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Künstlerische Collage zu einer kritischen Biografie über Jellinek

Jellinek: Schuhhistoriker, Krimineller, Bananenforscher und Gründervater der Suchtmedizin

Im ersten Teil unserer Jellinek-Serie haben wir uns angeschaut, auf welcher Datengrundlage das Modell steht, das die Suchttherapie für ein halbes Jahrhundert prägte: 98 handverlesene Fragebögen, keine Frauen, keine Kontrollgruppe. Im zweiten Teil ging es darum, wie Jellinek die weibliche Hälfte der Menschheit aus seiner Forschung strich – und welchen Preis die Suchtmedizin dafür bis heute zahlt. Heute betrachten wir die Person Jellinek einmal genauer.

Dr. med. Bernd Guzek
Dr. med. Bernd Guzek Arzt & Wissenschaftsjournalist

Jetzt wird es persönlich. Denn die Biografie des Mannes, der das einflussreichste Modell der Suchtmedizin schuf, ist mindestens so abenteuerlich wie seine wissenschaftliche Methodik. Wohlwollend ausgedrückt.

Im Folgenden stützen wir uns auf die akribische Archivarbeit von Judit Hajnal Ward am Rutgers Center of Alcohol Studies, die Jellineks ungarische Jahre erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet hat.

Schuhe, Sprachen und ein Vortrag vor Freud

Elvin Morton Jellinek – Spitzname „Bunky” – wurde 1890 in New York geboren. Seine Mutter Rose Jacobson war unter dem Künstlernamen Marcella Lindh eine gefeierte Sopranistin. Kurz nach Mortons Geburt zog die Familie nach Budapest, wo der Vater das Familienunternehmen übernahm. Dort wuchs Jellinek im intellektuellen Treibhaus der Donaumonarchie auf – seine Zeitgenossen in Budapest hießen Béla Bartók, Georg Lukács, Sándor Ferenczi und Leo Szilárd.

Jellinek studierte ab 1908 an den Universitäten Berlin, Grenoble und Leipzig – Linguistik, Ethnologie, Religionswissenschaft, Philosophie. Er soll in neun Sprachen fließend gewesen sein und sich in vier weiteren verständigt haben. 1912 veröffentlichte er erste Buchrezensionen in einer ethnologischen Fachzeitschrift. Sein erstes Buch erschien 1917, auf Ungarisch: „A saru eredete” – eine Abhandlung über die Herkunft von Schuhen, eigentlich eine ethnologische Studie über die symbolische Rolle des Schuhs in Kulten, Volkssitten und Religionen weltweit.

1918 trat Jellinek als Redner auf dem 5. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Budapest auf – jenem Kongress, auf dem Sigmund Freud die Keynote hielt und das Auditorium laut Zeitbericht so überfüllt war, dass „nicht einmal drei weitere Personen hineingepasst hätten”. Jellineks Thema: die psychologische Deutung von Blutpakten und rituellen Vertragszeremonien.

Bis hierhin: ein Renaissancemensch mit beeindruckender Bandbreite. Mitglied der Ungarischen Volkskundlichen Gesellschaft, Vorstandsmitglied der väterlichen Hunnia Press, ausgezeichnet mit dem Goldenen Verdienstkreuz für seinen Dienst als Ambulanzfahrer im Ersten Weltkrieg. Was danach kam, liest sich allerdings weniger wie eine Wissenschaftskarriere und mehr wie ein Abenteuerroman. Wiederum äußerst wohlwollend formuliert.

Jellinek: “Einer der vier größten Hochstapler Ungarns”

1920 war Jellinek Ministerialsekretär im Büro des ungarischen Ministerpräsidenten – eine Regierungsposition mit Einfluss und Verbindungen. Er nutzte beides für ein kompliziertes Ponzi-Schema mit illegalen Währungsgeschäften. Die Nachkriegswirren nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie machten es möglich: Die Nachfolgestaaten stempelten die alten Kronen-Banknoten mit nationalen Markierungen um, die Inflation galoppierte, und wer Devisen auftreiben konnte, machte das Geschäft seines Lebens.

