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Hunger als Rückfall-Risiko – warum der Blutzucker über die Abstinenz entscheidet

    Was ist eines der größten Rückfall-Risiken überhaupt? Nicht Stress. Nicht die Geburtstagsfeier. Sondern etwas, das man mit einem Käsebrot lösen kann. Warum kennt das kaum jemand – obwohl Bill W. es schon 1968 wusste?

    Gaby Guzek
    Gaby Guzek M.A. Medizinjournalistin · Bestsellerautorin · Sobriety-Coach

    Es ist Nachmittag, irgendwann gegen drei. Die Stimmung kippt. Alles nervt, die Konzentration ist weg, eine diffuse Unruhe kriecht hoch. Das Suchtgedächtnis meldet sich sofort: Du brauchst jetzt einen Drink. Das hat doch immer geholfen.

    Falsche Diagnose. Was Du tatsächlich brauchst, ist ein Käsebrot.

    Hunger und Durst sind zwei der am meisten unterschätzten Rückfall-Risiken überhaupt. Nicht Stress, nicht die Geburtstagsfeier mit dem Prosecco-Onkel – sondern ein leerer Magen und ein Gehirn, das Körpersignale nicht richtig zuordnen kann. Es registriert zuverlässig: Hier fehlt etwas. Aber was genau? Keine Ahnung. Und das Suchtgedächtnis liefert prompt seine einfallslose Standardantwort.

    HALT – die vier Buchstaben, die viele vergessen

    In der Suchttherapie gibt es eine alte Faustregel, vier Buchstaben: HALT. Hungry, Angry, Lonely, Tired – hungrig, wütend, einsam, müde. Vier Zustände, in denen das Risiko für einen Rückfall steil nach oben geht. Die Formel ist seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem vergessen die meisten sie im Alltag, und vor allem den ersten Buchstaben: das H.

    Warum der Blutzucker so eine große Rolle spielt

    Viele frisch Abstinente haben über Wochen einen instabilen Blutzuckerspiegel. Alkohol enthält schnell verfügbare Energie. Sobald er ins Blut gelangt, schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus. Das Insulin drückt den Blutzucker nach unten. Gleichzeitig blockiert Alkohol die Leber dabei, neuen Zucker nachzuliefern. Wer jahrelang getrunken hat, dessen Blutzuckerregulation hat sich an diesen Takt gewöhnt. Fällt der Alkohol weg, braucht das System Wochen, bis es wieder stabil läuft.

    Niedriger Blutzucker erzeugt Reizbarkeit, Erschöpfung und diffuse Unruhe – genau den Zustand, den das Suchtgedächtnis als Startschuss nutzt. Es flüstert dann nicht „Du hast Hunger”, sondern „Du brauchst jetzt einen Drink”. Bereits 1968 forderte Bill W., der Mitgründer der Anonymen Alkoholiker, die Behandlung von Unterzuckerung als festen Bestandteil der Suchttherapie. Über fünfzig Jahre her. In den gängigen Leitlinien sucht man das Thema bis heute vergeblich.

    Der Gegenangriff ist einfach

    Drei feste Mahlzeiten, dazu zwei kleine Zwischenmahlzeiten. Komplexe Kohlenhydrate, etwas Protein – das hält den Blutzucker stabil. Eine Handvoll Nüsse, ein Joghurt, ein Stück Käse. Und: nach dem Stundenplan essen, nicht nach dem Hungergefühl. Denn das Hungergefühl kommt zu spät, besonders am Nachmittag. Da klafft bei fast jedem ein Blutzucker-Loch. Wer zusätzlich Traubenzucker in der Tasche hat, besitzt eine Notbremse für den Akutfall – keine Dauerlösung, aber im Moment Gold wert.


    Warum Hunger und Durst die gefährlichsten Rückfall-Risiken sind, was die Blutzucker-Achterbahn mit dem Suchtgedächtnis macht und wie ein persönlicher Notfallplan aussieht – das beschreibt Rückfall adé von Dr. med. Bernd Guzek und Gaby Guzek im Detail.


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    Warum ist Hunger ein Risiko für einen Alkohol-Rückfall?

    Das Gehirn ist schlecht darin, Körpersignale richtig zuzuordnen. Ein niedriger Blutzucker erzeugt Reizbarkeit, Erschöpfung und Unruhe – und das Suchtgedächtnis interpretiert diesen Zustand als Trinksignal. Es meldet nicht „Du hast Hunger”, sondern „Du brauchst einen Drink”. Regelmäßiges Essen hält den Blutzucker stabil und nimmt dem Suchtgedächtnis diese Vorlage.


    Was bedeutet die HALT-Regel in der Suchttherapie?

    HALT steht für Hungry, Angry, Lonely, Tired – hungrig, wütend, einsam, müde. Diese vier Zustände erhöhen das Rückfallrisiko erheblich. Die Faustregel hilft, im Alltag rechtzeitig gegenzusteuern: Wer merkt, dass einer dieser Zustände eintritt, sollte sofort handeln – essen, sich beruhigen, Kontakt suchen oder ruhen.


    Wie stabilisiere ich meinen Blutzucker in der Abstinenz?

    Drei feste Mahlzeiten und zwei kleine Zwischenmahlzeiten pro Tag, mit komplexen Kohlenhydraten und etwas Protein. Wichtig: Nach dem Stundenplan essen, nicht nach dem Hungergefühl – das meldet sich oft zu spät. Besonders am Nachmittag klafft bei den meisten ein Blutzucker-Loch. Traubenzucker in der Tasche dient als Notbremse für den Akutfall.


    Warum ist auch Durst ein unterschätztes Rückfall-Risiko?

    Dehydration erzeugt ähnliche Symptome wie niedriger Blutzucker: Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme. Das Suchtgedächtnis kann auch diese Signale als Trinkverlangen fehlinterpretieren. Wer über den Tag verteilt mindestens zwei Liter Wasser trinkt, nimmt dem Gehirn eine weitere Fehlerquelle.


    Redaktionelle Texte werden überprüft von Dr. med. Bernd Guzek. Die Inhalte auf dieser Website ersetzen keine ärztliche Beratung.

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