Zum Inhalt springen

Alkohol nimmt die Angst – das ist die eigentliche Gefahr

Frau in ihren 40ern sitzt nachts allein an einem Tisch, wirkt angespannt und hält eine Hand an die Brust. Vor ihr steht ein Glas Rotwein, das sie nicht berührt. Hinter ihr breitet sich eine dunkle, nebelartige Schattenfläche aus und verstärkt die bedrückende, angstvolle Stimmung.

Alkohol lindert Angst – schnell, zuverlässig, und mit einem Mechanismus, den das Gehirn sich merkt. Wer gelegentlich zum Glas greift, wenn die Unruhe kommt, ist deshalb noch nicht gleich süchtig. Aber der Übergang ist leiser, als die meisten ahnen – und beginnt früher, als es sich anfühlt.

Von Dr. med. Bernd Guzek

Ein Glas Wein nach einem stressigen Tag. Ein Bier, bevor das Gespräch schwierig wird. Ein Schnaps, wenn die Unruhe nicht aufhört. Das funktioniert. Alkohol gegen die Angst – das ist keine Einbildung und keine Schwäche, das ist Chemie. Und genau deshalb ist es eine Falle.

Dieser Beitrag ist nicht für Menschen geschrieben, die schon tief in einer Alkoholabhängigkeit stecken. Er ist für die, die sich manchmal fragen, ob das Glas abends eigentlich noch Gewohnheit ist – oder schon Medizin.

Alkohol gegen Angst – dieses Versprechen hält der Alkohol. Für kurze Zeit.

Panikattacken und Angstzustände gehören zu den unangenehmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Herzrasen, Atemnot, das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren – und das oft ohne erkennbaren Auslöser. Wer das kennt, versteht den Reflex: etwas nehmen, das das abstellt.

Alkohol stoppt das tatsächlich – und das recht zuverlässig. Kein anderes legal verfügbares Mittel wirkt so schnell, so körperlich spürbar und so sozial unauffällig. Der Mechanismus dahinter ist gut verstanden.

Was im Gehirn passiert

Zwei Botenstoffe spielen die Hauptrollen: GABA (Gamma-Aminobuttersäure) wirkt wie eine Bremse auf Nervenzellen – wenn er aktiv ist, wird die Weiterleitung von Erregungssignalen verlangsamt. Das Ergebnis: Entspannung, weniger Angst, manchmal Schläfrigkeit. Glutamat ist sein Gegenspieler: ein erregender Botenstoff, der das Nervensystem aktiviert.

Alkohol greift in dieses Gleichgewicht ein, indem er die GABA-Wirkung verstärkt und gleichzeitig die Glutamat-Rezeptoren blockiert. Beide Effekte zusammen dämpfen das Nervensystem – Ängste, innere Unruhe und Panikgefühle nehmen ab. Das ist der Grund, warum sich ein Glas Wein in einem angespannten Moment so wirksam anfühlt. Es ist wirksam.

Wer unter Angststörungen leidet oder generell ängstlicher ist als andere, erlebt diesen Effekt oft stärker. Das Gehirn liefert eine klare Botschaft: Das hilft. Merk dir das.

Die Abrechnung kommt am nächsten Morgen

Was das Gehirn nicht verrät: Es passt sich an. Und diese Anpassung kostet.

Sobald der Alkohol abgebaut ist, versucht das Gehirn das Gleichgewicht wiederherzustellen – aber es schießt dabei über das Ziel hinaus. Die GABA-Aktivität sinkt unter den Ausgangswert. Glutamat flutet jetzt Rezeptoren, die es zuvor nicht erreichen konnte. Das Ergebnis ist kein neutraler Ausgangszustand, sondern ein Erregungsniveau, das über dem liegt, was vor dem ersten Glas war.

Angst nach Alkohol: der Rebound-Effekt erklärt

Das ist der Rebound-Effekt. Herzrasen, innere Unruhe, Schweißausbrüche, manchmal Panik – das sind nicht die Symptome eines schlechten Gewissens oder eines empfindlichen Charakters. Das ist das Gehirn in einem messbaren Ungleichgewicht.

