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Warum jeder vierte Alkoholiker ein unerkanntes ADHS hat

    Künstlerische Darstellung eines übererregten Gehirns zusammen mit Suchtmitteln

    Rund 25 Prozent aller Menschen mit Alkoholproblemen haben ein unerkanntes ADHS — und nutzen Alkohol unbewusst als Selbstmedikation gegen den chronischen Dopaminmangel in ihrem Gehirn. Warum die gängige Suchttherapie für ADHSler scheitert, wie die Neurobiologie dahinter aussieht und warum ein einfacher ADHS-Test der erste Schritt aus der Sackgasse sein kann.

    Gaby Guzek
    Gaby Guzek M.A. Medizinjournalistin · Bestsellerautorin · Sobriety-Coach

    Jeder Vierte. Nicht jeder Zehnte, nicht jeder Zwanzigste — jeder Vierte mit einem Alkoholproblem hat ein ADHS. Meistens ohne es zu wissen. Die Forschung kennt diese Zahl seit Jahren. In der Suchtpraxis ist sie bis heute nicht angekommen. Dort wird weiter therapiert, als gäbe es nur einen Typ Mensch, der trinkt. Und wer mit der Standardtherapie scheitert, hat eben „nicht genug gewollt.”

    Das ist nicht nur falsch. Es ist eine Katastrophe.

    Noch brisanter wird es, wenn man die Zahl umdreht: Drei von vier Erwachsenen mit unerkanntem ADHS entwickeln irgendwann eine Sucht. Alkohol, Cannabis, Kokain, Nikotin — irgendetwas fängt sie auf. Oder vielmehr: fängt ihr Gehirn auf. Denn genau das passiert. Das ADHS-Hirn medikamentiert sich selbst. Unbewusst, aber mit biochemischer Präzision.

    ADHS ist keine schlechte Angewohnheit

    Bevor wir in die Neurobiologie eintauchen, räumen wir kurz auf. ADHS ist keine Erziehungsfrage, keine Modediagnose und erst recht kein Mangel an Disziplin. Es ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Im Gehirn. Messbar, nachweisbar, in Hirnscans sichtbar. Wer einem ADHSler unterstellt, er solle sich „einfach mal zusammenreißen”, könnte genauso gut einem Kurzsichtigen empfehlen, einfach schärfer hinzuschauen.

    Dass die Diagnosen in den letzten Jahren steigen, liegt nicht daran, dass es plötzlich mehr ADHSler gibt. Sondern daran, dass wir endlich genauer hinschauen. Noch vor dreißig Jahren galten betroffene Mädchen als „verträumt” und betroffene Erwachsene als „chaotisch”. Das Leid dahinter sah niemand — die neurologische Ursache kannte man nicht. Heute weiß man: ADHS „verwächst” sich nicht. Die Hälfte aller betroffenen Kinder nimmt das ADHS mit ins Erwachsenenalter. Viele erfahren erst mit 30, 40 oder 50, was mit ihnen los ist.

    Das Dopamin-Problem: Warum der Griff zur Flasche Sinn ergibt

    Im Zentrum steht ein Nervenbotenstoff, den die meisten Leser dieser Seite bereits kennen: Dopamin. Es ist der Schmierstoff, der die Kommunikation zwischen Hirnregionen am Laufen hält. Ohne Dopamin keine Motivation, kein Lernen, kein Belohnungsgefühl. Beim ADHSler ist genau dieser Schmierstoff chronisch Mangelware.

    Im Detail passiert Folgendes — und zwar in den winzigen Zwischenräumen zwischen zwei Nervenzellen, den Synapsen. Damit Dopamin seine Arbeit tun kann, muss es im Nervenzwischenraum sein. Genau dort ist es beim ADHSler aber nicht lange genug.

    Forscher haben drei Ursachen identifiziert, die das auslösen: Erstens sind die Rücktransportsysteme, die das Dopamin nach getaner Arbeit zurück in die Nervenzelle schleusen, beim ADHSler überaktiv. Sie räumen zu schnell auf — das Dopamin kann gar nicht lange genug wirken. Zweitens sind die Gegenspieler, die das Dopamin wieder in den Zwischenraum zurückschieben sollen, unzuverlässig. Und drittens wird oft schlicht zu wenig Dopamin produziert.

    Ergebnis: Das Belohnungssystem läuft auf Sparflamme. Motivation? Kommt und geht nach Lust und Laune. Lernen? Funktioniert in guten Momenten brillant, am nächsten Tag ist alles weg. Handlungsplanung? Vergiss es. Die Verstandeszentrale im Stirnhirn gibt Anweisungen — und die zuständigen Nervenzellen lehnen sich gelangweilt auf dem Schaufelstiel und bewegen sich keinen Millimeter.

