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Dieser Satz im Titel war einer von mehreren "Mantras", mit denen ich gross geworden bin. Ich tanze schon lange diesen Tango mit dem Alkohol und habe in verschiedenen Fasen gelernt, dass Scham eines der grundlegenden Gefühle ist, dass mich zur Flasche greifen ließ.
Obwohl ich das Meiste aufgearbeitet habe: gewissen Gefühle, die mir schon früh in die Wiege oder den Laufstall gelegt wurden, bleiben meine Trigger. Schuld ("Weisst du überhaupt, was du uns damit antust?") Angst ("Aus dir wird nie etwas. Du wirst sehen: Mama und Papa haben Recht") usw.
Das alles ist schon lange her, ich bin jetzt eine reife Frau und habe keinen Kontakt mehr zu der dysfunktionalen, kranken Familie, in die ich vor 58 Jahren hineingeboren bin.
Ich lebe schon lange im Ausland, die letzten 20 davon in Holland. Bin endlich glücklich verheiratet, denn es gab schon mehrere Anläufe. Doch auch da hat der Wein mir oft die Sicht getrübt oder die Verzweiflung zur falschen Partnerwahl geholfen.
Gestern Abend rief mein Mann mich vom Supermarkt an, ob er doch etwas mitbringen solle. Was zum Knabbern, zum Trinken? ( Mein Mann hat diese tolle "Gabe", nur so ein oder zwei Gläschen zu trinken. Ja, er kann scheinbar davon genießen...) Ich sagte, zu meiner Überraschung: "Nein, bitte keinen Alkohol für mich. Ich will nichts trinken." - Heute morgen öffne ich Facebook und stoße als erstes auf die NDR Sendung zu diesem Thema.
Ab da machte es mehrmals in meinem Kopf "klick, klick, klick"- nämlich jedes Mal, wenn ich "mich" erkannte. Mimi Fidler, die so mutig über den Drehtag sprach, bei dem sie beinah umgekippt ist. Gaby Guzek, die so ehrlich und engagiert an sich arbeitet und dann sogar mit so viel Energie und Überzeugung dieses Forum gegründet hat. Die Journalistin, deren Namen ich nun gerade vergessen habe, die sich morgens auch vor sich selbst schämte, weil "schon wieder ein fremder, nackter Mann" in ihrem Bett lag.
Ich erkenne mich in diesen Frauen, weil auch ich eine erfolgreiche, 'selbstbewusste' Frau bin, der man ihren Weinkonsum nicht anmerkt. Ich arbeite als Trainerin, Coach in einer großen Regierungsbehörde, habe im Erwachsenenstudium noch einmal Psychologie studiert (das war keine zufällige Wahl - da gingen mir so viele Lichter auf!) und schreibe nebenbei Bücher, in denen es auch immer wieder um kranke Familien geht, wie die, in der ich aufgewachsen bin.
Für mich hat alles, was ich bisher erlebt habe, etwas wahnsinnig Wertvolles: ich habe seit ich denken kann "Probleme" als Herausforderung gesehen. Das hat mein Leben so bunt und bewegt gemacht.
Während der Wein nach dem ersten Glas meine Droge war, um diese hemmenden Gefühle wie Scham und Schuld zu betäuben, kam die Abhängigkeit erst später. Plötzlich trank ich auch, wenn es mir gut ging. Erst da sah ich ein, dass mich das, was der Kinderarzt mir bereits mit 4 Jahren verschrieben hat ( "Geben sie ihrer Tochter jeden Abend ein Glas Rotwein, dann wird das schon mit ihrem Gewicht") nicht die Heilung, sondern die Krankheit ist.
Es tut mir leid, dass es so ein langer Text geworden ist. Wenn ich mal anfange zu reden/schreiben, dann höre ich so schnell nicht auf. Aber ich bin nüchtern, während ich diesen Text verfasse und werde es heute auch bleiben.
Ich freue mich, hier mehr herumzustöbern und mich auszutauschen.
