Benzodiazepine gehören zum Standard im Alkoholentzug – und können Leben retten. Gleichzeitig bergen sie ein Risiko, über das viele Betroffene kaum informiert sind. Dieser Beitrag erklärt verständlich, warum diese Medikamente kurzfristig helfen, langfristig aber zur nächsten Abhängigkeit werden können, worin der Unterschied zum Alkohol liegt und welche Fragen Du stellen sollteat, bevor aus der Hilfe eine Falle wird.
Was im Alkoholentzug biologisch passiert
Viele Menschen erleben den Alkoholentzug als überraschend heftig. Zittern, innere Unruhe, Angst, Schlaflosigkeit, Herzklopfen oder Schweißausbrüche fühlen sich nicht nach einem Verzicht an, sondern nach einem körperlichen Ausnahmezustand. Genau das sind sie auch.
Wer über längere Zeit regelmäßig Alkohol trinkt, verändert unbemerkt die Arbeitsweise seines Gehirns. Alkohol wirkt dämpfend. Er verstärkt hemmende Signale und schwächt erregende. Das Nervensystem reagiert darauf nicht passiv, sondern passt sich an. Um trotz des Alkohols funktionsfähig zu bleiben, fährt das Gehirn seine eigene Bremse zurück und verstärkt gleichzeitig antreibende, erregende Mechanismen.
Solange Alkohol vorhanden ist, bleibt dieses fragile Gleichgewicht nach außen oft stabil. Fällt der Alkohol plötzlich weg, kippt das System. Die hemmenden Strukturen sind herunterreguliert, die erregenden laufen ungebremst weiter. Das Gehirn befindet sich dann in einem Zustand der Übererregung.
Diese Übererregung erklärt die typischen Entzugssymptome. Das Zittern entsteht, weil Nervenzellen zu leicht feuern. Die Angst kommt nicht aus Gedanken, sondern aus einem Nervensystem, das permanent Alarm meldet. Schlaf wird schwierig, weil die natürliche nächtliche Dämpfung fehlt. In schweren Fällen kann diese Enthemmung so ausgeprägt sein, dass Krampfanfälle oder ein Delir auftreten.
Besonders gefährlich wird dieser Zustand, weil er nicht immer vorhersehbar ist. Manche Menschen haben beim ersten Entzug nur milde Symptome, beim zweiten oder dritten jedoch deutlich schwerere. Das Gehirn merkt sich quasi frühere Entzüge. Mit jedem weiteren kann die Übererregung schneller und heftiger einsetzen (Kindling-Effekt). Dieses Phänomen erklärt, warum wiederholte Entzüge riskanter werden können als der erste.
Genau an dieser Stelle beginnt die medizinische Verantwortung. Ziel der Entzugsbehandlung ist es nicht, Leiden auszuhalten zu lassen, sondern das Nervensystem vor einer Eskalation zu schützen. Es geht darum, die verlorene Bremse vorübergehend zu ersetzen, bis das Gehirn wieder lernt, selbst für Stabilität zu sorgen.
Damit ist auch klar, warum der Alkoholentzug medizinisch ernst genommen werden muss. Nicht jeder Entzug endet dramatisch, aber jeder Entzug birgt ein Risiko. Und dieses Risiko entsteht nicht im Kopf, sondern im Gehirn.
Warum Benzodiazepine im Alkoholentzug helfen
Die geliehene Bremse
Wenn im Alkoholentzug von Benzodiazepinen die Rede ist, entsteht bei vielen Betroffenen ein ungutes Gefühl. Warum sollte ausgerechnet ein weiteres Medikament helfen, wenn man doch gerade versucht, eine Abhängigkeit zu beenden? Die Antwort liegt in der Biologie des Entzugs.
Wie im ersten Kapitel beschrieben, gerät das Gehirn im Alkoholentzug in einen Zustand der Übererregung. Die innere Bremse arbeitet zu schwach, während antreibende Signale ungebremst laufen. Genau hier setzen Benzodiazepine an. Sie verstärken vorübergehend diese fehlende Bremse und helfen dem Nervensystem, wieder in einen ruhigeren Zustand zu kommen.
