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Hallo in die Runde,
ich bin schon seit 16 Monaten stiller Mitleser im Forum und wollte mich nun auch mal vorstellen. Fair enough, immerhin "weiss" ich bereits viel von euch und ihr gar nichts von mir.
Kurz und bündig: Oli, Anfang 40, zufrieden in gut bezahltem Job, aktuell Single
Ich trinke seit 16 Monaten keinen Tropfen mehr (daher hab ich mich damals auch hier angemeldet). Auslöser war, dass ich besoffen mit 2,4 Promille auf einem e-Scooter angehalten wurde. Dementsprechend war der Lappen natürlich weg, ein Abstinenzjahr Pflicht und die MPU steht bald bevor. Bis zu diesem Tag hatte ich selbstverständlich ein jahrelanges Trinkertraining hinter mir.
Ich war schon immer fasziniert von den Rändern der Gesellschaft, war bei den Punks und Skinheads in den 90ern dabei, später dann viel in Metal- und Bikerkreisen. Alles Szenen, in denen gern und viel getrunken wird. Wir haben einen regelrechten Kult darum gemacht, versteckt wurde da nichts. Ende der 90er hab ich in einer Band gespielt, deren 1. Demo "Promille Rock´n´Roll" hieß, der Besoffenste in der Kneipe wurde zum Etappensieger des Abends gekürt und wir machten Witze über unsere heilige Mission, den bösen Teufel Alkohol überall dort zu vernichten, wo er anzutreffen wäre. In meinen Kreisen wurde schlicht jeden Tag gesoffen. Anti-Society und sowas .... Eine Kleinigkeit war bei mir aber von Anfang an anders. Es ging mir immer um den Abschuss, ich hab von Anfang an keine Kontrolle gehabt. Wenn alle besoffen nach Hause gingen, habe ich mir noch 2 Bier als "Absacker" mitgenommen, habe gern alleine daheim getrunken oder auch mit Freude schon morgens.
Mit den Jahren bin ich aber den Szenen entwachsen und wurde trotz allem etwas verantwortungsvoller. Mir gelang es auch irgendwie immer zu funktionieren. Ich habe zwei Ausbildungen abgeschlossen, mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und war auf Sprachreisen. Nicht immer pünktlich und sicher nicht mit den bestmöglichen Ergebnissen, aber es klappte. Phasenweise. Ich erkannte, dass mich die Sauferei beeinträchtigt und konnte immer vor wichtigen Prüfungsphasen o.ä. eine Abstinenzphase einlegen und so hat alles irgendwie geklappt.
Mit der Zeit wurde ich zu einer Art Quartalssäufer. Immer dann, wenn ich irgendwas erfolgreich absolviert hatte, belohnte ich mich mit mehrtägigen Sauforgien. Immer das gleiche Muster: am ersten Abend trinken, am zweiten nochmal, ab dem dritten Tag schon frühs, ab dem vierten Tag durchgängig ohne Nahrung und spätestens nach einer Woche hing ich zitternd und trockenkotzend über dem Klo. Seltsamerweise gelang es mir an diesen Tiefpunkten immer, radikal aufzuhören. Ich lag zwei Tage klappernd auf dem Sofa und dann ging es bergauf. Ich konnte wieder essen, schwor mir mehr Selbstkontrolle und hatte nach zwei Wochen wieder Durst. Dann trank ich eine Weile moderat 2-4 Bier am Abend, bis es wieder was zu feiern gab.
Vor 10 Jahren hatte es sich erstmal ausgefeiert. Ich holte gerade meine Masterabschluss an der Uni nach, war mit Anfang 30 wieder Vollzeitstudent ... WG Partys, 3 Monate Semesterferien. Ich verliebte mich unsterblich in eine Kommilitonin, riss mich zusammen und wir hatten den Sommer unseres Lebens. Als dann die Beziehung aus anderen Gründen zerbrach, fiel meine Welt zusammen. Nach 8 Wochen Dauersaufen landete ich völlig fertig in der Entgiftung, da mich mein Mitbewohner einfach ins KH gefahren hat. Dort erfolgte die normale Entgiftungsbehandlung, mehr fand ich unnötig.
Anfangs trank ich danach erstmal gar nichts, dann hin und wieder mal und dann war ich wieder bei meinem Quartalsprogramm. Irgendwie habe ich trotzdem den Abschluss gepackt und einen super Job gefunden.
Mir war immer bewusst, dass etwas gewaltig falsch läuft und ich hoffte, es würde sich auf wundersame Weise bessern. So ging das, bis zu besagter Trunkenheitsfahrt vor 16 Monaten, für die ich heute fast dankbar bin. Die nun bevorstehende MPU hat mich zu einem Jahr Abstinenz gezwungen, Gabys Buch und die NEMs haben mir das Aufhören sehr erleichtert und die psychologische MPU Vorbereitung hat auch einiges in mir bewegt.