Tot ziens,
Noa Lef
Es ist immer wieder ganz furchtbar zu lesen, wie sehr toxische Familien das eigene Leben prägen!!! Ich muss im Moment wieder mal ganz viel weinen wenn ich das alles lese, aber auch das muss vielleicht gerade so sein, denn Weinen, nein, dass konnte ich nur selten. Entweder habe ich es selbst nicht zugelassen oder war einfach innerlich zu versteinert. Im letzten Jahr habe ich während eines Entzug im Einzelgespräch mit der zuständigen Therapeutin ( war tatsächlich mal eine sehr empathische, gute Therapeutin), das 1. Mal im Leben so etwas wie einen Weinkrampf gehabt. Über Stunden konnte ich nicht mehr aufhören, und die Therapeutin saß die ganze Zeit neben mir, hat mich sogar in den Arm genommen, was sie aus therapeutischer Sicht gar nicht gedurft hätte.
Meine Eltern sind beide schon lange tot. Der Tod meines Erzeuger (eine andere Bezeichnung hat er noch immer nicht verdient!!!) hat mich nicht im geringsten tangiert; ich war endlich frei, dachte ich damals jedenfalls. Leider "stehen" Tote zwischendurch auch immer mal wieder auf. Der Tod meiner Mutter war eine absolute Katastrophe für mich! Ich habe ihn jahrelang nicht verkraften und verarbeiten können, Trauer nicht zugelassen, mich stattdessen in noch mehr Arbeit gestürzt. Viel zu lange habe ich sie danach fast glorifiziert, auf ein Podest gehoben, von dem sie dann allerdings im letzten Jahr durch Therapie und einiger schriftlicher Aufzeichnungen ihrerseits, an die ich vorher niemals beigehen wollte, fallen musste. Während ich dies schreibe, zittern meine Hände noch immer. Vielleicht schaffe ich es in den nächsten Wochen einmal mehr darüber zu schreiben; für heute reicht es vorerst.
Eigentlich wollte ich auch nur sagen, dass es unfassbar schlimm ist, wie nachhaltig und prägend die Kindheit, so sie nicht liebevoll, wertschätzend, stabilisierend und stützend war, sein kann. Und hoffe nur, das ich nicht alles bei meinen eigenen Kindern falsch gemacht habe.
Liebe Grüße
@alingo lasse Dir Zeit und weine….
ich durfte auch fühlen, was tagelanges weinen mit mir macht… ich konnte 2 Tage nicht aufhören. Das war vor 12 Jahren.
und während meiner Zeit in der Tagesklinik war ich immer wieder so sehr berührt, dass mir die Tränen kamen
Im Alltag hat sich das wieder gefangen.
freue mich darauf mehr von Dir zu lesen…
lieben Gruß
sandra
@cairni Liebe Sandra, würdest Du mir vielleicht etwas mehr über Deinen Aufenthalt in dieser Tagesklinik erzählen? Wie muss ich mir das vorstellen?
Ich habe vorgestern, beim Termin mit meiner Suchtberaterin, dieser vorerst für einen erneuten stationären Aufenthalt in einer Langzeittherapie, eine ganz deutliche Absage erteilt. Ihrer Meinung nach sollte ich es in einer anderen Klinik nochmals in Angriff nehmen. Allerdings waren die 8 Wochen in der letzten Klinik dermaßen katastrophal, man hatte mir telefonisch alles Mögliche an Therapie versprochen, besonders auch in sportlicher und physiotherapeutischer Hinsicht ( ganz großer Punkt bei mir), und nichts von allem am Ende umgesetzt. Ich sagte bereits, 7 Std. Therapie die Woche, eklatanter Personalmangel, weswegen die Kurzarbeit der noch vorhandenen Mitarbeiter natürlich "sehr sinnvoll" war. Ich bin im Moment nicht bereit, mich auf stationäre Therapie einzulassen; der Schock sitzt zu tief und ist noch zu frisch.
Heißt aber nicht, dass ich mich nicht nach anderen Möglichkeiten umschaue, so es denn passen würde. Deswegen meine Frage nach Deinem Aufenthalt in der Tagesklinik.