Benzos dämpfen Zittern, innere Unruhe und Angst
Man kann sich das wie eine geliehene Stütze vorstellen. Das Gehirn ist im Entzug nicht in der Lage, sich selbst ausreichend zu beruhigen. Benzodiazepine übernehmen diese Aufgabe – für eine begrenzte Zeit, wenn es nach den Regeln der Kunst geht. Sie dämpfen Zittern, innere Unruhe, Angst und vegetative Symptome. Vor allem aber senken sie das Risiko von Krampfanfällen und schweren Entzugskomplikationen.
Dieser Schutz ist der eigentliche Grund, warum Benzodiazepine im Alkoholentzug eingesetzt werden. Es geht darum, gefährliche Eskalationen zu verhindern. In vielen Fällen kann der Entzug dadurch überhaupt erst sicher durchgeführt werden.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Steuerbarkeit. In der medizinischen Praxis werden Benzodiazepine häufig nicht pauschal gegeben, sondern abhängig von den aktuellen Entzugssymptomen. Je stärker die Übererregung, desto höher der Bedarf. Lassen die Symptome nach, wird auch die Dosis reduziert. Dieses Vorgehen soll verhindern, dass mehr Medikament gegeben wird als nötig.
Benzodiazepine sind für die akute Phase gedacht – nicht für Langzeit-Behandlung
Wichtig ist dabei der zeitliche Rahmen. Benzodiazepine sind für die akute Phase gedacht, in der das Gehirn besonders instabil ist. In dieser Phase ersetzen sie vorübergehend eine Funktion, die das Nervensystem noch nicht selbst erfüllen kann. Sobald sich die innere Balance langsam wieder aufbaut, verliert diese äußere Unterstützung ihren Nutzen.
Genau hier liegt aber der kritische Punkt, der oft zu wenig erklärt wird. Benzodiazepine helfen nicht, weil sie Alkohol ersetzen, sondern weil sie dem Gehirn Zeit verschaffen. Sie sind eine Übergangslösung, keine Dauerstrategie. Ihre Wirkung ist medizinisch sinnvoll, solange sie den Entzug sicherer machen. Sie wird problematisch, wenn sie darüber hinaus weitergegeben werden, um Schlaf, Anspannung oder Alltagsstress zu dämpfen.
Für Betroffene ist es wichtig, diesen Unterschied zu kennen. Ein Medikament kann im richtigen Moment schützen und im falschen Moment schaden. Beim Alkoholentzug entscheidet nicht nur das „Was“, sondern vor allem das „Wie lange“.
Die Vorteile – und warum man sie nicht kleinreden sollte
Sicherheit geht vor
In der Diskussion um Benzodiazepine im Alkoholentzug wird ein Punkt oft übersehen oder bewusst verkürzt dargestellt: Diese Medikamente retten in bestimmten Situationen Leben. Wer das ignoriert, versteht weder die medizinische Realität noch die Verantwortung, die mit einem Entzug verbunden ist.
Der gefährlichste Aspekt des Alkoholentzugs ist nicht das subjektive Leiden, sondern das Risiko schwerer körperlicher Komplikationen. Krampfanfälle können plötzlich auftreten, selbst bei Menschen, die vorher nie einen hatten. Ein Delir kann sich innerhalb kurzer Zeit entwickeln und geht mit Verwirrtheit, Halluzinationen und massiver körperlicher Belastung einher. Beide Zustände sind medizinische Notfälle.