Jellinek bot Dollars zu 140 Kronen an, die am Markt 230 kosteten. Er lieferte schriftliche Garantien eines Bankdirektors, ließ Schmuck außer Landes schmuggeln und die Erlöse über Diplomatenkuriere – deren Gepäck nie kontrolliert wurde – nach Budapest zurückbringen. Seine Kunden: Banken, Barone, Millionäre, Regierungsbeamte, Künstler. Sie alle wussten, dass es illegal war. Sie wollten trotzdem das schnelle Geld.

Anfang Juni 1920 sammelte Jellinek einen großen Betrag für weitere Transaktionen ein – und verschwand. Am 18. Juni explodierten die Budapester Zeitungen. Die Schlagzeilen der nächsten Tage: „Das mysteriöse Verschwinden von Morton Jellinek, Ministerialsekretär.” „Wohin gingen Morton Jellineks Diamanten?” „Polizei verhört Jellineks Agenten.” „Haftbefehl gegen Morton Jellinek.” „War Jellinek geisteskrank?

Künstlerische Darstellung von Jellineks Fluct über die Theiß
Vor dem Haftbefehl der ungarischen Behörden wegen seiner illegalen Währungsgeschäfte als Ministerialsekretär im Büro des ungarischen Ministerpräsidenten flüchtete Jellinek über die Theiß nach Serbien.

Seine Flucht war filmreif. Jellinek nahm einen Zug nach Szeged, nahe der jugoslawischen Grenze. Ohne gültige Papiere durfte er die Theiß-Brücke nicht überqueren. Er stieg trotzdem in ein kleines Boot – obwohl serbische Soldaten auf jedes Boot schossen, das den Fluss befuhr. Er trug nur einen Sportmantel. Seine Aktentasche mit Dokumenten, aber ohne Wertsachen, ließ er bei einem Komplizen zurück. Es war das letzte Mal, dass ihn jemand in Ungarn sah.

Am 29. Juni 1920 erging ein Haftbefehl in vier Sprachen, verbreitet über die großen Zeitungen. Die Personenbeschreibung: mittelgroß, schlank, blaugraue Augen, dunkles schmales Gesicht, schwarze Haare, glattrasiert. Spricht Ungarisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch „schnell und nervös”. Gesucht wegen Betrugs, Unterschlagung und Schmuggels. Die Geschädigten allerdings weigerten sich, Anzeige zu erstatten – was Ward als stillschweigendes Eingeständnis der Mittäterschaft interpretiert.

Das kommunistische Propagandabuch „Szélhámosok, kalandorok” (Hochstapler, Abenteurer) von 1957 widmete Jellinek ein ganzes Kapitel – als einem der vier größten ungarischen Hochstapler. Ein zweites Buch trug das Kapitel „Morton Jellinek verschwindet mit dem Geld“. In ungarischen Biografien seines Freundes, des berühmten Anthropologen Géza Róheim, wird beiläufig erwähnt, dass Jellinek „später für seine Betrügereien bekannt wurde”. Die Gerichtsakten zum Fall (Dossier B.7069/1920) sind bis heute unvollständig – Ward stellte Manipulationen an den Registereinträgen fest.

Haftbefehl abgelaufen – kurz zurück nach Berlin, Villa kaufen

In einem Kaffeehaus schilderte Jellinek dann seine Flucht – Dreiviertelstunde auf der Theiß bei Gewitter, serbische Grenzposten, die über ihre Köpfe schossen, ein fluchender Schmuggler, der einen erheblichen Teil des Bargelds als Bezahlung verlangte. Danach die angebliche Route: Rumänien, Jugoslawien, über die dalmatische Küste nach Italien, weiter nach New York und Mittelamerika.

Zehn Jahre später, 1930, traf der ungarische Bekannte und Journalist Laszlo Frank den Verschwundenen zufällig auf einer Berliner Straße. Frank fragte, ob er sich mit seinem Aufenthalt nicht der Gefahr einer Verhaftung aussetze. Jellinek verneinte: Sein Anwalt habe ihm bestätigt, dass die zehnjährige Verjährungsfrist seit Erlass des Haftbefehls abgelaufen sei.

Er sei jetzt Kaffeebauer und setze seine ethnologischen Studien fort. In Berlin habe er seinen Eltern eine Villa in Grunewald gekauft. Dann bat er Frank, den gemeinsamen Bekannten auszurichten: „Es gibt keinen Morton Jellinek mehr. Er ist gestorben.”

