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Ich bin 58 Jahre alt und erzähle euch hier einmal davon, wie und warum ich aufgehört habe, Alkohol zu trinken.
Am 1. Oktober 2025 werden meine Partnerin unser 30 Jahre-Jubiläum feiern. Leider wäre es auch beinahe unser gemeinsames Trinkjubiläum geworden. Beide hatten wir schon vorher mit dem Trinken angefangen. Meine Partnerin hat viele Jahre sehr gut, und ich immer gut verdient. Feine teure Burgunder und Bordeaux’s füllten unseren Weinkeller. Unsere Hausbar war uns wichtig und stets gut bestückt.
Den guten Wein haben wir unterdessen längst leergetrunken und wir sind aus finanziellen Gründen auf günstigeren umgestiegen. Der Genuss ist längst der Sucht gewichen. Ich bin, seit meine Partnerin kurz vor Weihnachten 2021 ihren letzten Job verloren hat, "für die Beschaffung zuständig". Meine Gedanken kreisten in den letzten Monaten vor allem darum, ob es noch genug Stoff zuhause hat, wo unsere Weine im Angebot sind und wann und wie ich das organisiere. Bei einem täglichen Konsum von durchschnittlich 2 Flaschen Wein plus Bier plus Schnaps plus Aperitif war das eine richtig zeitaufwändige kostenintensive Aufgabe… Selbstgebrannten haben wir auch zur Verfügung, wobei dessen Herstellung auch gekostet hat.
Da steht jetzt noch eine einzige Kiste mit zwei Flaschen besonders rarem weissem Burgunder im Keller, den wir uns jahrelang für eine besondere Gelegenheit aufgespart haben. An unserem 30. wollten wir uns die genehmigen.
Wir haben seit Jahren immer wieder versucht, den Alkoholkonsum zu reduzieren, natürlich vergeblich. Extrem viel Geld ging für Alkohol flöten und wir hatten es satt - ich vor allem die teils höllischen Kopfschmerzen, welche ich mit Schmerztabletten zu bekämpfen versuchte.
Wenn meine Partnerin zwischendurch fand, dass ich es übertreibe mit dem Trinken, habe ich auch mal Flaschen versteckt, mir heimlich nachgeschenkt und ähnlich dumme Spiele veranstaltet.
Fast täglich litt ich unter oft höllischen Katern, ging aber fleissig unterrichten - wer saufen kann, kann auch arbeiten - soviel Stolz hatte ich immerhin noch. Edna Krabappel aus den Simpsons hatte ich zeitweise sogar als Avatar bei WhatsApp.
Meine Arbeit als Lehrerin von Flüchtlingskindern in einem Durchgangsheim ist für mich ein Sechser-im-Lotto-Job, die Kinder sind aber auch besonders bedürftig. Ich nenne sie heimlich meine Vampire… Nach einem Burn-Out vor 6 Jahren bin ich aber wieder dahin zurückgekehrt. Das war mein Ziel, obwohl viele fanden, das schaffst du nie, und ich liebe es immer noch. (So viel zum Thema Willensschwäche.)
Ich habe glücklicherweise einen guten Arbeitgeber, insbesondere die Schulleitung ist seit dem Beginn meines Burn-Outs sehr wertschätzend und unterstützend. Sie gaben mir ein halbes Jahr Zeit, für die ich mir meine eigenen Ziele setzte. Ich brauchte ja Struktur: In einer Werkstatt unter kundiger Anleitung antike Möbel restaurieren zu lernen und meinen Garten auf Permakultur umzustellen war mein Plan, den ich auch durchzog. (Soviel zum Thema Willensschwäche...) Auf keinen Fall wollte ich in eine Psychiatrische Klinik. Bedingung war der Besuch einer Psychotherapie. Nach einer schrittweisen Wiedereingliederung stand ich nach einem Jahr mit meinem Vollpensum wieder alleine im Schulzimmer. Die Gesprächstherapie lief begleitend weiter. Das Thema Alkohol mied ich in den Sitzungen, wie der Teufel das Weihwasser und im Nachhinein kommt es mir so vor, als ob das auch bei der Therapeutin so gewesen ist. Ich konnte unbehelligt weitertrinken, es kam während der ganzen Zeit nie zur Sprache.
Als ich letzten Herbst einer Gartenfreundin gegenüber erwähnte, dass ich wohl nicht abnehme, weil ich zuviel trinke, erzählte sie mir, dass sie durch ein Online-Programm geschafft hat, vom Alkohol loszukommen. Das blieb mir im Hinterkopf und zuhause versuchten wir es wieder mit dem kontrollierten Trinken.