Benzodiazepine senken genau dieses Risiko. Sie stabilisieren das übererregte Nervensystem und verhindern, dass die Entzugsreaktion außer Kontrolle gerät. Dieser Schutz ist kein theoretischer Vorteil, sondern der Grund, warum diese Medikamente seit Jahrzehnten Bestandteil sicherer Entzugsbehandlungen sind.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Möglichkeit, die Behandlung an den tatsächlichen Zustand anzupassen. In vielen Entzugskonzepten werden Benzodiazepine nicht starr nach Plan gegeben, sondern abhängig von den aktuellen Symptomen. Sind Zittern, Angst und Unruhe stark ausgeprägt, wird mehr Unterstützung benötigt. Lassen diese Zeichen nach, wird die Dosis reduziert oder ganz beendet. Ziel ist es, so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig zu geben.
Der Entzug muss keine Prüfung sein, die man aushalten muss
Für Betroffene kann das entlastend sein. Es bedeutet, dass der Körper ernst genommen wird und der Entzug nicht als Prüfung verstanden wird, die man aushalten muss. Entzug ist keine Charakterfrage, sondern ein körperlicher Prozess, der begleitet werden sollte.
Auch psychologisch kann diese Stabilisierung hilfreich sein. Ein Entzug, der von massiver Angst, Schlaflosigkeit und körperlicher Qual geprägt ist, erhöht das Rückfallrisiko. Wer sich permanent überfordert fühlt, greift schneller wieder zum Alkohol, um den Zustand zu beenden. Eine kontrollierte medikamentöse Unterstützung kann helfen, diese Eskalation zu verhindern.
All das bedeutet jedoch nicht, dass Benzodiazepine harmlos sind. Ihr Nutzen liegt klar in der akuten Phase des Entzugs. Sie erfüllen dort eine Schutzfunktion. Dieser Nutzen verliert sich, sobald die unmittelbare Gefahr abgeklungen ist. Ab diesem Punkt kippt das Verhältnis von Vorteil und Risiko – ein Thema, das im nächsten Kapitel entscheidend wird.
Ab wann wird die Pille selbst zum Problem?
Der schleichende Übergang
Der Einsatz von Benzodiazepinen im Alkoholentzug wird genau dann problematisch, wenn aus der zeitlich begrenzten Unterstützung eine fortlaufende Scheinlösung wird. Dieser Übergang ist selten ein klarer Schnitt. Er geschieht meist schleichend, gut gemeint und oft unbemerkt.
Zu Beginn steht fast immer eine sinnvolle Indikation. Das Nervensystem ist übererregt, der Entzug noch nicht stabil, Schlaf kaum möglich, Angst allgegenwärtig. In dieser Phase erfüllen Benzodiazepine ihre Aufgabe. Sie schützen vor Komplikationen und verschaffen dem Gehirn Zeit.
Kritisch wird es in dem Moment, in dem sich die Situation verändert, die Medikation aber nicht. Die akute Entzugsphase klingt ab, die größte körperliche Gefahr ist überstanden, doch Unruhe, Schlafstörungen oder innere Anspannung bleiben. Das ist nicht ungewöhnlich. Das Gehirn braucht Zeit, um wieder selbst ins Gleichgewicht zu finden.
Aus einer medizinischen Stütze darf kein Dauerpflaster werden
Genau hier beginnt das Risiko. Wird das Benzodiazepin jetzt weitergegeben, nicht mehr zum Schutz vor Entzugskomplikationen, sondern zur Linderung von Alltagsbeschwerden, verschiebt sich seine Rolle. Aus einer medizinischen Stütze wird ein Dauerpflaster.
Viele Betroffene erleben diesen Übergang nicht als problematisch. Im Gegenteil. Das Medikament hilft, es macht den Zustand erträglicher, es ermöglicht Schlaf. Gerade nach einer belastenden Entzugsphase fühlt sich diese Erleichterung wie ein Fortschritt an. Doch biologisch passiert etwas anderes: Das Gehirn gewöhnt sich weiter an die äußere Unterstützung und verlangsamt seine eigene Erholung.