    Und jetzt kommt der Alkohol ins Spiel. Alkohol quetscht Dopamin aus den Nervenzellen. Massenhaft. Das ADHS-Hirn, das den ganzen Tag auf dem Trockenen saß, bekommt endlich das, was ihm fehlt. Die Konzentration wird plötzlich besser. Der innere Lärm verstummt. Die Gedanken ordnen sich. Für den ADHSler fühlt sich das erste Glas nicht nach Party an — es fühlt sich an wie Medizin.

    Nicht nur Dopamin: GABA, Glutamat und das Stresshormon-Chaos

    Dopamin ist zwar der Hauptdarsteller, aber beim ADHS spielt das ganze Orchester schief. Da ist Noradrenalin, der zweite Problemfall. Noradrenalin steuert Aufmerksamkeit, Fokus und die Fähigkeit, Reize zu filtern. Beim ADHSler fehlt es vor allem im präfrontalen Kortex — also genau dort, wo der Geschäftsführer des Gehirns sitzt. Schwierig für ein Schiff, wenn der Steuermann sich von jeder Möwe ablenken lässt.

    Dann ist da GABA, der Entspannungs-Botenstoff. Normalerweise sorgt GABA dafür, dass das Gehirn am Abend herunterfährt. Beim ADHSler kommt diese Bremse nicht richtig zum Zug. Man liegt im Bett, es ist Mitternacht, morgen ist ein wichtiger Termin — und das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Pläne, Grübeleien, plötzlich eingefallene To-dos von vor drei Wochen. Man ist müde, aber nicht still. Ausgelaugt, aber nicht entspannt. Alkohol verstärkt die Wirkung von GABA — weshalb er kurzfristig genau die Entspannung liefert, die das ADHS-Hirn aus eigener Kraft nicht hinbekommt.

    Und obendrauf schwimmen viele ADHSler auch noch im Glutamat — dem Aufreger-Botenstoff. Zu wenig Bremse, zu viel Gas. Kein Wunder, dass das Nervensystem am Ende eines Tages am Limit ist.

    Der Reizfilter: Wenn ein Kaffeelöffel genauso wichtig ist wie Dein Gegenüber

    Es gibt ein Szenario, das ich meinen Klienten immer schildere, wenn ich den Verdacht habe, es könnte ein ADHS hinter ihren Alkoholproblemen stecken: Du sitzt im Restaurant oder im Café und unterhältst Dich. Hinter Dir klappert jemand mit dem Kaffeelöffel, Geschirr klirrt, es läuft Hintergrundmusik. Und all das ist für Dich genauso laut und genauso wichtig wie das Gespräch. Wenn Du das kennst, solltest Du genauer hinschauen.

    Das ADHS-Hirn kann Reize nicht filtern. Alles prasselt mit der gleichen Priorität herein — optisch, akustisch, das komplette Programm. Ein neurotypisches Gehirn blendet den Hintergrund automatisch aus und lässt nur das Relevante durch. Beim ADHSler fehlt dieser Filter. Das Noradrenalin, das ihn steuern würde, ist nicht in ausreichender Menge da.

    Das Ergebnis: Abends ist das Gehirn platt. Völlig fertig, ohne dass irgendetwas Besonderes passiert wäre. Einfach ein normaler Tag mit normalen Reizen — die aber alle ungefiltert auf die Nervenzellen eingehämmert haben. Und jetzt kommt der zweite Grund, warum ADHSler zur Flasche oder zur Tüte greifen: die Entspannung. Das Runterkommen. Das Abschalten dieses ständigen Summens und Brummens im Kopf, endlich.


    Ad für des Buch "Suchtrisiko ADHS" von Gaby Guzek und Lisa Guzek

    Warum die gängige Suchttherapie bei ADHS scheitert

    Hier wird es richtig bitter. Die klassische Suchttherapie baut auf Introspektion, Selbstbeobachtung und langfristiger Planung auf. Betroffene sollen innere Vorgänge beobachten und benennen, Impulse protokollieren, das langfristige Ziel der Abstinenz dauerhaft im Fokus halten, Trinktagebücher führen und regelmäßig Bilanz ziehen.

    Jetzt halte diese Liste gegen die Diagnosekriterien eines ADHS: nicht lange konzentrieren können, Aufgaben nicht anfangen und nicht zu Ende bringen, Termine nicht einhalten, Impulse nicht unterdrücken, Emotionen nicht dosieren, Routinen nicht halten. Baron von Münchhausen hat sich bekanntlich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen. Beim ADHS funktioniert das nicht.

