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Hallo in die Runde,
Ich bin schon länger Mitglied im Forum. Lese viel mit. Bin begeistert von den Geschichten und tief berührt von der tollen Unterstützung die Andere hier erfahren. Bislang habe ich mich nicht getraut selbst zu schreiben – in meiner Situation ist Anonymität absolut notwendig und unumstößlich. Deshalb ist es schwierig abzuwägen, was ich von mir preisgeben möchte/kann und was nicht. Aber hier ist ein Versuch:
Ich habe mich Ende letzten Jahres dazu entschieden eine sehr sichere Arbeitsstelle gegen eine weitere Ausbildung zu tauschen. Diese ist nur in Vollzeit möglich, ist finanziell nicht attraktiv und bringt mich sehr an meine Grenzen. Aber es ist das, was ich schon immer machen wollte. Ich erfülle mir gerade einen Traum. Der Weg bis zum Abschluss im Januar fühlt sich aber häufig eher wie ein Alptraum an. Es gibt unglaublich viele Prüfungssituationen, eigentlich stehe ich permanent unter Beobachtung. Ich bin nicht mehr 25 und auch noch nicht 50. Es ist also schon eine große Herausforderung nach Jahren fest im Job den Kopf wieder umzustellen auf Lernen und ganz unten nochmal anzufangen.
Heute ist der 18. September 2025. Ich sitze am Schreibtisch. Gestern war frei, heute auch. Eigentlich wollte ich gestern einen Großteil meiner Arbeit für die nächste Prüfung kommenden Woche fertig schreiben. So schon auch am Dienstagabend. Was war: jedes Mal habe ich abends getrunken. Ab dem ersten Bier oder Glas Wein fällt es mir schwer aufzuhören. Es kann schon mal bei einem kleinen Bier (0,33) und anschließend 2-3 Gläsern Wein (jeweils 0,1) enden. Der Weg von Entspannung zu Lethargie ist kurz. Jedes Mal endet dann aber die Motivation das zu tun, was ich mir vorgenommen habe. Nichts mehr mit produktiver Arbeit oder die Vorbereitungen für den nächsten Tag erledigen. Nichts mehr mit klaren Gedanken. Immer endet es damit, dass ich gleichgültig werde, mir alles egal ist. Ich bin genervt von den Kindern und werde müde und träge. Sehe sinnlos Reels auf Facebook und entscheide mich dann ins Bett zu gehen. An Arbeit und klare Gedanken ist nicht zu denken. Was das soll? Keine Ahnung. Es ist eine Flucht aus der Situation. Die mich überfordert. Und immer aber auch überfordernder wird, weil ich die wichtigen Dinge nicht schaffe. Ohne etwas zu trinken, wäre das alles gut, wenn auch nicht locker, schaffbar.
Wenn ich es doch einmal schaffe, nichts zu trinken, was selten vorkommt, bin ich morgens wacher. Der Kopf ist klarer. Ich fühle mich ausgeruhter und habe mehr Energie. Neulich habe ich an einem solchen Tag gut gelernt, meine ToDos erledigt und war deutlich zufriedener und entspannter.
Wenn ich abends oder besser ab 16 Uhr getrunken habe, dann bin ich morgens sehr schlecht gelaunt. Habe ja am Vortag nichts gebacken bekommen, bzw. kommt jetzt ja noch alles zu den morgendlichen Aufgaben dazu, was ich nicht erledigt habe. Ich komme nicht aus dem Bett, bin müde und antriebslos. Dann lieber zum Handy gegriffen und sich wieder in anderer Leute Welten verlieren. Das verschärft die Situation nur noch. Sauer bin ich dann aber auf meinen Partner, der sich auch mal fünf Minuten länger nimmt, und auf die Kinder, die ich morgens dann als anstrengend empfinde. In der Rückschau auf den Tag fühle ich mich dann als schlechte Mutter.
Aktuell kommen die Prüfungssituationen dazu. Wegen der Abschlussprüfung im Januar, kann ich nicht so wie ich will an den Familienurlauben teilnehmen. Die Zeit brauche ich dringend zur Vorbereitung. Aber es ist jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn die Kinder mit dem Papa einen Ausflug machen oder in den Urlaub fahren und ich nicht mit kann. Ja, alle sagen: dann ist es doch bald geschafft. Ich bin aber keine 25 mehr: ich möchte etwas von und mit meinen Kindern erleben. Vor der Einstellung steht die Untersuchung beim Amtsarzt mit großem Blutbild und allem, was dazugehört. Also heißt es jetzt wirklich die Reißleine ziehen und gesünder leben. Im Moment sitze ich zu viel, ernähre mich schlecht und bin permanent gestresst. Das viele sitzen und die schlechte Haltung haben zu erheblichen Rückenproblemen geführt. Dafür brauche ich also eigentlich auch Zeit und Energie.