Körperliche Abhängigkeit entwickelt sich sehr schnell
Der entscheidende Faktor ist nicht die Dosis, sondern die Zeit. Bereits nach wenigen Wochen kann sich eine körperliche Abhängigkeit entwickeln – das ist deutlich schneller, als eine Alkoholabhängigkeit entsteht. Das bedeutet nicht zwangsläufig Sucht im Sinne von Kontrollverlust, wohl aber eine Situation, in der das Nervensystem ohne das Medikament schlechter funktioniert als zuvor.
Wird das Benzodiazepin dann reduziert oder abgesetzt, kehren Symptome zurück, oft stärker als zuvor. Angst, Schlaflosigkeit und innere Unruhe werden als Beweis erlebt, dass das Medikament weiterhin nötig sei. In Wahrheit sind sie häufig Ausdruck einer Anpassung des Gehirns an die regelmäßige Einnahme. Ein Kreislauf entsteht, der sich selbst bestätigt.
Besonders problematisch ist dieser Verlauf bei Menschen mit einer Vorgeschichte von Suchterkrankungen. Das Gehirn kennt den Weg der chemischen Entlastung bereits. Auch wenn Benzodiazepine anders wirken als Alkohol, bedienen sie dasselbe Grundbedürfnis nach schneller Beruhigung. Die Gefahr, von einer Abhängigkeit in die nächste zu rutschen, ist groß.
Für Betroffene ist es deshalb wichtig, eine einfache, aber zentrale Frage zu stellen: Warum nehme ich dieses Medikament noch? Dient es weiterhin der Sicherheit im Entzug – oder ersetzt es inzwischen etwas, das eigentlich wieder vom eigenen Nervensystem geleistet werden müsste, damit das System zum natürlichen Zustand zurückkehren kann?
An diesem Punkt entscheidet sich, ob die Pille hilft oder zur Falle wird.
Benzodiazepine und Alkohol – wie ähnlich sind sie?
Gleiche Richtung, anderes Risiko
Auf den ersten Blick fühlen sich Alkohol und Benzodiazepine für viele Menschen erstaunlich ähnlich an. Beide beruhigen, nehmen Angst, dämpfen innere Unruhe und helfen beim Einschlafen. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall. Beide greifen in denselben grundlegenden Regelmechanismus des Gehirns ein: die Fähigkeit, Reize zu bremsen und Übererregung zu verhindern.
Trotzdem wäre es falsch, Benzodiazepine einfach als „kontrollierten Ersatz“ für Alkohol zu betrachten.
Alkohol wirkt im Gehirn breit. Er beeinflusst viele Prozesse gleichzeitig, oft unkoordiniert und mit Nebenwirkungen in nahezu allen Bereichen. Diese Breite erklärt, warum Alkohol so viele unterschiedliche Wirkungen hat – von Enthemmung über Gedächtnislücken bis hin zu körperlichen Ausfällen. Die Anpassung des Gehirns an Alkohol betrifft daher viele Systeme gleichzeitig.
Benzodiazepine wirken anders. Sie setzen gezielt an der zentralen Bremse des Nervensystems an. Diese Wirkung ist klar, vorhersehbar und zuverlässig. Genau deshalb fühlen sie sich für viele Menschen „sauberer“ an als Alkohol. Weniger Chaos, mehr Kontrolle.
Alkohol und Benzodiazepine beruhigen das Gehirn über denselben zentralen Mechanismus: Sie verstärken die hemmende Wirkung des Neurotransmitters GABA am sogenannten GABA-Rezeptor. Dieser Rezeptor ist ein Schlüsselschalter für innere Ruhe, Angstregulation, Schlaf und Schutz vor Übererregung.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie beide Substanzen diesen Rezeptor beeinflussen.
Alkohol wirkt unspezifisch. Er verändert die Aktivität vieler Nervenzellkanäle gleichzeitig und beeinflusst neben dem GABA-System auch erregende Systeme wie das Glutamatsystem. Seine Wirkung auf den GABA-Rezeptor ist real, aber vergleichsweise grob und eingebettet in ein breites Wirkungschaos. Das Gehirn passt sich daran auf vielen Ebenen gleichzeitig an.
