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Alkoholfreies Bier in der Abstinenz – riskant oder harmlos?

    Ein Glas bernsteinfarbenes alkoholfreies Bier mit feiner Schaumkrone steht auf einer rustikalen Holzoberfläche. Auf dem leicht beschlagenen Glas spiegelt sich warmes, natürliches Licht. Daneben liegt eine kleine Karte mit der Aufschrift „0,0 %“. Die ruhige, nachdenkliche Stimmung wirkt unaufgeregt und neutral.

    Ich werde das sehr oft gefragt: Ich trinke keinen Alkohol mehr – darf ich wenigstens ein alkoholfreies Bier trinken? Die ehrliche Antwort ist unbefriedigend, aber sie ist die einzig richtige: Es kommt drauf an. Hier ist, worauf.

    Von Gaby Guzek

    Ich trinke keinen Alkohol mehr. Kann ich dann wenigstens ein alkoholfreies Bier trinken? Oder mit alkoholfreiem Sekt anstoßen? Die Frage klingt simpel. Die Antwort ist es nicht. Und sie wird – das kann ich aus der Praxis sagen – für fast jeden, der abstinent lebt, irgendwann zum Thema.

    Schauen wir also zunächst in die wissenschaftliche Literatur. Die ist da leider nicht ganz eindeutig. Es gibt tatsächlich nur zwei Studien, die sich ernsthaft mit dieser Frage befasst haben – und ihre Ergebnisse sind nicht hundertprozentig klar. Trotzdem lässt sich daraus etwas ableiten. Leider, muss man sagen: Die alkoholfreien Varianten können ein Rückfallrisiko darstellen.

    Das Suchtgedächtnis schläft – aber es lebt weiterhin

    Eigentlich ist das gar nicht so schwer zu verstehen. Wer mal getrunken hat, läuft mit etwas durch die Gegend: dem Suchtgedächtnis. Das Dopaminsystem ist es gewohnt: Bier, Wein, Sekt – und dann kommt der Kick. Das Belohnungsgefühl. Das wohlige Entspannen danach. Bleibt der Kick aus – weil das Bier nun mal alkoholfrei ist – meldet sich das Belohnungssystem zu Wort. Es klopft an. Es fragt: Hallo, wo bleibt denn der Funpart?

    Das ist klassische Konditionierung. Der Biergeschmack, das Glas in der Hand, der Geruch – das sind Trigger, die das Gehirn mit einer konkreten Erwartung verknüpft hat. Und wenn diese Erwartung enttäuscht wird, kann Craving entstehen – das drängende Verlangen nach der alkoholhaltigen Variante. Schneller, als es einem lieb ist.

    Wichtig: Das Suchtgedächtnis löscht sich durch Abstinenz nicht. Die neuralen Verknüpfungen bleiben bestehen – sie werden nur mit zunehmender Abstinenzzeit von neuen Mustern überlagert. Ein starker Trigger wie Biergeschmack kann diese alten Spuren reaktivieren.

    Manche können es – aber man weiß vorher nicht, wer

    Jetzt zur Praxis, und die ist ehrlich gesagt etwas tröstlicher. Ich habe Klienten, die das durchaus können. Die nach einer Phase der kompletten Abstinenz – und komplett bedeutet eben auch: kein alkoholfreier Wein, kein alkoholfreies Bier, gar nichts – die dann irgendwann tatsächlich ein alkoholfreies Bier trinken können, ohne dass es zum Problem wird. Die mit alkoholfreiem Sekt anstoßen, und der Abend läuft gut.

    Nur: Das weiß man vorher nicht. Das kann man schlicht nicht wissen. Bei anderen wird das Suchtgedächtnis schon aktiv, wenn sie nur ein leeres Weizenglas anfassen.

    Was sich aus den beiden Studien noch ableiten lässt: Je schwerer die Abhängigkeit war, desto größer ist das Risiko. Wer wirklich tief drin hing, für den ist das alkoholfreie Bier ein stärkerer Trigger als für jemanden, der sich eher im Graubereich aufhielt – und der das Trinken vielleicht sogar ohne professionelle Hilfe einfach sein gelassen hat. Denn ja, auch das geht. Dazu habe ich bereits ein eigenes Video gemacht.