Und dazu kommt noch mein Gefühl, für Alles und Jeden verantwortlich zu sein. Die Kinder ständig auffordern zu müssen. Mein Mann verlässt sich auch auf mich. Es gibt zwar Absprachen, was er macht, aber am Ende erinnere ich ihn dann daran. Ansonsten wird unsere Tochter von ihm als Letztes in der Kita abgeholt. Essen planen, Einkaufen, an Geburtstage denken und dafür Geschenke besorgen, die Feiern der Kinder planen, Termine im Blick behalten. Alles meins. Auch wenn er sagt, er kümmert sich drum. Am Ende möchte ich nicht, dass eines meiner Kinder bei einem Freund ohne Geschenk auf der Geburtstagsfeier stehen muss.
Irgendwo muss ich jetzt aber mal anfangen. Ich hab schon so viel gelesen, gehört, gesehen was mit dem Thema Alkohol zu tun hat. Immer warte ich insgeheim darauf, dass es einfach „Klick“ macht und es dann läuft. Mit der Zeit habe ich eingesehen, dass es wirklich Arbeit ist und leider kein Ritter auf einem weißen Pferd kommt, der mich da raus zieht, sondern ich das ganz alleine für mich machen und schaffen muss. Immer wieder habe ich davor kapituliert und mich immer wieder, jeden Morgen aufs Neue wie eine Versagerin gefühlt.
Der Vorsatz am Morgen nichts zu trinken etc. steht felsenfest bis er gegen Abend in ein „vielleicht doch“ und dann in ein „jetzt ist es eh schon egal“ mündet. Ein ewiger Kreislauf, auf den ich keine Lust mehr habe.
Einzusehen, dass es viel eigene Arbeit ist, vor dem Hintergrund eines eh schon riesigen Berges an Arbeit, Lernen, Kinder, Haushalt, Garten etc. ist entmutigend. Trotzdem will ich es nicht mehr länger auf die lange Bank schieben. Irgendwann muss ich mal anfangen und einen idealen Zeitpunkt wird es nie geben.
Das ist jetzt etwas länger geworden als beabsichtigt und auch durcheinander. Aber so kommen die Gedanken gerade und zeigen ein wenig das Chaos in meinem Kopf.
Ich hoffe, dass ich bald meinen Nickname von „regen“ in „sonne“ ändern kann. Erstes ToDo heute Morgen war es Facebook vom Handy zu löschen. So ist es nicht ganz so einfach abzutauchen. Es geht jetzt um meine Welt und nicht um die der Anderen.
Viele Grüße regen
Liebe regen,
deine Offenheit hat mich sehr berührt. Es ist nicht leicht, so klar und ehrlich über die eigene Situation zu schreiben, und ich finde es mutig, dass du dich hier gezeigt hast. In vielem, was du beschreibst, habe ich mich sofort wiedergefunden.
Die Situation mit den Kindern kenne ich zwar nicht, weil ich selbst keine habe. Aber ich habe im Alter von 50 Jahren noch einmal zu studieren begonnen – mit einem fordernden Job, in dem Alkohol für mich schon länger ein Ventil war. Während meines Studiums habe ich zwar alle Prüfungen beim ersten Mal geschafft, aber ich war bei manchen, die am Morgen stattfanden, noch verkatert. Sogar bei meiner Defensio, die mittags stattfand, war ich am Vortag betrunken gewesen. Ich weiß also sehr gut, wie sich diese Mischung aus Leistungsdruck, Erschöpfung und Alkohol anfühlt.
Den Klick, von dem du schreibst, auf den habe ich auch lange gewartet. Ich habe irgendwann erkannt: er kommt nicht so, wie man ihn sich ausmalt. Für mich war der Klick der Moment, an dem ich das erste Glas stehen ließ. Und dann der nächste Klick, wenn ich es am nächsten Tag wieder tat. Es sind viele kleine Entscheidungen, die aufeinander folgen – kein großes Wunder, sondern ein Weg, der sich Tag für Tag bildet.
Die Abende, die im „vielleicht doch“ und „jetzt ist es eh schon egal“ enden, kenne ich nur zu gut. Und auch die Morgen danach: müde, voller Selbstvorwürfe, genervt von allem. Irgendwann habe ich aufgehört, mich dafür zu hassen. Stattdessen habe ich mir vorgestellt, wie es sein könnte, wenn ich nicht mehr trinke. Natürlich war da die Angst – nie wieder trinken? Das klang unvorstellbar. Aber gleichzeitig war da diese leise Hoffnung: wie schön es wäre, morgens ohne schlechtes Gewissen aufzuwachen, frisch in den Tag zu starten und die Klarheit zu spüren, die man so sehr vermisst.