Benzodiazepine wirken dagegen hochfokussiert. Sie binden an eine spezielle Andockstelle des GABA-Rezeptors und verstärken dort gezielt die hemmende Signalübertragung. Diese Wirkung ist präzise, reproduzierbar und dauerhaft gleichförmig. Für das Gehirn bedeutet das: Die natürliche Bremse wird nicht nur unterstützt, sondern zunehmend ersetzt.
Bei längerer Einnahme reagiert das Nervensystem mit Anpassung. Bestimmte GABA-Rezeptoren werden weniger empfindlich, ihre Zusammensetzung verändert sich, und die eigene hemmende Aktivität verliert an Wirkung. Das Gehirn rechnet zunehmend mit der Anwesenheit des Medikaments.
Wird das Benzodiazepin dann reduziert oder abgesetzt, fehlt nicht nur die Substanz. Es fehlt eine zuvor dauerhaft genutzte Funktion. Die Folge ist eine ausgeprägte Übererregung: Angst, Schlaflosigkeit, innere Unruhe, sensorische Überempfindlichkeit und in schweren Fällen Krampfanfälle.
Diese Entzugssymptome entstehen nicht, weil Benzodiazepine stärker wirken als Alkohol, sondern weil sie einen zentralen Regelkreis des Gehirns enger und tiefer verändern. Während der Alkoholentzug oft heftig beginnt, aber zeitlich begrenzt ist, kann sich der Benzodiazepinentzug über Wochen oder Monate hinziehen.
Vereinfacht gesagt: Alkohol belastet viele Systeme – Benzodiazepine verändern eines besonders grundlegend. Das erklärt, warum ihr Entzug häufig als zäher und schwerer erlebt wird.
Das Gehirn verlässt sich schnell auf die neue Hilfe von außen
Doch genau hier liegt das Risiko. Weil Benzodiazepine so gezielt wirken, lernt das Gehirn sehr schnell, sich auf diese äußere Hilfe zu verlassen. Die eigene Fähigkeit zur Beruhigung wird weniger genutzt und damit schwächer. Während Alkohol das Gehirn auf vielen Ebenen belastet, verändern Benzodiazepine einen besonders wichtigen Regelkreis sehr tiefgreifend.
Die Frage, welche Substanz stärker wirkt, führt daher in die Irre. Alkohol ist oft zerstörerischer, weil er viele Systeme gleichzeitig schädigt. Benzodiazepine sind tückischer, weil sie das zentrale Gleichgewicht des Nervensystems gezielt verschieben. Ihre Wirkung ist weniger auffällig, aber nachhaltiger.
Für Betroffene bedeutet das: Benzodiazepine fühlen sich oft harmloser an als Alkohol, können aber langfristig schwerer wieder loszulassen sein. Nicht, weil sie berauschen, sondern weil sie dem Gehirn die Arbeit der Selbstregulation abnehmen.
Diese Unterscheidung ist entscheidend, um die nächste Frage zu verstehen: Welcher Entzug ist eigentlich leichter – der vom Alkohol oder der von Benzodiazepinen?
Zwei Entzüge im Vergleich, was ist schlimmer – Alkohol oder Benzodiazepine?
Viele Menschen gehen mit einer klaren Erwartung in den Alkoholentzug: ein paar harte Tage, dann ist es überstanden. Diese Vorstellung ist nicht ganz falsch. Der Alkoholentzug kann gefährlich sein, manchmal lebensbedrohlich, verläuft aber häufig innerhalb eines überschaubaren Zeitraums. Nach einigen Tagen beginnt sich das Nervensystem wieder zu stabilisieren.
Kurz und gefährlich oder lang und zermürbend
Alkohol und Benzodiazepine wirken beide an der zentralen Bremse des Gehirns, dem GABA-Rezeptor. Entscheidend für den späteren Entzug ist jedoch nicht nur dass sie dort wirken, sondern wie fest und wie lange.
