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Huhu, ich bin die Blaubeere. Euch gefunden zu haben, erfüllt mich mit Freude und Hoffnung, denn das Thema Alkohol zieht sich durch mein Leben und durch die Geschichte unserer Familie wie ein roter Faden. Eher wie ein schwarzer Faden 🙁
Ich bin Mitte 50 und berufstätig, habe zwei erwachsene Söhne, die ich schon in der Pubertät darauf aufmerksam gemacht habe, dass sie möglicherweise genetisch bedingt ein hohes Risiko mit sich tragen, alkoholkrank in vierter Generation zu werden. Was die Generationen, die vor 1900 gelebt haben betrifft, gibt es keine Überlieferungen. Meine Söhne haben meine Worte sehr ernst genommen und trinken vielleicht drei oder vier mal im Jahr ein Gläschen.
In meinem Elternhaus war Bier ein Grundnahrungsmittel wie Brot. Aber alle funktionierten und es herrschte keine Gewalt. Ich habe meine ersten Erfahrungen mit Alkohol im Alter von 15 Jahren gemacht. Ich fand es angenehm, unter Alkoholeinfluss nicht mehr so schüchtern zu sein und irgendwie gehörte es damals in meinem Umfeld dazu, 1 oder 2 mal im Monat auf Partys oder in Discos Alkohol zu trinken. Ich habe immer nach Hause gefunden und nie meinen Schlüssel, mein Portemonnaie oder meine Brille verloren :-).
Etwa 20 Jahre lang habe ich unregelmäßig getrunken, mal etwas mehr, mal weniger, abhängig von der Situation und den Personen in meinem Umfeld. Über Alkohol habe ich eigentlich gar nicht nachgedacht, außer, wenn es um andere Familienmitglieder ging. Wenn getrunken wurde, habe ich halt mitgetrunken, wenn nicht, war es mir völlig gleichgültig und ich hatte nach dem Auszug aus dem Elternhaus nur selten Alkohol im Haus.
Problematisch wurde es dann mit Mitte 30, als meine Kinder auf die Welt kamen. Der Alltag mit den Kindern war anstrengend, die Beziehung zu ihrem Vater sehr schwierig, das Geld war extrem knapp (ich ging zeitweise Beeren und Pfandflaschen sammeln, um durchzukommen), es waren keine Großeltern in der Nähe, die mich mal hätten entlasten können. Zwei Jahre habe ich nicht gearbeitet, der Kindsvater sowieso nicht. Es war kein Geld da für Benzin, kein Geld für ein Geschenk, wenn man mal irgendwo eingeladen war, die Gründe für die desolate finanzielle Lage will ich hier nicht erörtern. Die sozialen Kontakte wurden weniger und irgendwann bestand mein tägliches Abendprogramm, wenn die Kinder im Bett waren, aus einem TV-Krimi, 1-2 Gläsern Rotwein und viel Schokolade, alles alleine im Schlafzimmer konsumiert. Vom Vater der Kinder trennte ich mich irgendwann. Dieses Schlafzimmertrinken ging einige Jahre so weiter, aber ich habe immer wieder mal einen Tag oder auch eine Woche Pause gemacht, weil ich diesen Konsum schon bedenklich fand, ich wusste ja, dass in meiner Familie einige Menschen alkoholkrank waren. Der Arzt, dem ich mich anvertraute, meinte: „Im Moment brauchen Sie das eben.“ Als ob der Rotwein eine Medizin wäre, die auch er mir hätte verschreiben können…
Dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen und die Entwicklung nahm Fahrt auf. Mein Mann trank gerne, oft und damals noch viel. Im Keller gab es eine Sammlung erlesener Weine und anderer alkoholischer Getränke, grenzenlose Verfügbarkeit. Wir glaubten, das Leben zu feiern und fanden auch mitten in der Woche einen Grund, eine Flasche Champagner zu öffnen. Wir besuchten regelmäßig gute Restaurants und es spielte keine Rolle, dass der Wein teurer als das Essen war. Am Wochenende trank ich oft zum Frühstück schon Sekt. Ich denke heute, dass ich mir damit beweisen wollte, dass ich mich selbst wertschätze. Und wollte es sicher auch anderen zeigen, denn ich fand den sozialen Absturz, der mit der Mutterschaft kam, sehr beschämend. „Seht mal, vor ein paar Jahren habe ich Pfandflaschen aus dem Gebüsch geholt und nun trinke ich zum Frühstück Sekt und wenn ich will, auch Champagner!“ In den nächsten Jahren trank ich also, wenn ich nicht gearbeitet habe, oft auch schon morgens, konnte aber die Menge noch kontrollieren. Das heißt, wenn ich morgens trank, konsumierte ich den Rest des Tages nicht. 1/2 Flasche Sekt oder Wein war für mich die Grenze, die ich nur sehr selten überschritt, auch weil ich mich sonst verkatert fühlte.