Liebe Grüße
@alingo Ganz bestimmt hast du nicht alles bei deinen eigenen Kindern falsch gemacht! Du musstest ja ohne das Vorbild einer Familie selbst Mutter sein. Dadurch hast du sicher viel reflektiert. Zweifelnde Gedanken habe ich auch gehabt, ich stamme auch aus einer dysfunktionalen Familie. Ich habe tatsächlich auch schon sowohl meine Tochter als auch meinen Sohn gefragt, wie sie über ihre Kindheit denken. Das waren wirklich berührende und schöne Gespräche, seitdem kann ich anerkennen, dass ich eine gute Mutter war beziehungsweise bin. Vielleicht sind gerade die gute Eltern, die öfter an sich selber zweifeln und trotzdem ihren Weg gehen!
Das berührt mich sehr und zeigt einfach, wie sehr Deine Mutter sich um Dich Sorgen gemacht hat.
Nun ja, sich Sorgen machen ist ein zweischneidiges Schwert. Mich hat es genervt. Ständig wurde mir sorgenvoll in mein Leben reingeredet. Der Tod meiner Mutter war für mich eine Erlösung. Meine Pateneltern haben auf die gleiche Weise genervt „mach dies, lass jenes, besser so, nicht so, wieso weshalb warum, bla bla bla“
Ich denke, in der Sorge meiner Mutter um meinen Werdegang steckte auch viel Selbstmitleid und der Umstand, dass sie mit sich selbst nicht im reinen war. Ich war sicherlich nie der empathische und fürsorgliche Sohn. Hätte sie einen haben wollen, hätte sie mich zu einen solchen machen müssen, hat sie aber nicht. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.
Ich habe mich auch nie um meine Kinder gesorgt oder meine Kinder für mein Seelenheil verantwortlich gemacht. Auch wenn das manchmal den Eindruck vermittelt, mir seien meine Kinder egal. Ich war immer nur da und habe sie sorglos begleitet. Ich habe auch meine Mutter bis zum bitteren Ende begleitet.
Ein paar Highlights die mir in Erinnerung geblieben sind:
Bezüglich meiner jetzigen Frau war der erste Kommentar meiner Mutter „eine Schönheit ist sie ja nicht gerade“
Wenn ich in Mathe eine zwei und in Deutsch eine vier auf dem Zeugnis hatte, hieß es „wieso in Deutsch nur eine vier?“
Als ich mit der Bravo und Dr. Sommers Aufklärungsrubrik nach Haus kam hieß es „Hast Du sowas nötig?“
Als mein Vater gestoben ist, damals war ich ca. 16, kam sie abends aus dem Krankenhaus, hat mich kurz in den Arm genommen und sagte: „Jetzt hast Du keinen Papa mehr“. Anschließend ging es für mich ins Bett und an eine weitere Aufarbeitung des Themas kann ich mich nicht erinnern. Tage nach der Beerdigung hat mich eine ältere Dame aus der Nachbarschaft, die auch auf der Beerdigung war, darauf angesprochen, dass ich meine Mutter während der Beerdigung doch mal tröstend in den Arm hätte nehmen müssen, was ist Stoffel natürlich nicht getan habe. Heute frage ich mich, warum sie es nicht meiner Mutter gesagt hat.
Ich war zum Spielen auch immer bei meinen Freunden zuhause, wo die Bravo unkommentiert zur Normalität gehörte. Wir waren so gut wie nie bei mir zu Hause. Das war damals keine bewusste Entscheidung, es hat sich so ergeben. Und alle meine Freunde, mit denen ich laut meiner Mutter geistlos zusammenhockte, haben ihren Weg gefunden.
Ich habe auch in Studentenzeiten immer bei meiner jetzigen Frau in ihrem Zimmer, in ihrer elterlichen Wohnung übernachtet, obwohl die Wohnverhältnisse dort wesentlich beengter waren als in meinem Elternhaus. Die Eltern meiner Frau waren zwar längst nicht so feinsinnig und gebildet wie meine Eltern, haben uns dafür aber nie in unseren Lebenswandel reingelabert. Rückblickend sagt meine Frau zwar, dass sie etwas viel Laissez-Faire mit ihren Eltern erleben musste, ich habe es aber damals regelrecht genossen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es sowas überhaupt gibt.