Immer öfter thematisierten wir aber auch die komplette Abstinenz. Die Verwirklichung schien uns aber unerreichbar, weil wir wegen unserer Tiere und anderen Verpflichtungen nicht ohne grosse Not 3 Wochen oder länger von zuhause wegbleiben können. Die Psychiatrischen Einrichtungen in unserem Kanton entsprechen gar nicht unseren Vorstellungen und meine Erfahrungen mit der Psychotherapie weckten bei mir auch keine grossen Hoffnungen.
Diesen Sommer unterzog sich meine Partnerin einer medizinischen Routineuntersuchung. Ihre Leberwerte waren erhöht und ihre Ärztin meinte, es sei immer eine gute Idee, mit dem Trinken aufzuhören. Ich erinnerte mich an die Worte meiner Gartenfreundin und fragte nach dem Programm. So kam ich auf Nathalie Stüben und begann, mir ihre Podcasts anzuhören, die sind toll und wirklich hilfreich. Über den Podcast “Tanzen kann man auch auf Brause” stiess ich auf Gaby Guzek und sie entspricht wortwörtlich mehr meinem Humor. Das liegt wohl auch am Alter. Ich habe mir einige Videos mit ihr angeschaut, die Bücher angeschafft und bin am Lesen.
Meine Partnerin und ich sind jetzt drei Wochen nüchtern. Es war wohl vor allem eine Frage der Informationen. Dass es auch ohne wochenlange stationäre Behandlungen funktionieren kann und die fundierten Informationen über die Hirnchemie haben uns ermutigt, endlich mit dem Alkoholkonsum aufzuhören.
Es funktioniert und es kommt mir zuweilen verdächtig einfach vor.
Da ist kein Suchtdruck, jedoch eine riesige Erleichterung. Das ist eine tolle Alternative, finde ich.
Nun steht die Kiste mit dem feinen Burgunder im Keller. Mir waren die zwei Flaschen schon nach einer Woche egal. Es gab Diskussionen wie: Wollen wir die nicht trotzdem aufmachen am 1. Oktober? Sozusagen die letzte Ausnahme. Wir könnten ja nur die eine… Wir könnten die Flasche ja auch auf eine Woche aufteilen…
Vor vier Tagen fand nun auch meine Partnerin, sie hänge nicht mehr daran. Wir werden sie wohl verkaufen oder verschenken.
Herzlich willkommen und weiterhin viel Erfolg!
Meine drei Cent: Verschenk die Kiste. Wenn Alkoholiker kontrolliert trinken können ("auf eine Woche verteilen"), dann wären sie keine, habe ich grad auf der Facebook-Seite von Alkohol adé gelesen, und zumindest auf mich trifft das zu. Ich habe die Reste des Nervengiftes verschenkt.
Hallo und Willkommen.
Die Gesprächstherapie lief begleitend weiter. Das Thema Alkohol mied ich in den Sitzungen, wie der Teufel das Weihwasser und im Nachhinein kommt es mir so vor, als ob das auch bei der Therapeutin so gewesen ist. Ich konnte unbehelligt weitertrinken, es kam während der ganzen Zeit nie zur Sprache.
So eine Therapie hatte ich auch. Es wurde alles besprochen nur das Thema Alkohol nicht. Auch ich hatte den Eindruck, die Therapeutin lässt den Alkohol ebenfalls wissentlich außen vor.
Es funktioniert und es kommt mir zuweilen verdächtig einfach vor.
Da ist kein Suchtdruck, jedoch eine riesige Erleichterung. Das ist eine tolle Alternative, finde ich.
Ich glaube, wenn man tatsächlich nicht mehr trinken will, dann zeigt sich das auch im Suchtdruck. Weil es kein Zwang mehr ist, sondern eine Befreiung.
Zur Therapeutin:
War ok für unsere Gegend. Hat einfach zugehört und mir recht gegeben. Was mich gestört hat und auch zur Beendigung der Sache geführt hat, war dass sie eingeschlafen ist, sobald ich über mein politisches Engagement gesprochen habe.
Sie wollte unbedingt wissen, warum und dafür noch eine Sitzung. Tja, haben wir gemacht und ich habe ihr gesagt, dass ich es unangenehm gefunden habe, dass sie in den Sitzungen eingeschlafen sei und es sei jetzt eh genug, ich brauche es nicht mehr.
War saupeinlich, weil sie natürlich nur die Augen ausgeruht habe und so...
Ich wäre sicher auch eingeschlafen, wenn ich mir selbst hätte zuhören müssen. Aber dann setzt man sich nicht am Tisch gegenüber, sondern hinter die Chaiselongue und vermeidet es einfach zu schnarchen. 😉
Zum Suchtdruck:
Ja, es ist tatsächlich eine Befreiung. Und das macht richtig Freude.
@harley
Ja, das werden wir auch. Wir warten nur noch auf die passenden Personen, welche das auch zu schätzen wissen.