    Die Gruppentherapie? Lebt vom Zuhören. Für ADHSler ist das kein therapeutischer Raum — es ist Hochleistungssport. Nach zwanzig Minuten reißt der Faden, der Körper rebelliert, die erzwungene Reglosigkeit baut genau die Spannung auf, die hinterher nach Entladung schreit. Eine Klientin von mir beschrieb es so: Nach dreißig Minuten in der Selbsthilfegruppe konnte sie nicht mehr. Nicht wegen der Geschichten — wegen der erzwungenen Stille. Als das Treffen vorbei war, ging sie zur Tür, die Straße hinunter und direkt in die nächste Bar. „Ich musste Spannung wegbekommen”, sagte sie später. Die Spannung, die die Therapiesitzung erst aufgebaut hatte.

    Achtsamkeitsübungen? Basieren darauf, Aufmerksamkeit willentlich zu halten, abschweifende Gedanken zu bemerken und den Fokus zurückzuholen. Also exakt das, was das ADHS-Hirn strukturell nicht kann. Viele Übungen beginnen mit Stillwerden — und genau dann springt beim ADHSler der Motor erst richtig an. Statt Entspannung folgt das Gegenteil: lautere Gedanken, unruhigerer Körper, steigende Anspannung. Und Anspannung verlangt nach Regulierung. Irgendwie, durch irgendwas. Das Craving klopft laut an die Tür.

    Wenn Du also in einer Suchttherapie das Gefühl hast, „wieder einmal” zu versagen — dann liegt der Fehler möglicherweise nicht bei Dir, sondern an einer Therapie, die für ein anderes Gehirn gebaut wurde.

    Was stattdessen hilft — und warum sich ein Test lohnt

    ADHSler brauchen eine Suchttherapie, die auf äußere Strukturen setzt statt auf Innenschau. Die kurze, intensive Einheiten bietet statt langer Sitzungen. Die Bewegung integriert statt Stillsitzen zu fordern. Und vor allem: Die das ADHS selbst behandelt. Denn eine der eindrücklichsten Erkenntnisse der Forschung ist, dass ADHS-Medikamente in der Suchtbehandlung ein echter Gamechanger sind. Nicht weil sie die Sucht selbst behandeln — sondern weil sie die Voraussetzung schaffen, dass eine Suchttherapie überhaupt greifen kann. In einer Studie mit über 10.000 Suchtpatienten blieb die Gruppe mit ADHS-Medikation viermal länger in der Behandlung.

    Therapieabbruch in den ersten 90 Tagen? Fünf Prozent mit Medikation, fünfunddreißig Prozent ohne.

    Das heißt nicht, dass Medikamente allein reichen. Aber ohne sie ist der Weg für einen ADHSler um ein Vielfaches steiler. Das zeigen zig Studien, und zwar so klar, dass die wissenschaftlichen Fachgesellschaften den Einsatz bei gleichzeitiger Suchterkrankung ausdrücklich fordern. In der Praxis bekommt trotzdem jeder zweite ADHSler mit Suchtproblem keine Medikamente. Weil der Arzt „Stimulanzien bei Suchtkranken” als zu riskant einschätzt — obwohl die Leitlinien das genaue Gegenteil sagen.

    Mein neues Buch „ADHS und Sucht” (zusammen mit meiner Tochter Lisa Guzek, Heyne Verlag, ab 15. Juli) geht auf all das detailliert ein — inklusive konkreter Strategien, wie Du die gängige Therapie auf Dein ADHS-Hirn umschnitzen kannst, wenn Dir niemand eine angepasste anbietet.

    Aber der allererste Schritt ist ein anderer: sich testen lassen. Wir haben auf Alkohol adé einen ADHS-Selbsttest, der erste Hinweise geben kann. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose — aber er kann der Anstoß sein, endlich genauer hinzuschauen.

    Wenn Du vom Alkohol nicht wegkommst und nicht verstehst warum — vielleicht liegt die Antwort nicht im Willen. Sondern im Dopamin.