Hangxiety: Wenn der Kater zur Panikattacke wird

Für dieses Phänomen hat sich der Begriff Hangxiety etabliert – ein Kunstwort aus „Hangover” und „Anxiety”. Laut einer Studie im Journal of Clinical Medicine leiden rund 12 Prozent der Trinkenden nach dem Konsum darunter. Symptome können sein: Herzrasen, Kurzatmigkeit, Zittern, überwältigende Angstgefühle – bis hin zu vollständigen Panikattacken. Studien zeigten, dass besonders introvertierte und schüchterne Menschen anfällig dafür sind: Bei ihnen linderte Alkohol die Angst während des Konsums kurzfristig, am Folgetag stieg sie jedoch signifikant an.


Die eigentliche Falle: Alkohol-Toleranz und die stille Verschiebung

Wer einmal trinkt, um Angst zu lindern, macht damit zunächst keine schlechte Erfahrung. Die Angst geht weg. Vielleicht folgt am nächsten Tag eine etwas unruhige Stunde – aber das ordnet man dem Kater zu, nicht dem Mechanismus dahinter.

Was sich im Hintergrund verschiebt, ist subtil und dauert Monate, manchmal Jahre.

Das Gehirn ist lernfähig. Bei regelmäßigem Alkoholkonsum beginnt es, die GABA-A-Rezeptoren zurückzubauen – es kompensiert die künstliche Verstärkung, indem es weniger Andockstellen für den beruhigenden Botenstoff bereithält. Gleichzeitig wird das Glutamatsystem aktiver. Das Ergebnis: Derselbe Angstpegel, für den früher kein Alkohol nötig war, tritt jetzt häufiger auf – und braucht zunehmend mehr Alkohol, um zu verschwinden.

Der Fachbegriff dafür ist Toleranzentwicklung. Das Erleben ist: „Früher hat mir ein Glas gereicht. Heute brauche ich zwei.”

Am Anfang

Gelegentlich ein Glas bei Stress oder Angst. Wirkt verlässlich. Kein Muster erkennbar, kein Kontrollverlust.

Nach Monaten

Das Grundniveau an Angst ist gestiegen. Dieselbe Dosis wirkt schwächer. Das Glas wird zur Routine – nicht mehr zur Ausnahme.

An diesem Punkt – nicht erst bei offensichtlicher Abhängigkeit – findet die entscheidende Weggabelung statt.

Wo genau der Übergang passiert

Es gibt keine Markierung, keinen Moment, in dem man bewusst die Grenze überschreitet. Das Muster entsteht schleichend – und genau das macht es schwer zu erkennen.

Ein paar Fragen, die dabei helfen können, den eigenen Punkt auf der Skala zu verorten:

  • Trinke ich in bestimmten Situationen weil ich Angst habe – nicht trotzdem?
  • Fällt es mir schwer, in Situationen, die mir Angst machen, auf Alkohol zu verzichten?
  • Merke ich, dass ich am nächsten Morgen nach einem Abend mit Alkohol unruhiger oder ängstlicher bin als sonst?
  • Hat sich mein Grundniveau an Angst in den letzten Jahren verändert – und in welche Richtung?
  • Gibt es Situationen, die ich nur noch mit Alkohol bewältige?

Keine dieser Fragen ist ein Urteil. Sie sind eine Orientierung.

Die Forschung ist eindeutig: Bei Menschen mit bestehenden Angststörungen ist die Wahrscheinlichkeit, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln, zwei- bis dreimal höher als bei der Allgemeinbevölkerung. Umgekehrt kann anhaltender Alkoholkonsum bei psychisch stabilen Menschen über die beschriebene Neuroadaptation Angstzustände erst erzeugen. Der Kreislauf kann in beiden Richtungen beginnen.

Besonders ausgeprägt ist dieses Risiko bei sozialer Phobie und generalisierter Angststörung – zwei Störungsbilder, bei denen Alkohol als Situationsbewältigung besonders naheliegt und besonders schnell zur Gewohnheit wird.

Was statt Alkohol gegen Angst und Panik funktioniert

Hier ist die schwierige Wahrheit: Es gibt kein Mittel, das Angst für ein paar Momente so schnell und so vollständig beseitigt wie Alkohol. Wer das anders behauptet, lügt oder verkauft etwas.


