dem Entzug beruhigt?