Alkohol beeinflusst den GABA-Rezeptor relativ locker. Seine dämpfende Wirkung hängt direkt vom Alkoholspiegel im Blut ab. Steigt der Spiegel, nimmt die Dämpfung zu. Sinkt er, lässt sie wieder nach. Für das Gehirn bedeutet das: Die hemmende Wirkung kommt und geht, oft mehrfach innerhalb eines Tages.
Benzodiazepine binden deutlich gezielter an denselben Rezeptor. Ist ein Benzodiazepin im Körper, bleibt es über viele Stunden fest an dieser Andockstelle gebunden. Der Rezeptor wird dauerhaft in einen verstärkten Bremszustand versetzt. Für das Nervensystem entsteht dadurch eine gleichmäßige, kontinuierliche Dämpfung.
Beim Absetzen des Benzodiazepins fehlt die äußere Bremse
Diese dauerhafte Besetzung hat Folgen. Das Gehirn passt sich an den konstant gebremsten Zustand an. Es reduziert seine eigene hemmende Aktivität, weil sie scheinbar nicht mehr benötigt wird. Die natürliche Selbstregulation wird schrittweise heruntergefahren.
Beim Absetzen des Benzodiazepins fehlt diese äußere Bremse. Gleichzeitig ist die innere Bremse aber nicht wieder voll funktionsfähig. Der GABA-Rezeptor reagiert abgeschwächt, das Gleichgewicht ist gestört. Die Folge ist eine anhaltende Übererregung des Nervensystems.
Diese Übererregung erklärt die typischen Symptome des Benzodiazepinentzugs: Angst, Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Reizüberempfindlichkeit und in schweren Fällen auch Krampfanfälle. Anders als beim Alkoholentzug treten diese Symptome häufig nicht explosionsartig auf, sondern halten sich über lange Zeiträume.
Der schwierigere Entzug von Benzodiazepinen entsteht aber nicht durch eine berauschende Wirkung, sondern durch ihre sedierende und dauerhaft stabilisierende Wirkung auf einen zentralen Regelmechanismus des Gehirns. Je länger diese äußere Beruhigung übernommen wird, desto länger dauert die Rückanpassung nach dem Absetzen.
Wenn es schiefgeht – Alkohol und Benzodiazepine gemeinsam
Ein besonders kritischer Punkt im Umgang mit Benzodiazepinen nach dem Alkoholentzug ist der Mischkonsum. Er entsteht selten aus Leichtsinn. Meist ist er das Ergebnis eines Nervensystems, das sich noch nicht selbst stabilisieren kann.
Die gefährlichste Abkürzung
Viele Betroffene erleben nach dem Entzug eine Phase anhaltender Unruhe, schlechter Nächte und innerer Spannung. Wird das Benzodiazepin in dieser Situation reduziert oder abgesetzt, fühlen sich die Symptome oft überwältigend an. Angst und Schlaflosigkeit nehmen zu, der Körper wirkt überfordert. In dieser Lage greifen manche wieder zum Alkohol, nicht um zu genießen, sondern um den Zustand zu beenden. Oder weil kein Benzo mehr verschrieben wurde.
Der Mischkonsum entsteht also häufig aus einem funktionalen Bedürfnis: Beruhigung.
Biologisch ist diese Kombination besonders problematisch. Alkohol und Benzodiazepine verstärken sich gegenseitig in ihrer dämpfenden Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Was subjektiv als Erleichterung empfunden wird, kann objektiv gefährlich werden. Atemdepression, Bewusstseinsstörungen, Stürze und Unfälle treten unter Mischkonsum deutlich häufiger auf.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Kombination verschleiert die eigentliche Ursache der Beschwerden. Die Symptome des Benzodiazepinentzugs werden durch Alkohol kurzfristig gedämpft, kehren aber verstärkt zurück, sobald die Wirkung nachlässt. Der Kreislauf aus Beruhigung und erneuter Übererregung beschleunigt sich.
