Egal in welcher Phase meines Lebens: nach zwei, drei Bier konnte ich mich mit mir selbst anfreunden. Dann war ich der Klassenclown, der Entertainer, der sympathische Besserwisser, der Moderator, der Schauspieler, der Mittelpunkt. Es war über viele Jahre so, dass die Menschen meine Anwesenheit nicht als unangenehm empfanden. Ich war ein „gern gesehener Gast“. Doch in fast jedem dieser Augenblicke war ich nicht ich selbst. Klar, zum Ende ist es ein paar Mal unangenehm geworden, eskaliert. Aber so gut wie nie in einem Maße, dass es die „Etikette“ verletzt hätte; ich achtete schon früh darauf, nicht der „Tagesvollste“ zu sein.
Innerlich freute es mich während dieser alkoholisierten Stunden, dass ich so „eloquent, spritzig, witzig“ sein konnte. Aber dann zuhause merkte ich, dass das nur Hüllen, Kulissen, Masken waren. Dann kippte die Stimmung extrem um. Ich war auf Dauer unglücklich mit mir selbst. Nun schreibt sich das hier in wenigen Zeilen weit weniger dramatisch, als sich das in Echtzeit abspielte. …

Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek
Warum fühlen sich viele Menschen nach ein paar Bier selbstbewusster – und erleben nach dem Alkoholentzug oder am nächsten Morgen einen starken Selbstwert-Einbruch?
Alkohol wirkt kurzfristig enthemmend, weil er die Aktivität hemmender Kontrollzentren im Frontalhirn reduziert und die Belohnungszentren im Gehirn aktiviert, in denen der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet wird. Das subjektive Gefühl von Eloquenz und sozialer Stärke entsteht daher nicht durch echte Persönlichkeitsveränderung, sondern durch pharmakologische Dämpfung von Selbstzweifeln.
Langfristig verschiebt sich jedoch die innere Balance. Das Gehirn reagiert mit Gegenregulation, was zu Stimmungseinbrüchen, innerer Leere und verstärkter Selbstkritik führen kann. Diese Diskrepanz zwischen alkoholisiertem Selbstbild und nüchternem Erleben erzeugt oft genau das beschriebene Unglücklichsein.
Im Rahmen von Alkoholentzug oder stabiler Abstinenz normalisiert sich diese neurobiologische Dynamik schrittweise. Entscheidend ist, dass echtes Selbstvertrauen nicht durch Dämpfung, sondern durch Integration entsteht.