Buch Alkohol adé ansehen

Was es aber gibt sind Methoden, die das Nervensystem auf eine Weise regulieren, die keine Gegenreaktion auslöst. Atemtechniken, die den Vagusnerv aktivieren. Bewegung, die Cortisol abbaut. Schlaf, der das GABA-System regeneriert statt belastet. Expositionsbasierte Verfahren, die Angstreaktionen langfristig umprogrammieren. Im Forum von Alkohol adé berichten auch Mitglieder von guten Erfahrungen mit GABA als Nahrungsergänzungsmittel.

Das klingt mühsamer. Das ist es auch. Aber es führt nicht in die Abhängigkeit, der man nur mit viel mehr Mühen entkommen kann.

Wer merkt, dass Alkohol in der eigenen Angstbewältigung mehr Platz einnimmt als gut ist – und das möglichst früh merkt – hat die beste Ausgangslage für eine echte Veränderung. Nicht weil es dann einfacher ist, sondern weil der Abstand zur Abhängigkeit noch groß genug ist, um ohne Entzug, ohne Klinik, ohne das ganze Gewicht einer Suchtkarriere herauszukommen.

Das 30-Tage-Programm von Alkohol adé ist für genau diesen Punkt entwickelt worden: für den Moment, in dem man den Mechanismus erkannt hat – und bevor er einen fest im Griff hat.

Zum Coaching-Programm “Alkohol adé”

30 Tage strukturierte Abstinenz – mit täglicher Begleitung, neurobiologischen Hintergründen und konkreten Strategien nicht nur für die Momente, in denen Angst nach dem Glas greift. Mehr zum 30-Tage-Programm →

Häufig gestellte Fragen zu Angst, Panik und Alkohol


Warum hilft Alkohol bei Angst und Panikattacken?

Alkohol verstärkt die Wirkung des hemmenden Botenstoffs GABA und blockiert gleichzeitig den erregenden Botenstoff Glutamat. Das dämpft das Nervensystem und lässt Angstgefühle innerhalb von Minuten nachlassen. Dieser Effekt ist real – aber er hat eine Kehrseite: Das Gehirn passt sich an und verstärkt die Angst langfristig.


Was ist Hangxiety – Angst nach dem Trinken?

Hangxiety bezeichnet den Angstzustand, der nach Alkoholkonsum auftreten kann, wenn der Körper den Alkohol abbaut. Dabei sinkt die GABA-Aktivität unter das normale Niveau, während Glutamat das Nervensystem überaktiviert. Das Ergebnis: Herzrasen, innere Unruhe, manchmal Panikattacken – typische Symptome eines neurochemischen Rebound-Effekts.


Kann Alkohol eine Angststörung auslösen oder verschlimmern?

Ja. Regelmäßiger Alkoholkonsum verändert das Gleichgewicht zwischen GABA und Glutamat dauerhaft. Das Grundniveau an Angst steigt, weil das Gehirn weniger empfindlich auf den beruhigenden Botenstoff reagiert. Bei Menschen mit bestehenden Angststörungen ist das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, zwei- bis dreimal höher als in der Allgemeinbevölkerung.


Wie erkenne ich, ob ich Alkohol zur Angstbewältigung einsetze?

Ein wichtiges Zeichen ist, wenn Alkohol nicht mehr aus sozialen Gründen getrunken wird, sondern gezielt in Situationen, die Angst auslösen. Weitere Hinweise: Die Angst am nächsten Morgen ist stärker als üblich, bestimmte Situationen werden nur noch mit Alkohol bewältigt oder die benötigte Menge hat sich über Monate erhöht.


Was hilft gegen Angst, wenn man keinen Alkohol trinken möchte?

Atemtechniken, die den Vagusnerv aktivieren, können akute Angst innerhalb von Minuten reduzieren. Ausdauersport baut Cortisol ab und verbessert das GABA-System nachhaltig. Längerfristig sind expositionsbasierte Therapieverfahren (z. B. kognitive Verhaltenstherapie) die wirksamste Methode – sie verändern die Angstreaktionen dauerhaft, ohne Gegenreaktion im Gehirn auszulösen.