    Jeder vierte Alkoholiker hat ein nicht entdecktes ADHS – Alkohol ist seine unbewußte Therapie

    Transkript des Videos “ADHS und Sucht”

    Jeder Vierte, der zu viel Alkohol trinkt, hat eigentlich ein darunterliegendes ADHS. Meistens weiß er davon gar nichts. Er benutzt den Alkohol quasi, um die Symptome des ADHS zumindest eine Zeit lang zu mildern.
    Das ist eine Riesenzahl. Jeder Vierte, das ist nicht wenig. Und wenn man sich vorstellt, dass für ADHSler eine konventionelle Suchttherapie, so wie sie heute aufgestellt ist, gar nicht funktionieren kann – ich komme dann gleich dazu, warum –, dann ist das wirklich dramatisch.

    Von daher ist es wahrscheinlich für jeden, der vom Alkohol nicht wegkommt, eigentlich eine gute Idee, sich mal testen zu lassen. Wir haben auf alkohol-ade.com für Euch einen Test, der erste Hinweise darauf geben kann. Er ist noch nicht medizinisch in dem Sinne eine Diagnose, aber wie gesagt, er gibt gute Hinweise darauf, ob vielleicht auch Ihr oder Du betroffen sein könntest.

    Warum ist es wichtig? ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung im Gehirn. Sie geht einher mit einem ständig zu niedrigen Dopamin. Und auch bei den anderen Neurotransmittern, den Nervenbotenstoffen, hängt so einiges schief.

    Wir wissen, dass Alkohol insbesondere den Dopaminspiegel in höchste Höhen fliegen lässt. Und genau deshalb nutzen ADHSler, ohne es zu wissen – wie gesagt, häufig –, Alkohol genau dazu, um sich zu therapieren, zumindest zeitweise.

    In wenigen Wochen, genau gesagt am 15. Juli, kommt mein neues Buch „ADHS und Sucht” heraus bei Heyne. Ich habe es geschrieben zusammen mit meiner Tochter, worüber ich sehr stolz bin. Meine Tochter ist erst mit 26 spät diagnostiziert worden, eben mit ADHS.

    Nach ihren eigenen Aussagen wäre auch sie wahrscheinlich in die Sucht gerutscht, hätte sie nicht das schlechte Beispiel ihrer Mutter vor Augen gehabt. Von daher wusste sie immer, dass Alkohol oder andere Drogen keine Lösung sind, aber die Verführung war durchaus da.

    Ich kann Euch nur empfehlen: Wenn Ihr der Meinung seid, dass das eventuell auf Euch zutreffen könnte – ADHS, das bedeutet eben genau nicht nur, dass irgendwelche sechsjährige Jungs bananenschalenwerfernd in der Klasse rumnerven, sondern gerade und insbesondere bei Mädchen und später dann bei erwachsenen Frauen, oft erst spät diagnostiziert, äußert sich das in der Regel ganz anders.

    Das sind die Träumerischen, die so ruhig sind, die immer aus dem Fenster gucken, die so ständig geistig abwesend wirken. Es gibt ganz harte Kriterien für ein ADHS. Die Diagnose kann sehr sicher gestellt werden.
    Leider ist das Thema im Moment ein Stück weit Mode, und nicht jeder, der seine Steuererklärung zwei Monate lang verschiebt, ist ein Prokrastinierer und deshalb ein ADHSler. Ganz und gar nicht. Aber es gibt halt einige echte – ich sag mal – Killerkriterien dazu. Eines davon, das frage ich immer meine Klienten, wenn ich den Verdacht habe, da könnte so was hinterstecken, ist folgendes Szenario:

    Wenn Du im Restaurant oder im Café sitzt und Dich unterhältst und hinter Dir klappert ein Kaffeelöffel oder Geschirr oder es läuft Hintergrundmusik, dann ist das für Dich genauso laut und wichtig wie Dein Gegenüber und das Gespräch. Wenn das so ist, wenn Du das kennst, dann solltest Du mal genauer hingucken. Das ist nämlich das Typische: Ein ADHS-Hirn kann nicht filtern.

    Die sind abends völlig kaputt, weil alles auf sie einstürzt – optische Reize, akustische Reize, alles mit der gleichen Prio – und das Gehirn ist abends einfach platt. Und deshalb: zweiter Grund für einen ADHSler, dann zur Flasche oder zur Tüte zu greifen, ist die Entspannung. Das Runterkommen, das endlich Abschalten-Können dieses ständigen Summens und Brummens im Kopf.

    Es ist ein Riesenthema, und für meinen Teil habe ich eine ganz steile These, und die lautet: Wenn es wirklich so ist – und viele Studien sprechen dafür –, dass jeder Vierte mit Alkoholproblemen eigentlich ein ADHS hat und deshalb die Therapien auch für ihn nicht passen, dann erklären sich vielleicht auch die relativ schlechten Erfolgsquoten, die die gängige Suchttherapie hat.

