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Guten Tag, Ihr alle!
Wenn ich hier nun schon interessiert mitlese, dann finde ich es zumindest angebracht, mich kurz vorzustellen.
Vorausschicken muss ich zunächst, dass ich selbst kein Alkoholiker bin, sondern lediglich häufig mal etwas zu viel trinke. Dieser Unterschied ist mir wichtig, denn ich erfülle quasi kaum eines der Kriterien, das mich bei diesem Thema aufhorchen lassen müsste:
Ich bin beruflich nicht besonders erfolgreich, kein Karrieremensch (also, jetzt nicht mehr), ich bin nicht weiblich, habe keinen Beruf, in dem ich Unmengen von Geld vertrinken könnte, bin weder alleinerziehend noch frustrierter Single, habe quasi keinen Stress außerhalb meines beruflichen Umfeldes (also, jetzt nicht mehr) und mein Funktionieren innerhalb meines beruflichen Umfeldes würde ich als nicht besonders spektakulär bezeichnen. Ein wenig Personalverantwortung, ein bißchen Zuständigkeit dafür, dass die Kolleginnen und Kollegen einen vernünftigen Dienstplan bekommen, ab und zu ruft auch außerhalb der Arbeitszeit mal jemand an und hätte gern ein Problem, alles nicht besonders aufregend.
Ich bin 54 und stutze, wenn ich mein Alter schreibe. 54 sieht, finde ich, noch ganz gut aus. Die Tendenz liegt auf jeden Fall noch in Richtung des Anfangs des Jahrzehnts. Bei 55 wäre das schon anders, hier geht es klar auf das Ende des Jahrzehnts zu. Ab und zu habe ich darüber nachgedacht, dass es ein sehr merkwürdiges Gefühl ist, mehr Jahre gelebt zu haben, als noch übrig sind. Ein anderes dieser Gefühle hatte ich bei meinem 50. Geburtstag. Ich war plötzlch älter, als es mein Vater je geworden ist. Mein Vater war sehr erfolgreich in seinem Metier. Er war Kettenraucher, Vieltrinker und fiel mit 49 nach seinem zweiten Herzinfarkt tot um. Das ist jetzt 30 Jahre her. Der Beginn meiner eigenen Raucherei ist jetzt 40 Jahre her. Keine Ahnung, warum ich jetzt diesen Vergleich anstelle, wahrscheinlich, weil ich darauf hinaus will, dass ich ein ziemlicher Suchtmensch bin. Soll heißen: Wenn etwas da ist, muss es weg. Wenn nichts da ist, ist es nicht so tragisch, aber Tabak ist eigentlich immer da (sonst müsste ich ja spätabends oder Sonntags nochmal los und das wäre nun wirklich dämlich). Andererseits bin ich natürlich nicht abhängig von Zigaretten. Ich könnte jederzeit aufhören, habe ich auch schon (wobei mir jetzt nicht mehr genau einfällt, wann das war, es muss irgendwann kurz nach der Wende gewesen sein).
In letzter Zeit höre ich dauernd Alkohol-Witze. Keine Ahnung, warum mir das plötzlich auffällt, aber früher war das irgendwie kein Thema.
Sicher, jeder fand diesen Dialog irgendwann mal super witzig: "Haben Sie ein Problem mit Alkohol?" - "Nein, nur ohne", aber man hatte beim Lachen sofort ein schlechtes Gewissen. Wegen der armen Alkoholiker, die sind schließlich krank und man sollte keine Witze über Kranke machen.
Noch lustiger fand ich immer den Spruch (den muss man langsam und mit ein wenig verwaschener Sprache vorsagen): "Wenn Alkohol schlecht für das Kurzzeitgedächtnis ist," [jetzt Pause einfügen] "stell Dir mal vor, was Alkohol dann anrichten könnte!". Brüller. Ich habe natürlich kein Problem mit meinem Kurzzeitgedächtnis. Sonst wär's ja nicht so witzig.
Jetzt habe ich das Gefühl, ich schweife etwas ab und langweile Euch; das tut mir leid, ich komme jetzt dazu, warum ich kein Alkoholiker bin.
