Stress gehört zum Leben. Entscheidend ist nicht, ob er auftritt, sondern wie lange er den Körper beherrscht – und ob der Organismus wieder aus dem Stress herauskommt.
Unter Alkohol verliert dieses System seine Elastizität. Stressreaktionen laufen länger, heftiger und ungezielter ab. Der Körper bleibt im Alarm, auch wenn der Anlass längst vorbei ist. Das hat wenig mit „mentaler Belastbarkeit“ zu tun und viel mit Biochemie.
Alkohol greift direkt in die Stressachsen ein. Er beeinflusst die Ausschüttung von Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin – zunächst dämpfend, später übersteuernd. Nach dem Abbau kippt die Regulation: Stresshormone steigen schneller an, bleiben länger aktiv und lassen sich schlechter wieder herunterfahren. Genau deshalb fühlen sich viele Menschen unter Alkohol dauerhaft angespannt, reizbar oder innerlich getrieben – selbst in objektiv ruhigen Situationen.
Fällt der Alkohol weg, beruhigt sich dieses System nicht sofort. In den ersten Tagen reagieren Stressachsen oft sogar über. Doch ab der dritten Woche beginnt eine spürbare Veränderung.
Der Cortisol-Spiegel normalisiert sich allmählich. Stressreaktionen werden wieder zeitlich begrenzt. Das Nervensystem unterscheidet besser zwischen echter Belastung und harmlosen Reizen. Wichtig ist dabei nicht die Abwesenheit von Stress, sondern die Rückkehr zur Regulation.
Ein gesundes Stresssystem funktioniert wie ein Dimmer, nicht wie ein Lichtschalter. Es fährt hoch, wenn Energie gebraucht wird – und fährt wieder herunter, wenn die Situation vorbei ist. Genau diese Fähigkeit beginnt sich jetzt zu stabilisieren.
Viele erleben das nicht als Entspannung im klassischen Sinn. Sondern als etwas Unauffälligeres: weniger innere Daueranspannung, schnelleres Runterkommen nach Konflikten, klarere Gedanken unter Druck. Der Körper bleibt leistungsfähig, ohne permanent unter Strom zu stehen.
Das ist kein Training, keine Technik, kein bewusster Akt. Es ist Entlastung auf Systemebene.
Tag 17 markiert deshalb keinen Zustand von Ruhe, sondern einen Wechsel im Umgang mit Belastung. Stress dominiert nicht mehr automatisch das gesamte System. Er wird wieder zu dem, was er biologisch ist: eine vorübergehende Reaktion, kein Dauerzustand.
Wenn Du heute merkst, dass Situationen Dich noch fordern, Dich aber nicht mehr tagelang nachhallen lassen, dann ist das kein Zufall. Dein Körper lernt wieder, Stress zu beenden.
Morgen schauen wir uns an, warum genau diese Fähigkeit darüber entscheidet, ob emotionale Stabilität im Alltag trägt – oder bei der nächsten Überforderung wieder kippt.
Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.
Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.
Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen
Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.
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Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.
Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .
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Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