2020 begann eine neue Ära. Meine Mutter war verstorben und ich trauerte mehr als zwei Jahre sehr intensiv. Dazu kam Corona und eine neue Chefin. Im Homeoffice war ich massiv überfordert. Alle Arbeitsabläufe änderten sich und ich kämpfte mit Hardware und Software. Den Zusammenhalt der Kollegen konnte ich nicht mehr spüren, da man sich ja wochenlang nicht sah. Dazu kam die neue Chefin, die uns wenig feinfühlig zu Höchstleistungen anspornen wollte. Sehr fordernd, alles kontrollierend, reglementierend, protokollierend. Machte man Fehler oder konnte sein Pensum nicht schaffen, war die Ansprache oft so schroff, dass Kolleginnen, auch ich, in Tränen ausbrachen. Dazu kam, dass man rund um die Uhr Mails und Nachrichten bekam, so dass kaum noch zwischen Arbeit und Freizeit trennen konnte. Ich war nur noch erschöpft und hatte das Gefühl, meinen Job jeden Tag schlechter zu machen. Nun konnte ich abends nur noch mit Alkohol oder einem Schlafmittel einschlafen, wenn ich am nächsten Tag arbeiten musste. Oft Alkohol UND Schlafmittel. Aus der halben Flasche Wein oder Sekt wurde immer häufiger eine ganze Flasche, ich konnte plötzlich oft nicht mehr aufhören, bis mir übel und schwindelig wurde. Nicht selten fuhr ich in den letzen zwei Jahren verkatert zur Arbeit, was den ohnehin stressigen Job noch schwieriger machte. Dann breitete sich irgrndwann in meinem Kopf ein Nebel aus, den ich anfänglich auf meine Corona-Infektion zurückführte. Ich hatte so gravierende kognitive Probleme, dass ich auch Alzheimer-Demenz oder einen Tumor befürchtete. Der Neurologe fand im MRT nichts und machte Stress für meine Defizite verantwortlich.
In der Woche im September, als ich zum MRT war, fand ich meinen Bruder in seiner Wohnung verwirrt und teilweise gelähmt zwischen tausenden leerer Flaschen, Kot und Erbrochenen. Der Notarzt brachte ihn ins Krankenhaus. Er war drei Wochen nicht ansprechbar, bekam tagelang andauernde epileptische Anfälle, war psychotisch, konnte nicht mehr schlucken, wurde durch eine Sonde ernährt, die Ärzte haben mich darauf vorbereitet, dass er vielleicht stirbt.
Zu sehen, was dieses Teufelsgift aus ihm gemacht hat, hat mir…. ich weiß gerade nicht, wie ich es ausdrücken kann, was in mir vorging. Ich fing an, mich noch intensiver mit dem Thema Alkohol zu beschäftigen und plötzlich sehe ich alles in einem anderen Licht. Es kommt mir plötlich so absurd vor, dieses teuflische Nervengift in sich hineinzuschütten. Ich wollte unbedingt damit aufhören, hatte aber Angst, auch Krampfanfälle oder eine Psychose zu bekommen. Daher habe ich den Alkohol langsam runterdosiert. Erst mal ein paar Tage nur noch ein kleines Gläschen Wein pro Tag, zum Glück ging das ohne Probleme. Dann habe ich ein paar Wochen nur noch 1 bis 2 mal pro Woche kleine Mengen getrunken. Und siehe da, der Nebel im Gehirn verzieht sich und ich brauche auch kein Schlafmittel mehr. Hatte aber ein paar Mal Suchtdruck. Den habe ich mit viel Essen und scharfen Bonbons in Griff bekommen. Ich denke, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mich vom Alkohol zu befreien. Ich überlege gerade, ob ich mal die Suchtberatungsstelle kontaktiere oder mich einer Selbsthilfegruppe anschließen soll. Ich spüre, dass der Vorsatz, nicht mehr zu trinken, noch gefestigt werden muss. Ich habe seit 6 Tagen nichts getrunken.