Ich habe also diesen Job, den ich in dieser oder anderer Form seit 1994 mache, in den letzten zehn Jahren meistens nur tagsüber. Ich arbeite Montags bis Freitags 12 Stunden und fahre jeweils eine Stunde hin und her. Das ist insofern blöd, als für das eigentliche Leben dann nur 10 Stunden übrig bleiben, die mir als Zeit für meine Interessen, Nahrungsaufnahme und Schlafen übrig bleiben. Da geht es also auch darum, dass ich die Zeit im Bett nicht sinnlos herumliege und warte, dass ich endlich einschlafe, sondern das sollte schon irgendwie "Zack Zack" gehen. Außerdem stelle ich in den letzten Jahren fest, dass ich nicht mehr einfach aufwachen, mich anziehen und losfahren kann, weil ich sonst unterwegs einschlafe und das Auto einfach weiterfährt. Das geht manchmal gut (das Auto kennt den Weg), manchmal aber auch nicht (jemand hupt, weil ich ihm auf seiner Spur entgegenkomme). Deshalb muss ich mir jetzt morgens 90 Minuten "Vorlauf" gebe. Das heißt, ich stehe um 3 auf. Das heißt, ich sollte spätestens um 10 schlafen. Das heißt, zwischen nach Hause kommen und schlafen liegen ca. drei Stunden, für alles. Da kann ich jetzt nicht lange herumeiern, sondern diese Zeit muss dann schon irgendwie sinnvoll genutzt werden.
Alle 14 Tagen fahre ich über das Wochenende zu meiner Frau, die 120 km entfernt arbeiten (muss), selbst in Schichten eingesetzt ist und nur jedes zweite Wochenende frei hat.
Über diese Wochenenden schreibe ich vielleicht später mal etwas, weil mir gerade immer wieder ein paar Begriffe aus dem Probekapitel des Gaby-Buches im Kopf tanzen ("Kochwein", "Vorglühen, dann reicht das, was man gemeinsam trinkt", "das ist mir zu stark - na gut, gib her").
Wer jetzt bis hierher durchgehalten hat, weiß natürlich schon lange, worauf ich hinaus will und stimmt mir sofort zu, dass man bei einer so getakteten Woche unausweichlich ein paar Schlafbeschleuniger benötigt, die einen zuverlässig in den Ruhezustand versetzen.
Da ich Medikamente nicht mag und ein tiefes Misstrauen gegen sogenannte "Nahrungsergänzungsmittel" hege (sic!), finde ich, dass dem die natürliche Wirkung von z.B. Hopfen in einer vergorenen Maische vozuziehen ist. Wirkt in meinem Fall absolut zuverlässig, spätestens nach der vierten Dose (also, Dose, nicht Döschen). Alternativ kann man eine Flasche Spätburgunder einsetzen (Bio-). Wenn von einem der Vorrat ungeplant erschöpft ist, geht auch eine Mischung aus beidem.
Harte Sachen mag ich eigentlich nicht so, weil ich immer Schwierigkeiten habe, die zwischen dem Bier und dem Wein noch unterzubringen. Außerdem ist es teuer, wenn man alle zwei Tage Nachschub kauft (siehe oben - wenn es da ist, muss es weg).
Das hat jetzt lustiger geklungen, als es gemeint war. Fakt ist jedenfalls, diese Gewohnheiten haben offensichtlich nichts mit Alkoholismus zu tun. Zumal ich beliebige Tage einschieben kann, in denen ich keinen Alkohol trinke (meistens, wenn ich nicht zum Einkaufen gekommen bin).
Eine Ausnahme sind vielleicht die Wochenenden, an denen ich nicht zu meiner Frau fahre.
Also da räume ich ein, dass es vielleicht mitunter grenzwertig wird und die Grenze zwischen einem natürlichen Schlafbeschleuniger und einem systematischen Vernichten von Vorräten verschwimmen kann. Selbst mir leuchtet in diesem Zusammenhang noch nicht ein, warum man an einem Samstagvormittag um 11 unbedingt bettschwer werden sollte. Aber nun habe ich das ganze gute Zeug am Freitag für das Wochenende gekauft und nun muss es auch weg. Weil es da ist.
Ich habe mir neulich eine Aufgabe gestellt, an der ich seither arbeite. Ich möchte einen vollen Wochendvorrat im Schrank haben und ihn nicht anfassen. Stattdessen möchte ich mich an meine Teetrinkerzeit erinnern (die natürlich exzessiv war, mit 6 oder 7 Kannen grünen Tees am Tag) oder die Faszination erleben, was man mit 5 Liter Mineralwasser am Tag alles erleben kann.