Ein Jahr später stand Jellinek allerdings am Worcester State Hospital in Massachusetts von den Toten wieder auf. Der Zeitpunkt war kein Zufall.

Zehn Jahre im Nebel: Bananen unter falschem Namen

Was in den zehn Jahren nach der Flucht geschah, liegt bis heute im Halbdunkel. Jellineks Tochter Ruth Surry berichtete später, ihr Vater habe zunächst in Sierra Leone mit Einheimischen gehandelt – Medikamente gegen Felle und Muscheln – und als Koch in einem Restaurant gearbeitet, bevor er als Biometriker bei der Dampfschifffahrtslinie Elder Dempster anheuerte.

Faksimile des Buchs von Jellinek über Bananenforschung

All das unter dem Pseudonym „Nikita Hartmann”. Ab 1926 tauchte er – jetzt als „A. N. Hartman”, die amerikanisierte Variante – in Honduras auf, wo er für die United Fruit Company Bananenkrankheiten erforschte und zwischen 1928 und 1930 mindestens vier Forschungsberichte publizierte, darunter die Monografie „Banana Growth and Fruiting”. Als er das Buch in der Bostoner Zentrale von United Fruit fertigstellte, tat er das unter seinem echten Namen E. M. Jellinek – was dem Unternehmen einige Verlegenheit bereitete, weil man ihn dort nur als Hartman kannte.

Als Laszlo Frank ihn 1930 zufällig in Berlin traf, gab Jellinek an, er sei Kaffeebauer in Südamerika. Von Honduras, Bananen oder Biometrie – kein Wort. Die Biografen notierten: Jellinek habe offenbar eine bemerkenswerte Begabung besessen, seine Spuren zu verwischen.

Thelma Anderson, seine spätere zweite Frau, wusste offenbar mehr. In einem Brief an den Biografen Mark Keller aus dem Jahr 1963 bat sie, eine Lebensbeschreibung solle „nicht früher als mit dem Bananenbuch beginnen, vorzugsweise mit den Worcester-Jahren.” Und fügte hinzu: „Ich würde Ihnen die Gründe gern privat nennen, aber ich möchte sie nicht schriftlich festhalten. Glauben Sie mir, es sind gute Gründe.”

Jellineks Wiederauferstehung in Massachusetts

1931 materialisierte sich Jellinek dann in den Vereinigten Staaten. Er begann als leitender Biometriker am Worcester State Hospital in Massachusetts, wo er bis 1938 an Schizophrenie forschte – umgeben, wie Ward feststellte, von einer auffälligen Anzahl ungarischer Kollegen. 1939 erhielt er den Auftrag, die wissenschaftliche Literatur zu Alkohol aufzuarbeiten. Ab 1941 leitete er die Yale Summer School of Alcohol Studies. Der Schuhhistoriker, Ethnologe, Kongressredner vor Freud, Ministerialsekretär, Währungsspekulant, Muschelhändler und Bananenforscher war zum Alkoholismus-Experten geworden.

1946 erschien dann die Studie, die alles veränderte – basierend auf jenen 98 Fragebögen von AA-Mitgliedern, die wir bereits kennengelernt haben. 1960 folgte das Hauptwerk „The Disease Concept of Alcoholism“. Jellinek starb 1963 am Schreibtisch seines Arbeitszimmers in Stanford.

Jellineks akademische Titel: Fakt oder Fabrikation?

Jellineks akademische Qualifikationen sind ein Kapitel für sich. In seinem Lebenslauf verzeichnete er zwei Abschlüsse der Universität Leipzig: einen „M.Ed.” (Master of Education) von 1913 und einen „Sc.D.” (Doctor of Science) von 1936.

Die Universität Leipzig teilte dem Biografen Ron Roizen 1996 mit, was Jellinek dort tatsächlich studiert hatte: Einführung in die Linguistik, deutsche Syntax, Phonetik, Einführung in die Ethnologie, vergleichende Ethnologie, Religionswissenschaft. Eingeschrieben von 1911 bis 1914. Und – ausdrücklich vermerkt – kein Doktortitel verliehen.

Beim „Sc.D.” von 1936 wird es noch unplausibler: Jellinek war jüdischer Herkunft. Drei Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – und ein Jahr nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze – will er einen Ehrendoktor von einer deutschen Universität erhalten haben. Nicht wirklich realistisch, aber zu der Zeit kaum zu überprüfen.