Was mir auf meinem Weg sehr geholfen hat, war Gabys Buch. Darin gibt es so viele Hilfsmittel, die nicht nur am Anfang wichtig sind, sondern teilweise noch sehr viel länger unterstützen. Besonders die NEMs waren und sind für mich ein großer Halt. Sie machen es leichter, den Körper zu stabilisieren und auch die Stimmung auszugleichen – das hat meinen Weg spürbar erleichtert.
Ein Gedanke, den ich aus deinem Beitrag herauslese: du trägst unglaublich viel Verantwortung. Für dich selbst, für deine Ausbildung, für deine Kinder, für deinen Mann, für die Organisation des Alltags. Ich kenne dieses Gefühl, für alles zuständig zu sein, auch wenn man es nicht sein müsste. Oft habe ich wie eine Feuerwehr funktioniert – eingesprungen, wenn andere ihre Aufgaben nicht gemacht haben. Heute weiß ich: manchmal muss man lernen loszulassen und akzeptieren, dass auch andere ihre Fehler machen dürfen. Vielleicht gibt es dann einmal ein vergessenes Geburtstagsgeschenk – aber auch daraus können Kinder und Partner lernen. Alles allein zu schultern, führt irgendwann in die Erschöpfung.
Ich möchte dir Mut machen: es gibt einen anderen Alltag, und er lohnt sich. Die ersten nüchternen Tage fühlen sich vielleicht holprig an, aber irgendwann überwiegt die Freude, klar in den Tag zu starten. Und so wie du hier geschrieben hast, spüre ich ganz stark deinen Willen. Der Wunsch, aus „regen“ irgendwann „sonne“ werden zu lassen, ist in dir schon da.
Und noch etwas, was ich für mich erkannt habe: Nüchtern zu werden ist keine Arbeit – es ist Selbstfürsorge. Ein Geschenk an sich selbst, jeden Tag aufs Neue. Und man muss nicht alles auf einmal schaffen. Ein Schritt nach dem anderen reicht vollkommen – jeder einzelne Schritt zählt.
Du bist nicht allein auf diesem Weg. Viele hier kennen genau das, was du beschreibst. Und wir wissen alle: es ist machbar. Schritt für Schritt.
LG Crazy
Liebe Regen,
Danke für deine offenen Worte. Du bist sehr zielstrebig in Sachen Beruf und dann noch der Rest…. Da fühlt man sich natürlich schnell überfordert, gestresst, genervt von allem.
Alkohol ist ein Lügner, er gaukelt dir was vor und ist ziemlich gut darin! Daher auch meine Empfehlung: lies das Buch „Alkohol ade“, hol dir die Nahrungsergänzungsmittel (bei mir hat es mit GABA, B-Vitaminen, Vitaminen C, D und Zink sogar ausgereicht), vor allem GABA!!! Und leg dir ne ausweich-Strategie zurecht.
Belohnung war für mich auch ganz wichtig (Süßigkeiten, vom gesparten Geld was schönes kaufen, leckere Getränke Alternativen finden) und stell dir mal vor wie verrückt stolz du sein kannst wenn du es geschafft hast.
Im Nachhinein war das für mich wohl eine entscheidende Hilfe (damals unbewusst), diese innere Überheblichkeit: Ha! Alkohol? Nein Danke, will ich nicht mehr! Ist pures Gift, tut nix mehr für mich, also weg damit!
Nur so ein paar Anregungen… Aber auch der Hinweis: Du musst deinen Weg selbst finden/definieren. Was bei mir oder anderen funktioniert muss noch lange nicht für dich richtig sein.
Aber wir sind hier und helfen dir sehr gerne bei deinem Weg!
Alles Gute und viel Erfolg auch beruflich!
Liebe Grüße
Tani
@regen Herzlich willkommen und viel Erfolg! Wenn ich das lese bin ich froh. dass ich die letzten Prüfungssituationen noch knapp vor dem Siegeszug von Facebook & Co. gehabt habe – zusammen mit dem "Abspanndrink" (oder zweien etc.) wäre das für mich eine Falle gewesen, die den Geist endgültig getötet hätte.
Ich glaube, Du bist auf dem richtigen Weg. Erstens ordnest Du gerade durch das Schreiben Deine Gedanken, und zweitens hast Du Facebook gelöscht. Kannst Du ja nach der Prüfung wieder installieren, wenn es Dich dann noch reizt. Ich habe mittlerweile jedenfalls gemerkt, dass ich das Hirngedüdel nicht mehr brauche, und bin den gleichen Schritt bei Facebook gegangen. Beim Nervengift bin ich sicherlich weiter, aber so wie Du schreibst denke ich, dass Du auch da auf dem richtigen Weg bist.
Alles Gute weiterhin!!!
