Oxytocin wird oft als „Bindungshormon“ bezeichnet. Treffender wäre: Sicherheitsbotenstoff. Es signalisiert dem Nervensystem, dass keine Gefahr besteht, dass soziale Nähe tragfähig ist und dass Wachsamkeit heruntergefahren werden darf.
Alkohol hat dieses System lange ersetzt. Er senkte soziale Anspannung künstlich, dämpfte Unsicherheit und erzeugte ein Gefühl von Verbundenheit – schnell, zuverlässig, aber ohne echte Beziehung. Nähe musste nicht aufgebaut werden, sie wurde chemisch simuliert.
Mit dem Wegfall des Alkohols fällt diese Abkürzung weg. Das Oxytocin-System steht dann zunächst ungeübt da. Soziale Situationen fühlen sich nüchterner an, manchmal kantiger, manchmal überraschend leer. Nicht, weil etwas fehlt, sondern weil der Körper wieder selbst regulieren muss.
Ab etwa der dritten bis vierten Woche beginnt sich das zu verändern. Oxytocin wird wieder situationsabhängig freigesetzt. Nicht pauschal, nicht überdreht, sondern als Antwort auf echte soziale Signale. Auf Verlässlichkeit. Auf Resonanz. Auf das Erleben, nicht allein zu sein.
Wichtig dabei: Oxytocin entsteht nicht durch Reden an sich. Es entsteht nicht durch Selbstdarstellung, Offenheit als Pflicht oder emotionale Leistung. Entscheidend ist nicht, was gesagt wird, sondern wie das Gegenüber reagiert. Gehört werden. Ernst genommen werden. Nicht bewertet werden. Auch gemeinsames Schweigen kann stärker wirken als viele Worte.
Das Nervensystem registriert dabei etwas Grundlegendes: Die soziale Umgebung ist sicher. Schutzmechanismen dürfen herunterfahren. Wachsamkeit verliert ihre Dringlichkeit. Genau in diesem Moment wird Oxytocin ausgeschüttet.
Viele empfinden diese Phase zunächst als ungewohnt. Nähe ohne Alkohol fühlt sich verletzlicher an. Weniger gedämpft, weniger gepuffert. Das ist kein Rückschritt, sondern Teil der Umstellung. Das Oxytocin-System lernt neu, wofür es zuständig ist – und wofür nicht.
Mit jeder stabilen sozialen Erfahrung ohne Substanz verstärkt sich dieser Effekt. Vertrauen wird nicht euphorischer, sondern ruhiger. Zugehörigkeit nicht intensiver, sondern verlässlicher. Soziale Situationen verlieren ihren inneren Druck, etwas kompensieren zu müssen.
Tag 26 steht deshalb nicht für Aktivität, sondern für Einbettung. Der Körper beginnt wieder, soziale Nähe als Ressource zu nutzen – nicht als Auslöser von Stress, sondern als Quelle von Stabilität.
Oxytocin wirkt dabei nicht motivierend, sondern regulierend. Es senkt Stress, dämpft Rückfallimpulse und unterstützt emotionale Belastbarkeit. Nicht spektakulär. Aber nachhaltig.
Wenn sich soziale Situationen heute weniger aufgeladen anfühlen als früher – weniger zwingend, weniger existenziell – dann ist das kein Verlust. Es ist ein Zeichen dafür, dass Dein Nervensystem wieder selbst trägt, was früher ausgelagert war.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