Bisher habe ich das noch nicht geschafft, aber es wäre doch gelacht! Schließlich bin ich es aus meinem Job gewohnt, alle Bälle, die man mir zuwirft, sofort in den Torwinkel zu hämmern. Und die Zigaretten kann ich ja schließlich auch jederzeit weglassen, wie gesagt.
Also sollte das doch kein Problem sein, mit ein wenig gesundem Essen, einem ausgewogenen Flüssigkeitshaushalt und ohne Pillen und Mittelchen.
Ich berichte weiter, auch wenn nach diesem viel zu langen Ausbruch wahrscheinlich niemand von Euch noch Lust hat, das Ergebnis zu lesen ...
Ich wünsche jedem von Euch, die Kraft, die er oder sie auf seinem oder ihrem Weg bislang begleitet hat, nie zu verlieren oder sie zumindest immer wieder herbeiholen zu können.
Und wenn das mal nicht klappt, dann wünsche ich Euch, dass Ihr niemals aufhört, Euch realistische Ziele zu setzen und auf diese zuzugehen, und wenn es nur ein Schritt nach dem nächsten ist.
Willkommen hier bei uns, schön, dass Du da bist. Ich musste Deinen Beitrag extra mal ein wenig sacken lassen. Und immer noch schwanke ich zwischen "das meint er nicht Ernst, da ist eine gehörige Portion Selbstironie drin" (so wie bei mir im Vorwort "natürlich habe ich alles unter Kontrolle, alles normal") oder Du bist tatsächlich noch auf dem (schmerzhaften) Weg zur Erkenntnis, dass Du sehr wohl mindestens ein dickes Alkoholproblem hast.
Allein, dass Du Alkohol zu einem Zweck einsetzt, die Menge und die Regelmäßigkeit sind so was von harte Fakten, die kann niemand wegdiskutieren.
Die Frage ist: Was möchtest Du? Irgendeinen Grund wird es ja haben, dass Du hier bist (das nächste Kriterium übrigens: "Wenn Du anfängst, darüber nachzudenken, ob Du ein Alkoholproblem hast, dann hast Du auch eines.").
Was ist Dein Ziel? Wie möchtest Du leben?
Liebe Grüße
Gaby
@elefantendurst Vielen Dank, es war auch "interessant" es zu schreiben.
Hallo Gaby, tatsächlich war es der Probeabschnitt des Buches, der mich zu dieser Form des Beitrages motiviert hat. An vielen Stellen dieses wirklich toll geschriebenen Abschnittes habe ich mich sofort selbst gelesen, sodass ich mir das Buch auch sicher gönnen werde, auch wenn ich - tatsächlich - starke Vorbehalte gegen Ergänzungsmittel habe. Ich verstehe es aber auch so, dass sich dieser von Dir so beschriebene "Ast" auch an Menschen richtet, die handfeste körperliche zu den handfesten psychischen Symptomen haben, wenn sie aufhören und durchhalten wollen. Wertvolle Erkenntnisse werde ich auf jeden Fall gewinnen, wenn die Schreibe auch nur ungefähr so weiter geht.
Deine Frage ist hervorragend (Schuldigung, das weißt du ja selber, sonst hättest Du sie so nicht gestellt).
Mein Ziel ist ein dauerhaftes Leben ohne Alkohol"genuss", ein Wurfanker bevor es zu spät ist und ich mich als körperlich und psychisch abhängiges Wrack soweit von mir selbst entfernt habe, dass ich mir egal geworden bin. Dabei finde ich es nicht so entscheidend, ob ich mich gegenwärtig als "Missbraucher" oder "Abhängiger" klassifiziere; der Weg wäre so oder so vorgezeichnet, denn ich habe ein ernsthaftes Problem.
@christianbernhardt Herzlich Willkommen und gutes Gelingen, ich habe mich auch jahrelang damit beschäftigt ob ich nur missbrauche oder schon abhängig bin, reine Zeitverschwendung. Fakt ist, wenn man sich schon Gedanken über seinen Konsum macht, hat man ein Problem, sonst würde man sich keine Gedanken machen, so einfach ist das. Ich habe nach 40 Jahren Trinkerei, ungefähr deine Trinkmengen, mit Hilfe des Konzeptes den Alkoholkonsum endgültig eingestellt und es geht mir sehr gut damit.
@soberrebel Vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich stimme Dir zu, dass die Frage allein schon die Antwort sein dürfte.
@christianbernhardt Herzlich willkommen, ich finde Deine Vorstellung und Deinen schwarzen Humor köstlich:-)
Wünsche Dir auch ein gutes Gelingen.