Das war eine laaaaange Geschichte, vielen Dank für eure Zeit und Geduld. Ich freue mich, auf den Austausch mit euch 🙂
Liebe Grüße
Blaubeere
Die neusten Ergebnisse lassen hoffen. Ich bin nach der Arbeit schnell zur radiologischen Praxis gebraust und konnte beim Gespräch dabei sein. Der Tumor ist hinten plaziert, das ist gut, weil er so nicht in die unmittelbare Umgebung streuen konnte, von einer trennenden Fettschicht war die Rede. In der Lunge war auch nichts. Allerdings gab es Veränderungen in der Leber, das könnten Metastasen sein. Ist nur die Frage, ob die überhaupt vom Darm kommen. Der histologische Befund war besser als erwartet, so sagte der Arzt. Invasives Wachstum konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden. Die Berichte sind für uns schwer zu verstehen, aber eins ist klar, es hätte schlimmer kommen können. Am Mittwoch werden wir bestimmt schlauer sein, da hat mein Mann einen Termin in der Sprechstunde im Krankenhaus, wo er behandelt werden soll. Da wird dann auch entschieden, wie man den Leberbefund einschätzen soll und ob und wann weitere Untersuchungen erfolgen sollen. Also mir würde kein Alkohol mehr schmecken, wenn man mir sagen würde, da ist was in der Leber. Bin mal gespannt, wie viele Bierchen es bei meinem Mann heute Abend werden…
@blaubeere Ich hoffe mit Euch, dass es bestmöglich weitergeht.
Bin mal gespannt, wie viele Bierchen es bei meinem Mann heute Abend werden
Das verträgt sich nicht gut mit der gewünschten Nähe. Schei.. Alkohol!
Da waren wir auch mal. Beim Wunsch nach Nüchternheit im Kopf und dem täglichen Zudröhnen in der Tat und der Realität.
Wie geht's Dir damit?
@christian Es war nur 1 Bier. Die Auffälligkeiten in der Leber haben ihm wohl doch zu denken gegeben. Wenn mein Mann 1 oder 2 Flaschen Bier trinkt, merke ich ihm das nicht an, das steht der Nähe nicht im Weg.
Hey.... wie gehts Dir bzw. Euch? Lass mal von Dir hören 🤗
Guten Morgen,
wie schön heute wieder nach 5 1/2 h Schlaf frisch und munter aufzuwachen. Das liebe ich an meiner Nüchternheit am meisten, wie sie sich auf meinen Schlaf ausgewirkt hat. Nach 5 h Schlaf ohne Alkohol fühle ich mich deutlich besser als nach 7 h Schlaf mit Schlummertrunk. Und nie mehr morgens die Angst, den Tag in diesem Zustand nicht mehr durchzustehen.
Ich wollte das auch deshalb noch mal erwähnen, weil das eigentliche Thema dieses Forums der Abschied vom Alkohol ist und ich dieses Thema in den letzten Wochen etwas aus den Augen verloren habe und stattdessen nur noch von der Krankheit meines Mannes berichtet habe. Am Ende habe ich mich gefragt, ob ich nicht eher in ein Forum für Angehörige krebskranker Menschen gehöre, kam aber zu der Erkenntnis, dass es mich dort emotional mehr erschöpfen als helfen würde. Die Krankheit meines Mannes wird über die nächsten Wochen auch ein Stück unseres Alltags werden müssen, auch wenn es sehr belastend ist. Mein Leben muss weitergehen und es wird weitergehen.
Aber gerne will ich berichten, was sich an der Onko-Front neues ergeben hat. Die erste Biopsie hatte ja ein nicht so schlimmes Ergebnis gebracht, was eigentlich nicht dazu passte, wie der Tumor aussah. Daher hatte man letzte Woche vier weitere Biopsien entnommen. Geplant war ein 4 stündiger Aufenthalt im Krankenhaus, daraus wurden dann 9 Stunden. Da wird die Geduld trainiert. Gut, dass ich 3 Wochen krankgeschrieben bin, so konnte ich meinen Mann begleiten. Der erzählt mir schon seit Jahren, dass ein Krankenhaus für ihn das allerschlimmste ist und er kommt in einen emotionalen Ausnahmezustand, wenn er eins betritt. Dann hieß es wieder 1 Woche aufs Ergebnis warten. Leider kam dann ein schlechtes histologisches Ergebnis. Auch hat die Tumorkonferenz die Bilder vom CT so interpretiert, dass es in der Leber eindeutig Metastasen sind. Vermutlich auch in der Lunge. Man sagte uns, dass keine weitere Diagnose erforderlich sei. Vorher hieß es ja, man müsse noch ein MRT machen. Dieses Hin und her ist nicht gut auszuhalten. Nun sind einige Hoffnungen zerstört und wir wissen, dass der Feind groß und stark ist. Gestern waren wir dann in der