Aktuell geht es mir blendend, ich habe 12 Kilo abgespeckt, Blutdruck ist normalisiert, etc. Insgesamt habe ich mich viel tiefer mit mir und meiner Geschichte auseinandergesetzt, als ich hier darstellen kann.
Leider fühle ich mich ziemlich einsam. Ich wollte mich nie zu fest binden, habe immer meine Freiheit beschworen und von One-Night-Stands und oberflächlichen Affären gelebt. Selbst schuld!
Nun muss ich mich darin üben, wie man zwischenmenschliche Kontakte nüchtern aufbauen und evtl. intensivieren kann. Das habe ich einfach nie gelernt und nie gemacht.
Ich will definitiv nie wieder mit dem Stoff zu tun haben, es würde mich irgendwann killen. Angst habe ich momentan davor, dass die Erinnerung an die ganzen schlimmen Tage mit der Zeit verblasst und mir alles "gar nicht mehr so schlimm" vorkommen würde. Momentan habe ich ja noch den Zwang der bevorstehenden MPU, der allerdings bald wegfällt.
Dies ist auch der Grund für mein heutiges Posting - ich hoffe einfach, durch den Austausch die Erinnerungen wach zu halten. Mein Opa wurde 94 Jahre alt. Wenn ich das gleiche Glück habe, steht mir mein halbes Leben noch bevor. Das möchte ich anders gestalten. Besser eben...
Soweit erstmal von mir. Danke fürs Lesen!
@oli Danke für dein Posting, lieber Oli, das mich bewegt hat. Ich wünsch dir weiter viel Erfolg und freue mich, auch weiter von dir zu lesen und mich mit dir auszutauschen. Alles Gute dir!
@cairni Es ist tatsächlich so, der Schmerz hat ungeheure Antriebskraft! Danke dir 🙂
@gaby_guzek es wäre in diesem Zusammenhang auch schön, von anderen zu erfahren, was sie an Wandel in Paarbeziehungen, Ehen und dergleichen mehr empfunden haben.
@oli Hi! Was für ein interessanter post...der erste, der im Groben meiner Geschichte ähnelt - auf jeden Fall mit Hinblick auf den anfänglich extrinsischen Motivator mpu und das Alter.
Allerdings bist du mit schon 16 abstinenten Monaten ein gutes Stück weiter wie ich.
Anfangs war ich ehrlich froh um diesen Motivator; mein persönlicher Garant fürs Durchhalten quasi. Nach meinem Erstgespräch in der mpu Vorbereitung (von einer Sucht habe ich nichts berichtet), suggerierte man mir, dass kontrolliertes Trinken durchaus ok sei und bei der mpu kein knockout Kriterium wäre (mein Blutwert lag bei 1.67; allgemeine Verkehrskontrolle ohne Unfall).
Puff. Das wars mit dem Ansporn.
Jetzt bin ich (eher unbewusst) am abwägen: durchhalten nur bis zur mpu und dann alles wieder auf 0? Die verlorenen Kilos zurück? Das verplatzte Gesicht am Morgen? Die hunderte von euros wieder täglich, wöchentlich monatlich sinnlos in mich hineinkippen (Memo an mich selbst - ausrechnen was ich seitdem gespart habe)? Aufwachen und mal wieder das Handy auf peinliche Nachrichten checken? Irgendwelche unnützen Dinge im Supermarkt kaufen, sodass nicht nur Stoff auf dem Band liegt (die Kassiererin weiß trotzdem was los ist - selbst wenn du jeden zweiten Tag woanders einkäufst; glaube mir)? Mal wieder einen Umweg in Kauf nehmen, nur um nicht schon wieder am selben Glascontainer die beschämenden Reste zu entsorgen? Sich weiterhin / wieder ins soziale Abseits manövrieren, damit keiner merkt, dass man ab 18 Uhr (oder wann auch immer) kaum noch ansprechbar ist? Kino, Theater, Konzerte etc. meiden, nur weil es da keinen Stoff gibt oder man sich zu sehr zusammenreißen muss?
Und nochmals zum Ersparten: was könnte man alles mit dem Geld anstellen, wären da nicht die Kosten, die nach so einer Fahrt auf uns zukommen / gekommen sind...
Klar stehe ich noch ziiiemlich weit am Anfang in Gegensatz zu dir und vielen anderen hier.
Aber ich kann und will keine der Fragen mit ja beantworten.
Du?
