Ein anonymer Erfahrungsbericht aus dem Alkohol adé-Forum. Zum geschützten Austausch für Betroffene
Bei mir ist es der dritte Sommer. Anfangs hatten wir auf Reisen ein bisschen Bammel, aber dann war es nur merkwürdig, seltsam, ungewohnt, aber nicht negativ sondern eher: „Ach schau, früher haben wir jetzt schon gesoffen…“ Oder „dort haben wir früher immer xy getrunken“. Zuerst gab es für uns dann Eistee oder Limonaden (in Urlaubsgebieten gibt es sowas häufiger – sehr lecker!), nach einer Weile, da es uns nicht triggert, haben wir ab und zu auf die alkoholfreien Varianten umgestellt, also alkoholfreie Cocktails/Radler/Bier. Geht halt wirklich nur wenn man keine Trigger damit hat!! …
Fachliche Einordnung durch Dr. med. Bernd Guzek: Abstinenz im Urlaub und das Suchtgedächtnis
Warum lösen vertraute Urlaubsorte nach dem Alkoholentzug so hartnäckig Erinnerungen ans Trinken aus – und wie gelingt der Umgang damit in der Abstinenz?
Was diese Forenbeschreibung so treffend zeigt, ist ein klassisches Phänomen des Suchtgedächtnisses: Orte, Gerüche und Situationen, die früher fest mit dem Trinken verknüpft waren, aktivieren im Gehirn gespeicherte Assoziationen – auch noch Jahre nach dem letzten Glas. Das ist keine Schwäche, sondern Neurobiologie. Entscheidend ist, was die Autorin ebenfalls beschreibt: Die Reaktion bleibt aus, wenn kein Trigger mehr gezogen wird – das Unbehagen verwandelt sich in ruhige Beobachtung. Alkoholfreie Alternativen wie Eistee oder alkoholfreies Bier können in der Abstinenz sinnvoll sein, setzen aber voraus, dass diese Produkte kein Craving auslösen. Wer das bei sich nicht ausschließen kann, sollte auf sie verzichten. Dass sich nach mehreren abstinenten Sommern ein neues Erleben von Urlaub entwickelt, ist kein Zufall – das Gehirn lernt um, und neue positive Erinnerungen überlagern die alten Trinkmuster.
Häufig gestellte Fragen zu Abstinenz im Urlaub und Triggern (FAQ)
Warum denke ich im Urlaub so oft ans Trinken, obwohl ich schon lange abstinent bin?
Urlaubsorte sind oft eng mit früheren Trinksituationen verknüpft. Das Gehirn hat diese Verbindungen im Suchtgedächtnis gespeichert – sie können durch Orte, Gerüche oder Rituale reaktiviert werden, ohne dass ein echtes Verlangen nach Alkohol besteht. Mit zunehmender Abstinenz werden diese Reaktionen in der Regel schwächer.
Sind alkoholfreie Biere und Cocktails im Urlaub eine gute Idee bei Alkoholabhängigkeit?
Das hängt individuell davon ab, ob diese Getränke ein Craving auslösen. Für manche Menschen in der Abstinenz sind sie eine unkomplizierte Alternative – für andere können Geschmack, Geruch oder die Trinksituation selbst zum Trigger werden. Wer unsicher ist, sollte sie zunächst meiden.
Wird Urlaub ohne Alkohol mit der Zeit leichter?
Ja. Viele Betroffene berichten, dass das anfängliche Unbehagen in späteren Sommern abnimmt oder ganz verschwindet. Das Gehirn baut durch wiederholte positive Erfahrungen neue Erinnerungen auf, die die alten Trinkmuster schrittweise überlagern.