    Was ist mit dem Priming-Effekt?

    Es gibt noch einen Aspekt, der in diesem Zusammenhang wichtig ist: das sogenannte Priming. Gemeint ist die Beobachtung, dass schon ein einziger Schluck – oder in diesem Fall: schon der Geschmack, der Geruch, das Ritual – das Verlangen nach mehr entfesseln kann. Das Gehirn reagiert auf den Reiz, nicht auf den Alkoholgehalt. Für manche genügt das.

    Was soll man also tun?

    Es hängt stark vom Einzelnen ab – das ist die ehrliche Antwort, auch wenn sie unbefriedigend klingt. Das Ausprobieren selbst ist schon ein kleines Risiko. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, lässt es einfach. Und sucht sich auf der Karte etwas anderes Schönes aus.

    Alternativen gibt es nun wirklich mehr als genug: Fruchtschorlen, Mocktails – also alkoholfreie Cocktails –, Tonic mit Limette, alkoholfreie Gin-Alternativen mit ordentlich Eis und einem Spritzer. Es muss nicht immer Wasser oder Cola sein. Die Getränkekarten in guten Restaurants sind da in den letzten Jahren deutlich mutiger geworden.

    Tipp: Eine Phase vollständiger Abstinenz – ohne alkoholfreie Substitute – bildet die beste Grundlage. Wer danach mit alkoholfreiem Bier experimentieren möchte, tut das mit einem stabileren Fundament und mehr Klarheit darüber, wie das eigene Suchtgedächtnis reagiert.

    Fazit: Kein klares Ja, kein klares Nein

    Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – das gilt hier wirklich. Die Wissenschaft liefert kein eindeutiges Urteil, weil die Studienlage dünn ist und weil Menschen nun mal verschieden sind. Was sich sagen lässt: Ein kleines Rückfallrisiko besteht. Wer tief abhängig war, trägt ein größeres. Und wer das Risiko lieber ganz meidet, verliert dabei rein gar nichts – außer vielleicht einem Biergeschmack, der sich gut ersetzen lässt.

    Video: Alkoholfrei anstoßen: Geht das – oder ist das eine Falle?

    Videotranskript: Darf ich als abstinenter Mensch alkoholfreies Bier trinken?

    Ich trinke ja jetzt keinen Alkohol mehr. Geht dann mal ein alkoholfreies Bier oder ein alkoholfreier Wein? Wenn das so leicht zu beantworten wäre. Das ist eine etwas knifflige Frage — aber eine, die für fast jeden, der abstinent lebt, relativ schnell zum Thema wird.

    Deshalb schauen wir uns zunächst mal die wissenschaftliche Literatur an. Die ist da leider nicht ganz eindeutig. Es gibt tatsächlich nur zwei Studien, die sich damit ernsthaft befasst haben — und die Ergebnisse sind nicht hundertprozentig klar. Trotzdem lässt sich daraus ableiten, leider muss man das sagen, dass die alkoholfreien Varianten durchaus ein Rückfallrisiko darstellen können.

    Eigentlich ist es auch gar nicht so schwer zu verstehen. Wer mal getrunken hat, läuft mit etwas durch die Gegend, das nennt sich Suchtgedächtnis. Unser Dopaminsystem ist es gewohnt: Wenn wir Bier, Wein oder was auch immer trinken, kommt der Kick. Der Dopaminkick. Und wir fühlen uns danach gut. Bleibt der aus — weil das Bier oder der Wein nun mal alkoholfrei ist — meldet sich das Suchtgedächtnis. Es klopft an und fragt: Hallo, wo bleibt denn der Funpart? Und dann ist die alkoholhaltige Variante schneller zur Hand, als es einem lieb ist.

    Das muss aber nicht so sein. Und jetzt kommen wir von der Wissenschaft zur Praxis.

    Ich habe einige Klienten, die das durchaus können. Die nach einer Zeit der kompletten Abstinenz — und komplett bedeutet eben auch: kein alkoholfreier Wein, kein alkoholfreies Bier — die dann tatsächlich ein alkoholfreies Bier trinken können, mit alkoholfreiem Sekt anstoßen, ohne dass es ein Problem wird. Nur: Das weiß man vorher nicht. Das kann man eigentlich nicht wissen.

