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Kein Frische-Tag, sondern ein Entlastungs-Tag

Künstlerischer Darstellung eines entlasteten Gewebes

Vielleicht fällt Dir heute nichts Besonderes auf. Kein Aha-Moment, kein Energieschub, kein neues Körpergefühl. Der Kopf ist einfach da. Etwas klarer vielleicht, etwas ruhiger. Weniger Druck. Weniger Hintergrundrauschen. Und gerade weil nichts spektakulär wirkt, wird dieser Tag oft unterschätzt.

Tag 8 ist kein Frische-Tag. Er ist ein Entlastungs-Tag.

Alkohol greift nicht nur in Botenstoffe ein. Er verändert auch das innere Milieu des Körpers. Dazu gehört die Regulation von Flüssigkeit, Elektrolyten und Gewebedruck. Kurzfristig führt Alkohol zu vermehrter Harnausscheidung. Langfristig verschiebt er das Gleichgewicht subtil, aber dauerhaft. Die Flüssigkeitsverteilung wird ungünstiger, Gewebe reagieren träger, Austauschprozesse verlangsamen sich.

Im Gehirn macht sich das besonders bemerkbar. Die interstitielle Flüssigkeit – also die Flüssigkeit zwischen den Zellen – wird unter chronischem Alkoholeinfluss zäher. Verbauchte Nährstoffe werden langsamer abtransportiert, Entzündungs-Auslöser bleiben länger vor Ort. Das Ergebnis ist kein akuter Schmerz, sondern ein diffuses Gefühl von Druck, Unruhe oder mentaler Schwere.

Fällt der Alkohol weg, normalisieren sich diese Prozesse allmählich. Nicht durch bewusstes „viel Trinken“, sondern durch funktionierende Regulation. Das antidiuretische Hormon arbeitet wieder im Rhythmus. Der Flüssigkeitsaustausch zwischen Blut, Gewebe und Gehirn wird effizienter. Vor allem nachts, im Schlaf, kommt es wieder zu dem, was tagsüber oft fehlt: Entlastung.

Viele beschreiben an diesem Punkt einen klareren Kopf, ohne Euphorie. Gedanken verlaufen geradliniger. Reize wirken weniger aufdringlich. Die innere Lautstärke sinkt. Das ist kein Leistungsgewinn, sondern der Wegfall von Störsignalen.

Wichtig ist dabei: Das hat nichts mit „Reinigung“ oder „Detox“ zu tun. Der Körper war nie verschmutzt. Er war belastet. Und Belastung verschwindet nicht durch Aktivität, sondern durch Entlastung. Genau das passiert jetzt.

Dieser ruhigere Zustand ist eine Voraussetzung für alles, was folgt. Konzentration, Motivation, emotionale Stabilität entstehen nicht im Dauerstress. Sie brauchen ein Milieu, das nicht permanent gegenregulieren muss. Tag 8 markiert genau diesen Übergang.

Wenn Du heute also das Gefühl hast, dass der Kopf weniger arbeitet, aber klarer funktioniert, ist das kein Stillstand. Es ist ein Zeichen dafür, dass das System wieder Raum bekommt. Nicht für mehr – sondern für weniger Widerstand.

Morgen schauen wir uns an, warum genau diese Entlastung entscheidet, ob Energie tragfähig wird oder schnell wieder verpufft. Denn Klarheit entsteht nicht durch Anstrengung. Sie entsteht, wenn der Druck nachlässt.

Bitte beachte unbedingt: Wenn Du starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.

Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.

Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen

Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.

Datenschutz: Die Auswertung erfolgt anonym in Deinem Browser. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben und keine Antworten gespeichert oder übertragen. Wenn Du das Browserfenster schließt sind die Daten weg.

1) Hast Du in den letzten sechs Monaten Alkohol konsumiert?
2) Bestand in den letzten 90 Tagen eine Alkoholintoxikation?
3) Wurdest Du jemals wegen Alkohol-Entzugserscheinungen behandelt oder überwacht?
4) Gab es in der Vergangenheit Entzugsanfälle, also Krampfanfälle beim Weglassen des Alkohols?
5) Gab es in der Vergangenheit ein Delirium tremens?
6) Wird aktuell ein Blutalkohol > 0,1 % (1 ‰) gemessen?
7) Wurden in den letzten 90 Tagen Sedativa, Hypnotika oder andere GABA-wirksame Medikamente regelmäßig eingenommen?
8) Wird der Entzug stationär erwartet oder ausgelöst (z. B. geplante OP, Notaufnahme, Inhaftierung)?
9) Liegen Symptome vor wie Zittern (Tremor), Schwitzen, schneller Herzschlag (Tachykardie), Bluthochdruck (Hypertonie)?
10) Bestehen weitere Erkrankungen wie z. B. Lebererkrankungen, Elektrolytstörungen, Infekte oder Traumata, die Entzugssymptome verstärken könnten?
Bitte beantworte alle 10 Fragen, damit eine Auswertung möglich ist.

Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.

Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .

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Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.