@oli herzlich willkommen hier auch von mir. Toll geschriebene Vorstellung. Und Respekt für 14 Monate. Und dafür, dass du vom passiven Mitleser zum aktiven Schreiber geworden bist.
Beziehungstechnisch verstehe ich dich gut. Geht mir ähnlich, nur, dass ich mich nicht einsam fühle. Ich komm gerade so gut mit mir selbst klar wie noch nie. Ich kann mich noch nicht auf jemand anders einlassen.
Mal sehen, ob sich das ändert... und wenn nicht, dann eben old lady mit cats & dog.
Und auch die beschriebenen Randgruppen kenne ich gut. Und habe meinen Frieden geschlossen, denn auch wenn ich schlussendlich hier gelandet bin, kann ich doch sagen, ich habe wild und hemmungslos gelebt und nix ausgelassen. Dafür wird es ja jetzt etwas ruhiger...
Liebe Grüße von der Mermaid 🧜♀️
@oli Respekt und vielen Dank lieber Oli für deinen Beitrag. Er hat mich genau im richtigen Moment abgeholt und ich merke auch, dass meine Freundschaften oder überhaupt sozialen Kontakte sich total verändern.
Heute habe ich darüber nachgedacht, was da eigentlich los ist, und nachdem ich eben deinen Beitrag gelesen habe, wurde mir einiges klar.
Ich danke dir dafür 🙏🏻
@mermaid Das ist wohl wahr. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich meinen Weg grundsätzlich bereue. Ich habe echt viele interessante Menschen und viele schräge, liebenswerte Leute kennengelernt und Erfahrungen gemacht, die ich sonst niemals hätte machen können. Manchmal frage ich mich, wie viel ich davon durch die Sauferei schon wieder vergessen habe. Schade drum. Liebe Grüße
@alex7 Am Anfang war es bei mir genauso. Ich wusste, dass ich jetzt durch die MPU ein Jahr Abstinenz durchziehen muss, wenn ich den Führerschein wiederhaben will. Und das wollte ich definitiv. Aber weiter als ein Jahr habe ich nicht gedacht. Selbst das kam mir ja schon ewig vor. Obwohl mir ja völlig klar war, dass ich mich in einem Zyklus aus Saufen-Totalabsturz-Regeneration-Repeat befunden habe.
Ich habe dann relativ zügig mit dem Abstinenzjahr begonnen, da ich etliche Fälle kennen, die genau das seit Jahren vor sich herschieben, weil ja demnächst noch dieser und jener wichtige Saufanlass bevorsteht, bevor es dann endgültig, aber diesmal richtig und ernsthaft in Angriff genommen wird. Nach und nach kam die Sache aber ins Rollen, nach ca. 3 Monaten habe ich eine völlig neue Klarheit verspürt, anders als einfach nur nüchtern.
Irgendwie konnte ich mir dann doch in Ansätzen vorstellen, komplett ohne Alk leben zu wollen. Im Endeffekt war dann das Jahr viel schneller rum, als gedacht. Jetzt steht mir in wenigen Wochen die MPU bevor und mir kommt der Gedanke komplett bescheuert vor, den neuen Führerschein erstmal begießen zu wollen.
Ich kenne die von dir beschriebenen Punkte nur zu gut: Ich bin teilweise 6 Uhr morgens in der Bude im Kreis gelaufen, weil der Supermarkt erst 7 Uhr öffnet. Ich habe mit zittrigen Händen kaum die Schuhe gebunden bekommen und der Gang die Treppe runter war der pure Kraftakt, weil ich mich kaum auf den Beinen halten konnte, durch wenig Nahrung.
Ich hab dann meistens erstmal "nur" 6 Bier und 2-3 Dosen Whisky Cola gekauft. Das reichte zum Wiederherstellen und später woanders und fitter noch Nachschlag holen.
Meistens habe ich darauf geachtet, einen Geldschein zum Bezahlen an der Kasse bereits in der Hand zu halten, um nicht mit den zittrigen Fingern Geld zählen zu müssen? Dem Kassenpersonal habe ich dann irgendwelchen Unsinn erzählt, z.B. ein Kollege hätte Geburtstag, deshalb müsste ich den Kram eben frühs 7 Uhr einkaufen. Jeder(!) hat geschnallt, was läuft. Außer mir.
Kennt jemand das Problem, dass man umso mehr zittert, je mehr man es verbergen will? Unfassbar peinlich.
Nein, ich kann und will ebenfalls keine deiner Fragen mit Ja beantworten!
Kontrolliertes Trinken habe ich ja schon im Selbstversuch hunderte Mal ausprobiert. Wäre für mich auch unbefriedigend, mein Hirn will ja voll sein. Nicht angeheitert, nicht beschwipst, nicht beflügelt, sondern eben hackebreit.