    Warum passt die nicht auf ADHSler? ADHSler brauchen äußere Strukturen. Die gängige Therapie arbeitet aber sehr stark mit Introspektion, das heißt mit innerer Arbeit: Ich soll sehr viel reflektieren, ich soll ganz viel über mich nachdenken, ich soll ganz viel aufschreiben. Die ADHSler, die früher nicht mal ihre Hausaufgaben gebacken gekriegt haben … Oder das Sitzen in Selbsthilfegruppen, anderen zuhören, stundenlang zum Teil – das treibt die in den Wahnsinn. Die sitzen da und sind schon gedanklich irgendwo: ein Flamingo, Steuererklärung, was auch immer.
    Das ist jetzt ein bisschen übertrieben, aber im Kern ist es so. ADHSler brauchen eine komplett andere Therapie. Auch das – wie das funktionieren kann und wie man sich das notfalls auch selber stricken kann, eben die gängige Therapie sozusagen umschnitzen kann – erklären wir im Buch.

    Ich hoffe, ich konnte vielleicht bei dem einen oder anderen mal einen Anstupser geben, denn das Thema ist riesig und echt weit verbreitet. Insofern wünsche ich Euch alles Liebe, alles Gute. Denkt an den ADHS-Test auf alkohol-ade.com, und wir sehen uns bestimmt bald wieder.

    Macht’s gut!

    Häufig gestellte Fragen zu ADHS und Alkoholsucht (FAQ)

    Was hat ADHS mit Alkoholproblemen zu tun?

    ADHS geht mit einem chronischen Dopaminmangel im Gehirn einher. Alkohol schüttet kurzfristig große Mengen Dopamin aus und gleicht diesen Mangel vorübergehend aus. Viele ADHSler nutzen Alkohol deshalb unbewusst als Selbstmedikation — oft lange bevor sie wissen, dass sie ein ADHS haben.

    Wie viele Menschen mit Alkoholproblemen haben ein unerkanntes ADHS?

    Etwa jeder Vierte mit einer Alkoholkonsumstörung hat ein ADHS im Hintergrund. Bei gleichzeitigem Konsum von zwei oder mehr Substanzen steigt der Anteil auf jeden Zweiten. Trotzdem werden Suchtpatienten in der Praxis so gut wie nie standardmäßig auf ADHS getestet.

    Warum greifen ADHSler häufiger zum Alkohol?

    Zwei Hauptgründe: Erstens liefert Alkohol das fehlende Dopamin — das Belohnungssystem funktioniert plötzlich, Konzentration und Lernen werden kurzzeitig besser. Zweitens verstärkt Alkohol den Entspannungs-Botenstoff GABA — und bremst so die Reizüberflutung, unter der ADHSler den ganzen Tag leiden.

    Woran erkenne ich, ob ich ein ADHS haben könnte?

    Ein typisches Alltagszeichen: Wenn Du im Restaurant sitzt und Hintergrundgeräusche — Geschirr, Musik, Gespräche am Nebentisch — für Dich genauso laut und wichtig sind wie Dein Gegenüber, kann das auf ein ADHS hindeuten. Auf alkohol-ade.com gibt es einen ADHS-Selbsttest, der erste Hinweise gibt. Eine ärztliche Diagnose kann er nicht ersetzen, aber er kann der Anstoß sein, genauer hinzuschauen.

    Warum funktioniert die gängige Suchttherapie bei ADHS oft nicht?

    Die klassische Suchttherapie setzt auf Introspektion, Selbstbeobachtung, Trinktagebücher und langfristige Planung — alles Fähigkeiten, die bei ADHS strukturell beeinträchtigt sind. Gruppentherapie erfordert langes Stillsitzen und Zuhören, Achtsamkeitsübungen setzen genau den Fokus voraus, der fehlt. Für ADHSler kann die Therapie dadurch mehr Spannung aufbauen als abbauen — und genau diese Spannung treibt zurück zum Alkohol.

    Können ADHS-Medikamente beim Alkohol-Ausstieg helfen?

    Ja. Studien zeigen, dass Suchtpatienten mit ADHS-Medikation viermal länger in der Behandlung bleiben als ohne. Die Medikamente behandeln nicht die Sucht selbst, aber sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Therapie überhaupt greifen kann: mehr Impulskontrolle, bessere Aufmerksamkeit, weniger Bedürfnis nach Selbstmedikation.

    Redaktionelle Texte werden überprüft von Dr. med. Bernd Guzek. Die Inhalte auf dieser Website ersetzen keine ärztliche Beratung.

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