Wer merkt, dass ohne Benzodiazepine oder Alkohol keine Ruhe mehr möglich ist, steht nicht vor einem neuen Charakterproblem, sondern wieder vor einem ungelösten biologischen Problem.
Fazit: Was bedeutet das für Betroffene?
Benzodiazepine haben im Alkoholentzug einen klaren Platz. Sie können schützen, stabilisieren und schwere Komplikationen verhindern. Ohne sie wäre ein sicherer Entzug in vielen Fällen nicht möglich.
Das Problem beginnt nicht mit der Einnahme, sondern mit der Verlängerung. Benzodiazepine sind für eine begrenzte Phase gedacht. Werden sie darüber hinaus eingesetzt, verändern sie das Nervensystem auf eine Weise, die den nächsten Entzug schwieriger machen kann als den vorherigen.
Für Betroffene bedeutet das vor allem eines: Informiert zu sein.
Es ist sinnvoll zu wissen, warum ein Medikament gegeben wird, wie lange es gedacht ist und wie der Weg wieder heraus aussieht. Fragen nach dem Absetzen sind keine Undankbarkeit, sondern Teil der eigenen Verantwortung für sich selbst.
Nüchtern zu werden heißt nicht nur, den Alkohol wegzulassen. Es heißt auch, dem Gehirn wieder zuzutrauen, seine Balance selbst zu finden. Das braucht Zeit, Geduld und manchmal Unterstützung – aber keine dauerhafte chemische Krücke.
Oder in einem Satz zusammengefasst:
Benzodiazepine können den Weg aus dem Alkohol ebnen. Sie dürfen aber niemals zur nächsten Falle werden.
Im Alkoholentzug werden verschiedene beruhigende Medikamente eingesetzt. Für Betroffene ist oft nur der Handelsname bekannt, nicht aber die Wirkstoffgruppe. Die folgende Übersicht hilft bei der Einordnung.
Benzodiazepine (klassische Wirkstoffgruppe):
Diazepam: Valium, Diazepam
Chlordiazepoxid: Librium
Oxazepam: Adumbran
Bromazepam: Lexotanil
Lorazepam: Tavor, Temesta
Alprazolam: Tafil, Xanax
Clonazepam: Rivotril
Midazolam: Dormicum
Flunitrazepam: Rohypnol
Lormetazepam: Noctamid
Nitrazepam: Mogadan
Brotizolam: Lendormin
Prazepam: Praxiten
Flurazepam: Dalmadorm, Staurodorm
Tetrazepam: Planum
Temazepam: Remestan
Clomethiazol – kein Benzodiazepin, aber ähnlich sedierend:
Clomethiazol: Distraneurin
Wichtiger Hinweis: Clomethiazol gehört chemisch nicht zu den Benzodiazepinen. Es wirkt jedoch ebenfalls stark dämpfend auf das zentrale Nervensystem und wird insbesondere im stationären Alkoholentzug eingesetzt. In der klinischen Praxis wird es umgangssprachlich teilweise als „Benzo“ bezeichnet, pharmakologisch ist diese Einordnung jedoch nicht korrekt.
Auch für Clomethiazol gilt: Es ist für die kurzfristige Anwendung im akuten Entzug gedacht. Bei längerer Einnahme besteht ebenfalls ein relevantes Risiko für Abhängigkeit und Mischkonsum.
Merke: Entscheidend ist nicht der Handelsname, sondern der Wirkstoff und die geplante Dauer der Einnahme. Fragen Sie immer nach einem klaren zeitlichen Behandlungsplan.

FAQ – häufig gestellte Fragen zu Benzodiazepinen und Alkohol
Im Alkoholentzug gerät das Gehirn in einen Zustand starker Übererregung. Benzodiazepine dämpfen diese Übererregung und senken vor allem das Risiko von Krampfanfällen und schweren Entzugskomplikationen. Sie werden eingesetzt, um den Entzug sicherer zu machen, nicht um eine neue Abhängigkeit zu ersetzen.Warum bekomme ich im Alkoholentzug Benzodiazepine?