Zumal die Universität den amerkanischen Titel “Sc.D” in der Form gar nicht vergab. An deutschen Universitäten wurden üblicherweise Grade wie Dr. med., Dr. phil, Dr. rer. nat. oder Dr. jur. verliehen. Ein Sc.D. ist dagegen eine vor allem angelsächsische Bezeichnung. Wenn jemand in einem amerikanischen Lebenslauf einen deutschen Doktorgrad als “Sc.D.” wiedergibt, wäre das zwar denkbar – ungewöhnlich bleibt es dennoch.

Roizens Einschätzung fiel jedenfalls unmissverständlich aus: Jellinek habe seine Ausbildung und seine Titel fabriziert.

Einen echten, nachweisbaren Ehrendoktor gibt es aber: 1956 verlieh die Universität Chile Jellinek die Ehrenmitgliedschaft der Medizinischen Fakultät. In der Urkunde ist sein Name falsch geschrieben – als „Emil” statt Elvin. Es ist der einzige akademische Titel, der nachweisbar existiert. Das Rutgers-Archiv kommentiert die Lage diplomatisch: „Jellineks Bildung war wichtiger als seine formalen Qualifikationen.”

Die pikanteste Fußnote lieferte der Anthropologe William Madsen. In den 1980er-Jahren griff er den Philosophen Herbert Fingarette öffentlich an, weil dieser Jellinek als „Biostatistiker” bezeichnet hatte. Das sei falsch, wetterte Madsen, und er werde Jellineks wahre akademische Qualifikation keinesfalls preisgeben – Fingarette solle gefälligst selbst recherchieren. Madsen verteidigte also mit großer Vehemenz einen akademischen Titel, der möglicherweise gar nicht existierte.

Jellineks viele Namen und Identitäten

Jellineks Biografie ist durchzogen von Namenswechseln und Alter Egos. Sein Vorname variiert in den Quellen als Elvin, Erwin und Alvin. Sein Mittelname taucht auf als Morton, Marton, Márton, Martin, Merton, Morty und Mortimer. In Honduras war er A. N. Hartman, abgeleitet vom Decknamen Nikita Hartmann. In Worcester nannte er seine satirische Persona „Petronius” und sein Magengeschwür „Habakkuk”. Ward nennt das „selbstauferlegte multiple Persönlichkeiten” – ein Mann, der sein Leben lang an verschiedenen Identitäten bastelte.

Visitenkarten und Briefköpfe mit Jellineks verschiedenen Namen: Morton Jellinek, Nikita Hartmann, A. N. Hartman und E. M. Jellinek
Jellinek – der Mann mit den vielen Namen

Und dann war da natürlich „Bunky” – der Spitzname, auf dem er bestand. Laut mündlicher Überlieferung soll das Wort „kleines Rettichen” auf Ungarisch bedeuten. Ward, selbst gebürtige Ungarin, stellte trocken fest: Das ungarische Wort für Rettich ist „retek”. Eine Wurzel „bunk-” mit dieser Bedeutung existiert nicht. Jellinek wusste das als Muttersprachler – und bestand trotzdem auf dem Spitznamen.

Was im Ungarischen tatsächlich ähnlich klingt, ist „bunkó” – ein Knüppel, und im Slang: ein ungehobelter Mensch. Wards alternative Etymologie: das Kartenspiel bunco, eine Baccarat-Variante. Laut Budapester Zeitungen war Baccarat Jellineks große Leidenschaft – er setzte in einer Nacht schon mal 30.000 bis 40.000 Kronen.

So oder so: Der Gründervater der Suchtmedizin trug einen Spitznamen, der entweder „Rüpel” oder „Falschspieler” bedeutet. Und bestand darauf.

Wer bezahlte die Forschung?

Jellineks Studie von 1946 wurde von zwei Personen finanziert: Marty Mann, der ersten Frau mit langfristiger Abstinenz in den Anonymen Alkoholikern, und R. Brinkley Smithers, einem Erben des IBM-Mitgründers. Mann hatte 1944 das National Committee for Education on Alcoholism gegründet – mit dem erklärten Ziel, Alkoholismus als Krankheit gesellschaftlich zu verankern. Smithers, der 1954 selbst trocken wurde, investierte im Laufe seines Lebens über 40 Millionen Dollar in Alkoholismus-Programme und finanzierte 1957 auch Jellineks Hauptwerk „The Disease Concept of Alcoholism”.