Vielen lieben Dank für die netten Antworten und Rückmeldungen auf meinen ersten Beitrag.
Nun hat es länger gedauert als ich wollte, dass ich mich wieder melde.
Aller Anfang ist schwer und dieser ganz besonders.
Zunächst hat mich die Ausbildung, eine Prüfung und viele, viele Termine überrollt. Ich habe immer ein paar Tage durchgehalten, bin dann wieder in alte Muster gefallen.
Am schlimmsten ist, dass ich nun das erste Mal knapp zwei Wochen ohne meine Kinder war.
Es gibt mir einerseits Zeit um mich um mich und meine Themen und das Lernen zu kümmern. Gleichzeitig bin ich auch in ein Loch gefallen.
Nun ist die Zeit alleine vorbei. Aber in den letzten Tagen hat es irgendwie "Klick" gemacht. Ich konnte den Alkohol ohne große Probleme zur Seite lassen, habe die freie Zeit für Dinge genutzt, die mir Spaß machen und die ich lange vernachlässigt habe. Habe mich nicht unter Druck gesetzt, dass ich die kinderlose Zeit jetzt aber unbedingt zum Lernen nutzen muss. Nein: ich habe sie auch für mich genutzt. Vielleicht war es deshalb auch gut, diese unfreiwillige Auszeit.
Ich weiß, dass ich gaaaaannz am Anfang stehe und das es nicht immer so leicht fallen wird. Aber ich hatte Zeit mir ein paar Gedanken zu machen: über meine Gesundheit, darüber wie ich das hier alles so weiter machen will oder auch nicht.
Ich habe so gut geschlafen die letzten Nächte und bin zwar immer noch nicht aus dem Bett gehüpft voller Energie, aber mein Kopf war klarer. Das Denken fällt leichter. Das Arbeiten noch nicht, aber das wird schon noch werden.
Statt des Handys liegt jetzt ein Buch neben meinem Bett und ich habe gemerkt, wie gerne ich lese. Das ist etwas, was ich vermisst habe. Es erinnert mich an die Sicherheit in meinem Kinder-/Jugendbett früher zu Hause und gibt mir ein gutes Gefühl.
Ich habe mich die letzten Tage viel gesünder ernährt und war nicht genervt davon zu kochen - auch wenn es für mich alleine war. Süßigkeiten habe ich mir nicht verboten - das hat Zeit und ein paar Gummibärchen helfen meiner Stimmung. Ich hab meine Nahrungsergänzungsmittel ergänzt und verändert wo es nötig war. Hab alte Hausrezepte wieder hervorgeholt und angesetzt (Sirup, Oxymel, Quittenbrot, Essigauszüge ...).
Und ich habe mal alles was "sein muss" hinten angestellt und mich an ein Herzensprojekt gemacht, dass ich schon lange umsetzen will. Hab ich dafür Zeit? Eigentlich nicht! Möchte ich mir dafür Zeit nehmen? Ja unbedingt!
Nun gehen schon wieder die ersten Besprechungen für den letzten Ausbildungsabschnitt los und ich merke, dass es mich stresst. Ich habe mir aber ein Limit an täglicher Arbeitszeit gesetzt. Wenn das erreicht ist, dann ist Schluss. Ich werde die Ausbildung aufgrund der sehr guten Vornoten bestehen, auch wenn die Abschlussprüfung sehr schlecht laufen sollte. Das versuche ich mir nun immer vor Augen zu halten.
Das alles hört sich gut an, aber es ist nicht leicht. Der Alkoholverzicht im Moment schon. Aber ich bin wachsam, hab mir eine Ausweichstrategie zurecht gelegt.
Ich glaube sehr fest daran, dass es bald auch wieder insgesamt leichter wird. Es sind ganz kleine Schritte. Aber immerhin vorwärts.
@regen Gummibärchen waren anfangs meine Rettung, wenn ich nachmittags wieder ans Trinken dachte. Bis ich dann merkte, dass ich um diese Zeit eigentlich Hunger bekam und das dann mit einer Zwischenmahlzeit regelte und auch Regelmäßigkeit zurück in mein Leben brachte.
Achte auf Dich und mach weiter so, Du schaffst das!
@harley Lieben Dank.
Ja, das war auch eine Erkenntnis. Wenn ich nicht ausreichend esse, dann kommt die Lust/das Verlangen auf Alkohol. In den letzten Tagen ist es mir gut gelungen, regelmäßig und gut zu essen und die Gummibärchen sind der Notnagel, wenn doch etwas dazwischen kommt.
@regen Genau so war's. Habe ich leider erst beim dritten Lesen von Gabys Buch gemerkt, dass auch das da drin stand. Na ja, manchmal braucht es halt praktische Erfahrung, dann merkt man es sich.





