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Mann kehrt mit Orangensaft vom Kühlschrank zurück, nicht mit Bier oder Wein

Cravings sind Signale – und Du lernst, sie einzuordnen

Vielleicht hast Du heute zum ersten Mal den Eindruck, dass das Verlangen nach Alkohol nicht mehr ganz so zwingend ist wie noch vor einigen Tagen. Es taucht vielleicht noch auf, aber es fühlt sich anders an. Weniger überfallartig. Weniger alternativlos.

Das ist kein Zufall – und es ist auch kein reiner Willenseffekt.

Cravings sind keine bloßen Gewohnheiten. Sie entstehen aus tiefgreifenden Veränderungen im Gehirn, die sich unter Alkohol über Jahre aufgebaut haben. Mehrere Systeme greifen dabei ineinander: das Belohnungssystem, das Stresssystem, die Balance zwischen Erregung und Hemmung. Was Du als „Saufdruck“ erlebst, ist das Zusammenwirken dieser Prozesse.

Alkohol hat das Gehirn darauf trainiert, ihn als besonders wirksame Lösung zu speichern. Er sorgte für starke Dopaminsignale im Belohnungssystem, dämpfte innere Unruhe über GABA, beeinflusste Stresshormone wie Cortisol und setzte Endorphine frei, die ein kurzfristiges Wohlgefühl erzeugten. Das Gehirn hat gelernt: Das hilft schnell.

Wenn der Alkohol wegfällt, bleiben diese Systeme zunächst in einer Art Suchmodus. Das Belohnungssystem erinnert sich. Das Stresssystem ist leichter aktivierbar. Die Balance zwischen Erregung und Hemmung ist noch nicht vollständig stabil. Craving ist in dieser Phase kein Wunsch nach Genuss – sondern ein biologisches Signal: Da fehlt etwas, das früher reguliert hat.

Was sich um Tag 15 verändert, ist nicht primär die Stärke dieser Signale. Sondern ihre Einordnung.

Der Frontallappen, also jener Teil des Gehirns, der für Planung, Impulskontrolle und Bewertung zuständig ist, beginnt wieder verlässlicher zu arbeiten. Unter Alkohol war er dauerhaft geschwächt. Reize wurden schneller in Handlung übersetzt, ohne ausreichend Abstand, ohne Prüfung. Jetzt entsteht wieder genau dieser Abstand.

Cravings tauchen auf – aber sie müssen nicht mehr sofort beantwortet werden.

Das bedeutet nicht, dass sie „nur noch psychIsch“ wären. Sie bleiben körperlich spürbar, manchmal hartnäckig, manchmal überraschend. Aber sie verlieren etwas Entscheidendes: ihre Durchschlagskraft. Zwischen Impuls und Reaktion entsteht Raum.



Viele erleben das als eine neue Art innerer Klarheit. Nicht als völlige Ruhe, sondern als die Fähigkeit, einen Impuls wahrzunehmen, ohne ihm automatisch zu folgen. Gedanken wie „Ich könnte jetzt trinken“ stehen plötzlich neben Gedanken wie „Ich muss das aber nicht tun“. Diese zweite Option war zuvor meist nicht verfügbar.

Das ist kein Sieg über das Craving. Es ist Integration.

Der Frontallappen unterdrückt das Verlangen nicht. Er ordnet es ein. Er setzt es in Beziehung zu dem, was Du weißt, was Du willst, was Dir langfristig guttut. Genau diese Fähigkeit war unter Alkohol eingeschränkt – und genau sie beginnt jetzt zurückzukehren.

Wichtig ist dabei: Diese Phase braucht Unterstützung, nicht Härte. Unterzuckerung, Schlafmangel, Stress oder Überforderung können Cravings verstärken, weil sie die alten Systeme erneut aktivieren. Das ist kein Rückschritt, sondern ein Hinweis darauf, wie sensibel diese Prozesse noch sind.

Tag 15 markiert deshalb keinen Punkt, an dem alles „überstanden“ ist. Aber er markiert einen entscheidenden Übergang: vom reinen Aushalten hin zum bewussteren Steuern.

Wenn Du heute merkst, dass ein Impuls kommt und wieder geht, ohne dass Du kämpfen musstest, dann ist das kein kleiner Erfolg. Es ist ein Zeichen dafür, dass Dein Gehirn beginnt, wieder Entscheidungen zu ermöglichen – statt nur Reaktionen.

Morgen schauen wir uns an, warum genau diese neue Fähigkeit zur Impulskontrolle darüber entscheidet, ob Veränderungen stabil bleiben – und wie sie sich weiter festigt, ohne dass Du ständig aufmerksam gegen Dich selbst arbeiten musst.

Bitte beachte unbedingt: Wenn Du ohne Alkohol starke Beschwerden haben solltest wie Zittern, Angst, Schwitzen, Übelkeit/Erbrechen oder plötzliche Schlafstörungen, dann beantworte den Fragebogen unter diesem Text ehrlich. Das könnten Symptome eines Alkoholentzugs sein, der unbedingt sofortige ärztliche Aufsicht bräuchte.

Falls der Arzt Dir raten sollte, vorerst wieder mäßig zu trinken, dann wäre das in dieser Phase ein absoluter Standardrat und nichts Verrücktes. Man kann so Entzugssymptome erst einmal unterdrücken und die Zeit bis zu einem professionellen Eingreifen überbrücken.

Entzugsrisiko-Selbstcheck: 10 Fragen

Dieser Selbstcheck dient ausschließlich der Einschätzung des medizinischen Risikos für einen Alkoholentzug. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung. Unabhängig vom Ergebnis gilt: Bitte wende Dich für Deine persönliche Einschätzung an Arzt oder Suchtberatung.

Datenschutz: Die Auswertung erfolgt anonym in Deinem Browser. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben und keine Antworten gespeichert oder übertragen. Wenn Du das Browserfenster schließt sind die Daten weg.

1) Hast Du in den letzten sechs Monaten Alkohol konsumiert?
2) Bestand in den letzten 90 Tagen eine Alkoholintoxikation?
3) Wurdest Du jemals wegen Alkohol-Entzugserscheinungen behandelt oder überwacht?
4) Gab es in der Vergangenheit Entzugsanfälle, also Krampfanfälle beim Weglassen des Alkohols?
5) Gab es in der Vergangenheit ein Delirium tremens?
6) Wird aktuell ein Blutalkohol > 0,1 % (1 ‰) gemessen?
7) Wurden in den letzten 90 Tagen Sedativa, Hypnotika oder andere GABA-wirksame Medikamente regelmäßig eingenommen?
8) Wird der Entzug stationär erwartet oder ausgelöst (z. B. geplante OP, Notaufnahme, Inhaftierung)?
9) Liegen Symptome vor wie Zittern (Tremor), Schwitzen, schneller Herzschlag (Tachykardie), Bluthochdruck (Hypertonie)?
10) Bestehen weitere Erkrankungen wie z. B. Lebererkrankungen, Elektrolytstörungen, Infekte oder Traumata, die Entzugssymptome verstärken könnten?
Bitte beantworte alle 10 Fragen, damit eine Auswertung möglich ist.

Die Einordnung erfolgt nach dem PAWSS-System, das an der MAYO-Klinik in den USA entwickelt wurde.

Mehr dazu findest Du in unserem Lexikon .

Beiträge in unserem Blog


Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


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