Beide hatten ein klares Interesse am Ergebnis: eine wissenschaftliche Bestätigung dafür, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die professioneller Behandlung bedarf. Und genau das lieferte Jellinek – auf der Grundlage von 98 handverlesenen Fragebögen, ohne Kontrollgruppe, ohne Frauen, mit nicht verifizierbaren akademischen Titeln.

Das macht seine Ergebnisse nicht automatisch falsch. Aber es erklärt, warum jahrzehntelang lieber niemand allzu genau auf die Methodik schaute.

Was von Jellineks Modell bleibt

Jellinek hat Alkoholismus aus der moralischen Ecke geholt und zur Krankheit erklärt. Das war ein sehr wichtiges Verdienst, das ihm niemand nehmen kann und niemand nehmen will. Die Anonymen Alkoholiker haben auf der Grundlage seines Modells Millionen Menschen geholfen, trocken zu werden und trocken zu bleiben. Wer dort Halt findet, soll ihn behalten und auch weiterhin bekommen.

Aber ein Modell verdient es, an seinen Grundlagen gemessen zu werden. Die Grundlagen des Jellinek-Modells sind die eines Mannes, der Daten verwarf, die nicht passten, Frauen ausschloss, weil sie sein Schema störten, akademische Titel führte, die nicht nachweisbar sind, und seinen Spitznamen so konsequent kultivierte wie seine wechselnden Identitäten. Eines Mannes, dessen eigenes Leben – mit seinen Brüchen, Neuerfindungen und Richtungswechseln – das genaue Gegenteil von dem war, was sein Modell behauptet: vorhersagbar, linear, in ordentlichen Stadien verlaufend.

Die NESARC-Studie hat gezeigt, dass Alkoholabhängigkeit kein Einbahnstraßenmodell ist, sondern ein Spektrum. Mark Willenbring hat gezeigt, dass die meisten Betroffenen vom heutigen Behandlungssystem nie erreicht werden. Und Jellineks Biografie zeigt, dass der Mann, der das alles ins Rollen brachte, ein brillanter, charismatischer, sprachbegabter Abenteurer war – aber kein verlässlicher, seriöser Wissenschaftler.

Seine zweite Frau nannte ihn liebevoll einen „Screwball”, Spinner oder Wirrkopf. Die ungarische Justiz nannte ihn einen Betrüger. Die Suchtmedizin nannte ihn ihren Gründervater. Alle drei hatten auf ihre Weise recht.

Häufig gestellte Fragen zu E. M. Jellineks Biografie (FAQ)

Wer war E. M. Jellinek wirklich?

Elvin Morton Jellinek (1890–1963) gilt als Begründer des Krankheitsmodells des Alkoholismus und leitete ab 1941 die Yale Summer School of Alcohol Studies. Bevor er zum Suchtforscher wurde, hatte er jedoch bereits ein bewegtes Leben als Ethnologe, Ministerialsekretär und – unter falschem Namen – als Bananenforscher hinter sich. Seine akademischen Titel sind bis heute nicht vollständig verifizierbar.

Stimmt es, dass Jellinek ein gesuchter Betrüger war?

Ja. 1920 war Jellinek als Ministerialsekretär im Büro des ungarischen Ministerpräsidenten in ein illegales Devisen-Ponzi-Schema verwickelt. Als das Geschäft aufflog, floh er über die Theiß nach Serbien. Ein internationaler Haftbefehl folgte, und in mehreren ungarischen Büchern wird er als einer der vier größten Hochstapler des Landes geführt.

Was geschah in den zehn Jahren zwischen Jellineks Flucht und seinem Auftauchen in den USA?

Zwischen 1920 und 1931 liegt Jellineks Biografie weitgehend im Dunkeln. Belegt ist, dass er unter dem Pseudonym „A. N. Hartman” in Honduras für die United Fruit Company Bananenkrankheiten erforschte und mehrere Fachpublikationen veröffentlichte – bevor er 1931 unter seinem echten Namen am Worcester State Hospital in Massachusetts wieder auftauchte.