Weiterführend

  • Jähne, A.: Interview „Angst nach dem Alkohol: Warum zum Hangover auch Panikattacken gehören können”. Watson.de, 2022. — Psychiater und Facharzt für Alkoholismus erklärt die konkurrierenden wissenschaftlichen Hypothesen zum Hangxiety-Mechanismus. → Zum Interview
  • Morschitzky, H.: Substanzinduzierte Angststörung. panikattacken.at. — Ausführliche Darstellung der neurobiologischen Zusammenhänge zwischen Alkohol, GABA/Glutamat und Angststörungen nach DSM-IV. → Zum Artikel
  • Gunn, C. et al. (2023): Hangover and anxiety. Journal of Clinical Medicine, 12(8), 2766. — Studie zu Häufigkeit und Risikofaktoren von Hangxiety. → Zur Studie (englisch)

Weitere Beiträge in unserem Blog


Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Dr. med. Bernd Guzek

Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé

Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.


Schlagwörter:
Close Popup

Wir müssen Dir kurz auf den Keks gehen

Auch Alkohol adé braucht Cookies. Wir aktivieren aber nur technisch absolut notwendige Cookies, damit Dein Besuch dieser Seite möglichst nicht durch Dritte verfolgt werden kann.

Einige wenige brauchen wir aber - z.B. um diesen Hinweis anzuzeigen, damit Du Dich nicht für jede Seite erneut anmelden oder dieses Popup nicht bei jeder Seite neu sehen musst.

Sowie Du aber einen externen Link oder ein Video anklickst, können von den Betreibern dieser Seiten Cookies gesetzt werden, die wir nicht beeinflussen können. Mehr auf unserer Datenschutzseite.

Close Popup
Privacy Settings saved!
Wir aktivieren nur absolut notwendige Cookies

Auch Alkohol adé braucht Cookies Wir aktivieren nur technisch absolut notwendige Cookies, damit Ihr Besuch dieser Seite möglichst nicht durch Dritte verfolgt werden kann. Einige wenige brauchen wir aber - z.B. um diesen Hinweis anzuzeigen, damit Sie sich nicht für jede Seite erneut anmelden oder dieses Popup nicht bei jeder Seite neu sehen müssen. Sowie Sie aber einen externen Link oder ein Video anklicken, können von den Betreibern dieser Seiten Cookies gesetzt werden, die wir nicht beeinflussen können. Mehr auf unserer Datenschutzseite

Standard-Kategorie

Technisch notwendige Cookies
Folgende technisch notwendige Cookies können gesetzt werden – fast alle haben mit den Datenschutzbestimmungen zu tun: wordpress_gdpr_allowed_services: Speichert, welche zusätzlichen Cookie-Dienste akzeptiert wurden. wordpress_gdpr_cookies_allowed: Speichert, ob zusätzliche Cookies neben den notwendigen akzeptiert wurden. wordpress_gdpr_cookies_declined: Speichert, welche zusätzlichen Cookie-Dienste nicht akzeptiert wurden. wordpress_gdpr_first_time: Wenn der Nutzer keine Entscheidung trifft, sondern weiter auf der Website navigiert, werden alle Cookies aktiviert und das Cookie speichert , ob die aktuelle Seite mit der zuerst besuchten Seite übereinstimmt. wordpress_gdpr_first_time_url: Speichert die URL des ersten Besuches der Webseite.
  • PHPSESSID
  • cookielawinfo-checkbox-non-necessary
  • cookielawinfo-checkbox-necessary
  • viewed_cookie_policy
  • wordpress_test_cookie

Technisch nicht notwendige Cookies
_koko_analytics_pages_viewed Dieses Cookie wird gesetzt vom datenschutzkompatiblen Plugin (Teil der Software) Koko Analytics.  Koko Analytics ist ein datenschutzfreundliches Analyse-Plugin für WordPress. Es werden keine personenbezogenen Daten erhoben. In der von uns benutzten Standardeinstellung werden durch Koko Analytics folgende Daten erhoben: * Besucher (Visitors) * Seitenaufrufe (Pageviews) * Referrers (Herkunftsseiten) Koko nutzt keine externen Dienste, so dass Daten über Ihre Besucher niemals an Drittunternehmen weitergegeben werden. Darüber hinaus werden keine besucherspezifischen Daten erfasst, und die Besucher können die Nachverfolgung leicht unterbinden, indem sie in ihren Browsereinstellungen "Do Not Track" aktivieren.

Alle Cookies ablehnen
Save
Alle Cookies akzeptieren