Benzodiazepine wirken anders als Alkohol, können aber ebenfalls abhängig machen. Die Abhängigkeit entsteht meist nicht durch einen Rausch, sondern durch die zuverlässige Beruhigung. Das Risiko steigt vor allem, wenn sie über die akute Entzugsphase hinaus weiter eingenommen werden.Sind Benzodiazepine nicht genauso abhängig machend wie Alkohol?
Problematisch wird es in dem Moment, in dem Benzodiazepine nicht mehr zur Sicherung des Entzugs dienen, sondern zur Behandlung von Schlaflosigkeit, Angst oder innerer Unruhe im Alltag. Ab diesem Punkt beginnt häufig eine körperliche Abhängigkeit.Ab wann wird die Einnahme von Benzodiazepinen problematisch?
Benzodiazepine binden fest und über viele Stunden an einen zentralen Beruhigungsmechanismus im Gehirn. Bei längerer Einnahme passt sich das Nervensystem daran an. Beim Absetzen fehlt diese äußere Stabilisierung, während die eigene Regulation noch geschwächt ist. Die Rückanpassung braucht Zeit.Warum ist der Entzug von Benzodiazepinen oft so langwierig?
Der Alkoholentzug ist oft akuter und kann lebensbedrohlich sein. Der Benzodiazepin-Entzug verläuft meist weniger dramatisch, dafür aber länger und zermürbender. Beide Entzüge haben unterschiedliche Risiken und sollten medizinisch begleitet werden.Ist der Benzodiazepin-Entzug gefährlicher als der Alkoholentzug?
Alkohol und Benzodiazepine verstärken sich gegenseitig in ihrer dämpfenden Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Diese Kombination erhöht das Risiko für Atemprobleme, Bewusstseinsstörungen, Stürze und Unfälle erheblich.Warum ist Alkohol zusammen mit Benzodiazepinen besonders gefährlich?
Sinnvolle Fragen sind: Warum bekomme ich dieses Medikament? Wie lange ist es vorgesehen? Wann und wie soll es wieder abgesetzt werden? Ein klarer Plan für die Beendigung der Einnahme ist ein wichtiger Teil einer sicheren Behandlung.Was sollte ich meinen Arzt oder meine Ärztin konkret fragen?
Nach der akuten Entzugsphase stehen andere Strategien im Vordergrund, etwa Schlafhygiene, Stressregulation, psychotherapeutische Unterstützung oder nicht abhängig machende Medikamente. Ziel ist es, die eigene Selbstregulation wieder aufzubauen.Gibt es Alternativen zu Benzodiazepinen nach dem Entzug?
Weitere Beiträge in unserem Blog
- Nein ist ein vollständiger Satz!
- Histamin, Alkohol und Herzrhythmus: Warum Wein so oft Herzrasen und Unruhe auslöst
- Unglücklich trocken? Das muss nicht sein!
- Wie Alkohol zunächst Angstzustände lindert – später aber Panikattacken und Hangxiety auslöst
- Video-Blog: Dry January– mehr Veränderung, als viele erwarten
- Holiday-Heart-Syndrom: Wenn Alkohol Deinen Herzschlag zur Rave-Party macht
- Wie Alkohol den Blutdruck dauerhaft in die Höhe treibt
- Weihnachten ohne Alkohol ist machbar!
- Warum Ex-Trinker oft müde, nervös und gereizt bleiben – die unterschätzte Rolle von Vitaminmangel
- Rückfall – “alles verloren” oder “macht nichts”?

Dr. med. Bernd Guzek
Arzt, Autor, Angehöriger & Mitbegründer von Alkohol adé
Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den biochemischen Grundlagen von Sucht und Hirnstoffwechselstörungen sowie deren Beeinflussung durch Nährstoffe.