Sind Jellineks akademische Titel echt?

Nicht nachweisbar. Jellinek führte einen M.Ed. (1913) und einen Sc.D. (1936) der Universität Leipzig, die laut Universitätsangaben so nie verliehen wurden. Besonders der angebliche Ehrendoktor von 1936 gilt als unplausibel, da Jellinek jüdischer Herkunft war und die Nürnberger Rassegesetze zu diesem Zeitpunkt bereits in Kraft waren. Der Biograf Ron Roizen kommt zu dem Schluss, Jellinek habe seine Qualifikationen fabriziert.

Woher kommt Jellineks Spitzname 'Bunky'?

Die populäre Erklärung, „Bunky” bedeute „kleines Rettichen” auf Ungarisch, ist falsch – das ungarische Wort für Rettich ist „retek”. Die Archivarin Judit Ward vermutet stattdessen einen Bezug zu „bunkó” (ungehobelter Mensch) oder zum Kartenspiel „bunco”, einer Baccarat-Variante, die Jellinek leidenschaftlich spielte.

Wer finanzierte Jellineks bahnbrechende Alkoholismus-Studie?

Die Studie von 1946 wurde von Marty Mann, der ersten Frau mit langfristiger AA-Abstinenz, und R. Brinkley Smithers, einem Erben des IBM-Mitgründers, finanziert. Beide hatten ein klares Interesse daran, Alkoholismus wissenschaftlich als Krankheit zu legitimieren – genau das Ergebnis, das Jellineks Forschung lieferte.

Warum ist Jellineks bewegte Biografie für die heutige Suchtmedizin relevant?

Weil sein Krankheitsmodell bis heute viele Behandlungsprogramme prägt, obwohl sein Urheber kein klassischer, verlässlicher Wissenschaftler war, sondern ein Abenteurer mit fabrizierten Titeln und mehreren Identitäten. Das entwertet seinen Beitrag nicht automatisch, wirft aber ein Licht darauf, warum die methodischen Schwächen seiner Forschung lange kaum hinterfragt wurden.

Aktuelle Beiträge in unserem Blog

Literatur und Quellen

Ward, J. H. (2014): „E. M. Jellinek: The Hungarian Connection.” In: Substance Abuse Library and Information Studies: Proceedings of the 36th Annual SALIS Conference, 42–54.

Ward, J. H., Roizen, R. & Saunders, B. (2016): „Re-Introducing Bunky at 125: E. M. Jellinek’s Life and Contributions to Alcohol Studies.” Journal of Studies on Alcohol and Drugs, 77(3), 375–383.

Ward, J. H. (2016): „A Tribute to Bunky at 125: A Comprehensive Bibliography of E. M. Jellinek’s Publications.” Journal of Studies on Alcohol and Drugs, 77(3), 371–374.

Rutgers Center of Alcohol Studies Archives: „Bunkyana – Artifacts, Images, and Documents Related to Jellinek.” Online bei Rutgers

Roizen, R. (1997): „Jellinek’s Phantom Doctorate.” Online bei roizen.com

Roizen, R. & Ward, J. H.: „On E. M. Jellinek’s Trail.” Points: The Blog of the Alcohol and Drugs History Society. Online bei Points

Frank, L. (1957): Szélhámosok, kalandorok [Hochstapler, Abenteurer]. Budapest: Bibliotheca.

Horváth et al. (1959): Régi jó világ: a Horthy-korszak nagy panamáiból [Die gute alte Zeit: Die größten Affären der Horthy-Ära]. Budapest: Kossuth Könyvkiadó.

Peele, S.: „R. Brinkley Smithers: The Financier of the Modern Alcoholism Movement.” Online bei peele.net

Falcone, T. (2003): zitiert in Ward et al. (2016), zur Finanzierung der Jellinek-Studie durch Marty Mann und R. Brinkley Smithers.

Jellinek, E. M. (1946): „Phases in the Drinking History of Alcoholics.” Quarterly Journal of Studies on Alcohol, 7, 1–88.

Jellinek, E. M. (1960): The Disease Concept of Alcoholism. Hillhouse Press, New Haven.

Redaktionelle Texte werden überprüft von Dr. med. Bernd Guzek. Die Inhalte auf dieser Website ersetzen keine ärztliche Beratung.

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