onkologischen Tagesklinik und man erklärte uns über den Ablauf der Therapie auf. Nächste Woche startet die Chemotherapie, die den Tumor im Rektum so weit schrumpfen lassen soll, dass der natürliche Darmausgang bei der anschließenden OP erhalten bleiben kann. Die Chancen betragen da etwa 80%. Immerhin. Und man schaut auch noch, ob eine Immuntherapie möglich ist, aber das geht wohl nur in 5% der Fällen. Eine Antikörpertherapie wäre aber geplant. Was der Unterschied zwischen Immun- und Antikörpertherapie ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Nun wäre ich nicht in diesem Forum gelandet, wenn ich nicht so gerne googeln würde und werde das noch weiter erforschen oder einfach den Arzt noch mal fragen. In den nächsten Tagen wird meinem Mann ein Port unter die Haut gepflanzt, damit das Zellgift ihm nicht die Blutgefäße kaputt macht. Durch einen Schlauch gelangt das Gift in Herznähe und wird dort durch den starken Blutstrom so schnell verdünnt, dass es lokal keinen Schaden anrichten kann. Heute wird er über diesen Eingriff aufgeklärt. Wieder ein Termin im Krankenhaus. Hätte nicht gedacht, dass man 20 Termine hat, bevor die eigentliche Therapie startet. Die nächste Woche gibt es dann nach Einsatz des Ports zwei Chemos ambulant im Krankenhaus, dann 4 oder 6 weitere, die jeweils 48 h laufen, zu Hause. War klar, dass mein Mann sich dafür nicht ins Krankenhaus legt, wenn er die Wahl hat. Na ja, es wird sich zeigen, wie stark die Nebenwirkungen ihn treffen und ob er das wirklich zuhause durchstehen kann. Dann überprüft man die Entwicklung des Tumors und der Metastasen in einem CT und anschließend wird weitergeschaut.
Für die von euch, die schon mal Krebs hatten oder einen Erkrankten im nahen Umfeld, ist das vermutlich alles nich neu, aber für mich ist das wie ein anderer Planet. Gestern im Wartezimmer der onkologischen Tagesklinik war es ganz merkwürdig, dass im Minutentakt die Tür aufging und Krebspatienten ein und ausgingen, richtige Fließbandarbeit wird dort geleistet. Es ist ein neuer Planet, aber der Planet ist dicht bevölkert! Einzelne Bewohner sind noch keine 30 Jahre alt, andere sind alt und werden von einem Fahrdienst gebracht. Dicke, dünne, gepflegte, verwahrloste, alle Sprachen… Schlimm die Vorstellung, dass manche Menschen vielleicht niemanden haben, der ihnen beisteht und das ganz alleine durchstehen müssen 😢.
Ob es Chancen auf Heilung gibt, darüber hat noch niemand mit uns gesprochen. Natürlich wird man ausgeschimpft, wenn man googelt, aber die Prognose bei Metastasen in Lunge und Leber scheint nicht gut zu sein. Ich befürchte, dass ein längerer Kampf begonnen hat, den man nicht gewinnen kann.
Liebe Grüße und genießt den Tag oder wenigstens ein paar Stunden davon! Das Leben ist so kostbar!
Blaubeere
Danke für Deinen Bericht - Fühl Dich fest gedrückt 🤗 und ich wünsche Dir bzw. Euch ganz viel Kraft und Stärke für die Nächste Zeit! Und Du, pass bitte auf Dich auf!!
Das hört sich alles nicht so gut an, aber es lohnt sich, zu kämpfen!!
Mit dem anderen Planeten hast Du recht. Mein Lebensgefährte hatte Leukämie und muss immer noch regelmäßig zur Nachsorge. Da war ich auch schon mit und fand es auch ganz schlimm dort (und voll).
Meine beste Freundin ist vor 10 Jahren mit 24 Jahren an Krebs gestorben, deswegen weiß ich aus Erfahrung, dass es leider alle Altersklassen betrifft 🙁
Es ist auf jeden Fall großartig, dass Du trotzdem nüchtern bleibst!! Respekt dafür 🙂
Ist sicherlich nicht leicht... ich selber hab in schwierigen Situationen sehr gerne zu Alk gegriffen. Sei sehr stolz auf Dich!
@blaubeere pass gut auf dich und dein Leben auf liebe Blaubeere. Ich wünsche dir Besonnenheit und Ruhe für die Unterscheidung der Geister. Mögest du stets wählen was das Leben fördert 🙏
@blaubeere Liebe Blaubeere, alles erdenklich Gute für deinen Mann, vor allem viel Kraft für die sicher anstrengende Therapie. Dir wünsche ich ebenfalls viel Kraft für die anstrengende Zeit, Kraft und Mut auch für zu treffende Entscheidungen und für die mitunter schmerzhafte Wahrheit. Ich drücke dich ganz fest. GlG Kerstin 🌹🌹🌹





