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Hallo nach 16 Monaten mitlesen

26 Beiträge
10 Mitglieder
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613 Ansichten
 oli
(@oli)
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 16
Topic starter  

Hallo in die Runde,
ich bin schon seit 16 Monaten stiller Mitleser im Forum und wollte mich nun auch mal vorstellen. Fair enough, immerhin "weiss" ich bereits viel von euch und ihr gar nichts von mir.

Kurz und bündig: Oli, Anfang 40, zufrieden in gut bezahltem Job, aktuell Single

Ich trinke seit 16 Monaten keinen Tropfen mehr (daher hab ich mich damals auch hier angemeldet). Auslöser war, dass ich besoffen mit 2,4 Promille auf einem e-Scooter angehalten wurde. Dementsprechend war der Lappen natürlich weg, ein Abstinenzjahr Pflicht und die MPU steht bald bevor. Bis zu diesem Tag hatte ich selbstverständlich ein jahrelanges Trinkertraining hinter mir.

Ich war schon immer fasziniert von den Rändern der Gesellschaft, war bei den Punks und Skinheads in den 90ern dabei, später dann viel in Metal- und Bikerkreisen. Alles Szenen, in denen gern und viel getrunken wird. Wir haben einen regelrechten Kult darum gemacht, versteckt wurde da nichts. Ende der 90er hab ich in einer Band gespielt, deren 1. Demo "Promille Rock´n´Roll" hieß, der Besoffenste in der Kneipe wurde zum Etappensieger des Abends gekürt und wir machten Witze über unsere heilige Mission, den bösen Teufel Alkohol überall dort zu vernichten, wo er anzutreffen wäre. In meinen Kreisen wurde schlicht jeden Tag gesoffen. Anti-Society und sowas .... Eine Kleinigkeit war bei mir aber von Anfang an anders. Es ging mir immer um den Abschuss, ich hab von Anfang an keine Kontrolle gehabt. Wenn alle besoffen nach Hause gingen, habe ich mir noch 2 Bier als "Absacker" mitgenommen, habe gern alleine daheim getrunken oder auch mit Freude schon morgens.
Mit den Jahren bin ich aber den Szenen entwachsen und wurde trotz allem etwas verantwortungsvoller. Mir gelang es auch irgendwie immer zu funktionieren. Ich habe zwei Ausbildungen abgeschlossen, mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und war auf Sprachreisen. Nicht immer pünktlich und sicher nicht mit den bestmöglichen Ergebnissen, aber es klappte. Phasenweise. Ich erkannte, dass mich die Sauferei beeinträchtigt und konnte immer vor wichtigen Prüfungsphasen o.ä. eine Abstinenzphase einlegen und so hat alles irgendwie geklappt. 

Mit der Zeit wurde ich zu einer Art Quartalssäufer. Immer dann, wenn ich irgendwas erfolgreich absolviert hatte, belohnte ich mich mit mehrtägigen Sauforgien. Immer das gleiche Muster: am ersten Abend trinken, am zweiten nochmal, ab dem dritten Tag schon frühs, ab dem vierten Tag durchgängig ohne Nahrung und spätestens nach einer Woche hing ich zitternd und trockenkotzend über dem Klo. Seltsamerweise gelang es mir an diesen Tiefpunkten immer, radikal aufzuhören. Ich lag zwei Tage klappernd auf dem Sofa und dann ging es bergauf. Ich konnte wieder essen, schwor mir mehr Selbstkontrolle und hatte nach zwei Wochen wieder Durst. Dann trank ich eine Weile moderat 2-4 Bier am Abend, bis es wieder was zu feiern gab.

Vor 10 Jahren hatte es sich erstmal ausgefeiert. Ich holte gerade meine Masterabschluss an der Uni nach, war mit Anfang 30 wieder Vollzeitstudent ... WG Partys, 3 Monate Semesterferien. Ich verliebte mich unsterblich in eine Kommilitonin, riss mich zusammen und wir hatten den Sommer unseres Lebens. Als dann die Beziehung aus anderen Gründen zerbrach, fiel meine Welt zusammen. Nach 8 Wochen Dauersaufen landete ich völlig fertig in der Entgiftung, da mich mein Mitbewohner einfach ins KH gefahren hat. Dort erfolgte die normale Entgiftungsbehandlung, mehr fand ich unnötig.
Anfangs trank ich danach erstmal gar nichts, dann hin und wieder mal und dann war ich wieder bei meinem Quartalsprogramm. Irgendwie habe ich trotzdem den Abschluss gepackt und einen super Job gefunden. 

Mir war immer bewusst, dass etwas gewaltig falsch läuft und ich hoffte, es würde sich auf wundersame Weise bessern. So ging das, bis zu besagter Trunkenheitsfahrt vor 16 Monaten, für die ich heute fast dankbar bin. Die nun bevorstehende MPU hat mich zu einem Jahr Abstinenz gezwungen, Gabys Buch und  die NEMs haben mir das Aufhören sehr erleichtert und die psychologische MPU Vorbereitung hat auch einiges in mir bewegt.

Aktuell geht es mir blendend, ich habe 12 Kilo abgespeckt, Blutdruck ist normalisiert, etc. Insgesamt habe ich mich viel tiefer mit mir und meiner Geschichte auseinandergesetzt, als ich hier darstellen kann.
Leider fühle ich mich ziemlich einsam. Ich wollte mich nie zu fest binden, habe immer meine Freiheit beschworen und von One-Night-Stands und oberflächlichen Affären gelebt. Selbst schuld!
Nun muss ich mich darin üben, wie man zwischenmenschliche Kontakte nüchtern aufbauen und evtl. intensivieren kann. Das habe ich einfach nie gelernt und nie gemacht.