    Was sich aus den Studien, die ich eingangs erwähnt habe, noch ableiten lässt: Je schwerer die Abhängigkeit war, desto größer ist das Risiko. Wer wirklich tief drin hing, für den ist das alkoholfreie Bier ein stärkerer Trigger als für jemanden, der sich eher im Graubereich aufhielt — und der das Trinken vielleicht sogar ohne professionelle Hilfe einfach sein gelassen hat. Denn ja, auch das geht.

    Was soll man also raten? Ehrlich gesagt: Es hängt stark vom Einzelnen ab. Und das Ausprobieren selbst ist schon ein kleines Risiko.

    Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, lässt es. Einfach. Und sucht sich auf der Karte etwas anderes Schönes — es gibt tolle Fruchtschorlen, Mocktails, also alkoholfreie Cocktails. Alternativen gibt es nun wirklich mehr als genug, und es muss nicht immer Wasser oder Cola sein.

    Als Fazit: Es gibt kein klares Ja oder Nein. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und wenn man es wissenschaftlich abwägen soll: Ein kleines Risiko besteht.

    Ich hoffe, ich konnte trotzdem hilfreich sein — und freue mich, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid. Bis dann!

    Häufig gestellte Fragen zu “Alkoholfrei ja oder nein?” (FAQ)

    Darf ich als abstinenter Mensch alkoholfreies Bier trinken?

    Pauschale Antwort gibt es keine – das hängt vom Einzelnen ab. Die wenigen vorhandenen Studien deuten darauf hin, dass alkoholfreies Bier das Suchtgedächtnis aktivieren und Craving auslösen kann, weil Geschmack, Geruch und das Ritual als Trigger wirken. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, lässt es – zumindest in der ersten Phase der Abstinenz.

    Ist alkoholfreier Wein in der Abstinenz gefährlicher als alkoholfreies Bier?

    Das lässt sich aus der aktuellen Studienlage nicht klar beantworten. Entscheidend ist nicht die Getränkeart, sondern ob das jeweilige Getränk für die betreffende Person ein Trigger war. Wer früher hauptsächlich Bier getrunken hat, ist bei alkoholfreiem Bier stärker gefährdet als bei alkoholfreiem Wein – und umgekehrt.

    Kann alkoholfreies Bier einen Rückfall auslösen?

    Es kann. Das Suchtgedächtnis reagiert auf Reize – Geschmack, Geruch, Ritual – und löst eine Erwartungsreaktion aus. Bleibt der Alkohol aus, kann das Verlangen nach der alkoholhaltigen Variante entstehen. Je schwerer die frühere Abhängigkeit war, desto wahrscheinlicher ist dieser Mechanismus.

    Manche sagen, sie können problemlos alkoholfreies Bier trinken. Stimmt das?

    Ja – es gibt Menschen, die das können, und zwar nach einer Phase vollständiger Abstinenz. Das Problem: Man weiß vorher nicht, ob man dazugehört. Das Ausprobieren selbst ist schon ein kleines Risiko, das jeder für sich bewusst eingehen oder lassen muss.

    Was kann ich statt alkoholfreiem Bier oder Wein trinken?

    Die Auswahl ist heute deutlich größer als noch vor einigen Jahren: Fruchtschorlen, Mocktails (alkoholfreie Cocktails), Tonic Water mit Limette, alkoholfreie Gin- oder Bier-Alternativen mit gutem Geschmack. Es muss nicht Wasser oder Cola sein – und auf einer guten Getränkekarte findet sich fast immer etwas Schönes.

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    Bild: Gaby Guzek vor leeren Weingläsern,

    Gaby Guzek

    Ehemalige Betroffene, Bestsellerautorin, Coach & Mitbegründerin von Alkohol adé

    Hat es sich zum Ziel gesetzt, die Neurobiologie der Sucht bekannter zu machen und damit Betroffenen Schuld- und Schamgefühle zu nehmen.

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