Ich hege keinerlei Groll gegen meine Mutter, weil niemand aus seiner Haut raus kann und es gute Gründe gibt, warum sie so war, wie sie war. Und es ist auch nicht so, dass ich meine Kindheit und Jugend als vollkommen versaut empfinden. Ich weiß aber sehr gut, dass meine Mutter etwas aus mir gemacht, so wie jede Mutter etwas aus ihren Kindern macht und ich schaue relativ emotionslos und analytisch drauf zurück.
Gruß Matthias
@alingo https://www.alkohol-ade.com/community/erzaehlen-sie-wies-ihnen-geht/ca-4-neustart-in-meinem-leben/
hi, hier ist mein Thread… und den Alltag in der Tagesklinik beschreibe ich wohl ganz gut…
sonst frage, wobei Corona überall für Einschränkungen sorgt 🤨
Eigentlich wollte ich auch nur sagen, dass es unfassbar schlimm ist, wie nachhaltig und prägend die Kindheit, so sie nicht liebevoll, wertschätzend, stabilisierend und stützend war, sein kann. Und hoffe nur, das ich nicht alles bei meinen eigenen Kindern falsch gemacht habe.
Das ist zum einen richtig, weil man quasi als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt. In den Genen liegen alle Möglichkeiten und die weiteren Umstände bestimmen, welche Möglichkeiten Wirklichkeit werden.
Andererseits gibt es auch sowas:
Damit ich bei meinen Kindern nichts falsch mache, habe ich sicherheitshalber wenig bis nichts gemacht. Jetzt sind meine Kinder 22 und 23 und bis jetzt scheint es so, als ob das Konzept halbwegs aufgegangen ist.
Gruß Matthias
@ladida Danke Dir von Herzen!!! Ja, ich hoffe, dass es so ist, wie Du es beschreibst.
@trosinette Deine Antworten gefallen mir sehr gut, bzw. spiegeln viel von dem, was ich ebenfalls so oder ähnlich bei meinen Kindern gehändelt habe. Ich muss noch ein wenig darüber nachdenken ... Danke für diese Denkanstöße.
Ich muss noch ein wenig darüber nachdenken
Hallo,
ich weiß nicht, wie es bei Dir ist, Ergänzend möchte ich aber in meinem Fall hinzufügen, dass meine Kindheit und Jugend keinesfalls traumatisch waren. Sie haben mich nur zu dem gemacht was ich heute bin und dazu gehört meines Erachtens auch meine Sucht.
Ich habe auch viele positive Seiten mitbekommen. Wenn ich mal etwas machen, mache ich es ambitioniert, gewissenhaft, ausdauernd und akribisch. Ich habe einen Sinn für Musik und trockenen Humor, bin zuverlässig - wenn ich jemanden sage, dass ich dieses oder jenes mache, dann mache ich es auch, sofern es nicht mit meinen Sachverhalten zusammenhängt und vieles mehr.
Nicht zuletzt zeichnet mich ein gewisser Optimismus aus und die Gewissheit, dass es das Schicksal gut mit mir meint und bisher nicht der geringste Grund besteht, dass nicht jeder Tag ein perfekter Tag sein könnte, sofern ich demnächst auch noch meine Nikotinsucht überwinde. Ich wage sogar zu behaupten, dass mich die Querelen mit meiner Sucht erst in die Lage versetzen, den perfekten Tag überhaupt als solchen zu erkennen. Viele „normale“ Menschen lassen sich den Perfekten Tag bis an ihr Lebensende entgehen und reiben sich täglich an unbedeutenden Kleinigkeiten auf - ärgern sich über laute Kinder, den Nachbarn, Kollegen, Benzinpreise, die politische Großwetterlage, hadern mit ihrer Vergangenheit oder trauern verpassten Chancen nach.
Mit freundlichen Grüßen
Schneider