Ich will definitiv nie wieder mit dem Stoff zu tun haben, es würde mich irgendwann killen. Angst habe ich momentan davor, dass die Erinnerung an die ganzen schlimmen Tage mit der Zeit verblasst und mir alles "gar nicht mehr so schlimm" vorkommen würde. Momentan habe ich ja noch den Zwang der bevorstehenden MPU, der allerdings bald wegfällt. 
Dies ist auch der Grund für mein heutiges Posting - ich hoffe einfach, durch den Austausch die Erinnerungen wach zu halten. Mein Opa wurde 94 Jahre alt. Wenn ich das gleiche Glück habe, steht mir mein halbes Leben noch bevor. Das möchte ich anders gestalten. Besser eben...
Soweit erstmal von mir. Danke fürs Lesen!



   
7
AntwortZitat
kkopp
(@kkopp)
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 344
 

Verfasst von: @oli

Ich kenne die von dir beschriebenen Punkte nur zu gut: Ich bin teilweise 6 Uhr morgens in der Bude im Kreis gelaufen, weil der Supermarkt erst 7 Uhr öffnet. Ich habe mit zittrigen Händen kaum die Schuhe gebunden bekommen und der Gang die Treppe runter war der pure Kraftakt, weil ich mich kaum auf den Beinen halten konnte, durch wenig Nahrung.

@oli umso mehr Respekt, dass Du den Ausstieg geschafft hast 👍 



   
1
AntwortZitat
 oli
(@oli)
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 16
Topic starter  

@kkopp Danke dir. Dranbleiben ist wichtig 💪



   
AntwortZitat
(@alex7)
Mitglied
Nüchtern: 3 jahre
Beigetreten: Vor 3 Jahren
Beiträge: 676
 

@oli jap, kenne ich leider zu gut mit dem Zittern, selbst nach 5 Wochen ist es bei mir noch nicht komplett weg.

Bin irgendwann auch bei Kleinstbeträgen auf Kartenzahlung umgestiegen, seitdem man fast überall kontaktlos bezahlen kann. Selbst den Schlitz für die Karte zu treffen war manchmal eine Herausforderung.

Drücke dir die Daumen für die mpu, lass hören wie es lief! Ich warte nach 2 Monaten noch auf meinen Bescheid vom Gericht. Die Strafe läuft ja trotzdem schon; nervt aber ziemlich stark nicht zu wissen wann man mal wieder die Freiheit hinter dem Lenkrad spüren darf.

Vor allem ist man endlich mal nüchtern und könnte der Fahrer sein - darf es aber nicht. Hat etwas tragisches 🙈

Zurück zum Thema. Ich glaube mein Plan an dem Tag, an dem ich den Lappen wieder hab, sieht so aus, dass ich erst mal zur Tanke fahre und mir einen großen überteuerten Cappuccino gönne. Dann geht es auf die Autobahn und ich fahre gemütlich mit höchstens 130 und ärgere mich über keinen Linksfahrer, Dauerblinker Drängler oder ähnliches. Trinke gemütlich meinen Kaffee und mache mir eine Zigarette an (ja, nicht die beste Idee beim Fahren, aber ich liebe das einfach). Der Gedanke die bestandene mpu mit Alk zu feiern fängt für mich an surreal und verdammt widersprüchlich zu werden.

Ich melde mich Ende des Jahres spätestens wieder und erzähle wie es war 😁

Denk dir doch auch was schönes für den Tag aus. Jemanden besuchen oder einfach nur spazieren fahren, ein nettes Restaurant aufsuchen wo du schon lange nicht mehr warst, Freizeitpark... egal ob alleine oder mit jemandem. Ich werde alleine dabei sein wollen. Das soll ein Moment für mich werden



   
3
AntwortZitat
(@dusty)
Mitglied
Beigetreten: Vor 3 Jahren
Beiträge: 2
 

@oli erstmal meinen Respekt vor Deiner bisherigen Lebensgeschichte. Welch eine schulische / berufliche Leistung trotz heftigem Suff. Und jetzt trocken. Ich konnte einige kleine Parallelen erkennen.

Ich wünsche Dir, dass Du dem Alkohol weiterhin abschwören kannst. Denn nüchtern ist einfach geiler. 

 

 

Lieben Gruß

Dusty



   
2
AntwortZitat
 oli
(@oli)
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 16
Topic starter  

@dusty ich danke dir! Schön, wenn wir einige Parallelen haben! Ich bin im Nachhinein auch immer wieder erstaunt, was Menschen trotzdem noch für eine Lebensleistung hinbekommen. Sei es beruflich, familiär, intellektuell und teilweise auch sportlich.

Wahnsinn, wenn man bedenkt, was für eine Traurigkeit und Verzweiflung dort innerlich herrscht und trotzdem geht einiges.

Nüchtern ist wirklich geiler! Dir ebenfalls alles Gute.



   
1
AntwortZitat
kkopp
(@kkopp)
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 344
 

@dusty Ein Willkommen auch an Dich in diesem Forum. Vielleicht willst Du einen eigenen Thread eröffnen und neuen Mitgliedern erklären, warum ein Leben ohne Alk geiler ist. Hier findest Du eine Anleitung.

LG, Kris



   
1
AntwortZitat
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