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Hallo zusammen,
ich bin Martha, 43 Jahre, alleinerziehende Mama einer Tochter und seit 148 Tagen nüchtern.
Meine Mama ist selbst Alkoholikerin. Ich habe mich bis dato selbst so nie bezeichnet und nun habe ich durch meine neue Psychotherapeutin vor den Latz geknallt bekommen, Sie haben ein Problem. Na ja, an sich hab ich selbst auch schon gewußt.
Warum hab ich aufgehört? Ich hatte kinderfrei, drei Wochen lang. In der ersten Woche war ich wehmütig, weil s Kind so lange weg von mir ist und dann war ich mit einem guten Freund (den ich jetzt vielleicht sogar meinen Freund nennen darf) bei CSD.
Ich habe nie gelernt, wann Schluss ist. Habe nie diesen Punkt bemerkt, wenn du das noch trinkst, dann bekommst du nen Filmriss. Und ich hatte viele Filmrisse.
Bei CSD war dann auch einer. Ich hatte keine Ahnung mehr, nur kleine Sequenzen schossen mir in den Kopf: Rewe macht gleich zu... ich, die wie ein kleines trotziges Kind in die andere Richtung gehen möchte, während man mir sagt, wo ich wohne...Sex in meinem Bett...
Ich wachte alleine auf und die Gedanken, was war los und dieses komische Gefühl im Bauch kamen. Natürlich. Kurz der Check ins Handy, ins Portmonee, wo sind meine Schuhe.... Mein Freund war weg, er hatte nen Termin. Wir schrieben noch kurz und dann war Funkstille... Ich nutze die Woche für mich. Ging nach der Arbeit an die Elbe, meditierte dort und dachte nach. Immer wenn ich da saß, sagte ich mir; Heute trinkst du keinen Sekt. Die Flaschen stellte ich Wochen später aus dem Kühlschrank in die Stube um. Ich brauchte den Platz für Wasser.
Eine Woche später wurde mein Filmriss besprochen. Und was soll ich sagen. Ich schämte mich in Grund und Boden. Ich hatte Wörterkanonen rausposaunt, die meinem normalem Sprachgebrauch nullkommanull entsprechen. Diese passen eher zum Exfreund.
Ich fing an zu schreiben und stellte irgendwann (nach über 50 Tagen nüchtern sein) fest: Wenn ich mit irgendeinem Kerl bei CSD abgestürzt wäre, würde ich heute Abend nen Sekt trinken. Jedoch bin ich mit J. abgestürzt. Er hat mich anders kennengelernt. Er ist mir wichtig. Und offensichtlich wichtiger, als ich mir zuvor eingestehen wollte.
Eine Freundin riet mir, mir ärztliche Unterstützung zu holen. Denn da ich nüchtern bin, rollen gerade eine Menge Sachen auf mich zu, die ich sonst gerne mit Sekt im Kein erstickt hab. Sei es Stress, Langeweile, Überforderung, Konflikte mit dem Ex. Dies tat ich, da ich für mich erkannte, ich muss die vergangene Beziehung verarbeiten. Mir Selbst verzeihen. Nun stellt sich heraus, dass ich mich zunächst um die Abstinenz kümmern darf, bevor es weiter in die Vergangenheit geht. Ich bin wirklich gespannt, was noch alles ans Tageslicht kommt.
Ich habe so viele Gedanken im Kopf. Kennt ihr das, dass das Hirn nie aufhört zu rattern?
Ich würde behaupten, ich bin gut durch die ersten 148 Tage gekommen. Ich war noch nie soviel feiern. Kümmere mich um mich. Lade wieder Freunde ein. Rufe zurück oder selbstständig an. Nur manchmal denk ich kurz, jetzt n Sekt. Jedoch ist dies auch nur ein Gedanke. bei mir steht noch Alkohol zu Hause. Es juckt mich nicht. Vieles hab ich bereits verschenkt.
Ich könnte noch hundert Seiten mehr schreiben. Nur lass ich s jetzt erstmal.
Allen ein erfolgreiches 2023.
@martha Ich weiß das viele das Meditieren am Morgen empfehlen meins ist das auch nicht, ich mache es lieber Mittags oder Nachmittags. Geh ganz entspannt ran, ohne Erwartung, es gibt kein richtiges oder falsches Meditieren.
@soberrebel Das kann ich absolut bestätigen. Bin heute 250 Tage sober und werde auch zunehmend rebelisch (verzeih das Wortspiel :-)) im positiven Sinne. Mein Kopf schäumte auch in den Anfangswochen der Nüchternheit regelrecht über: Ideen, Impulse, Retrospektiven. ich habe neue Verknüpfungen erkannt und (doch so offensichtlich vor mir liegende) Wahrheiten erkannt. Drei Dinge haben mir sehr geholfen:
1.) Das Chaos täglich niederzuschreiben, jeden Gedanken in einem schönen Notizbuch von Hand zu erfassen.
2.) Excellisten anzulegen und Erinnerungsfetzen an die Saufzeit, schöne Momente und auch schöne Erinnerungen aus meinem Leben mit Datum zu erfassen. Die ich dann sortiert habe. Zum einen ist daraus ein mittlerweile 169-Seiten-DIN-A-4-Buch über meine schlimmsten Alkoholerinnerungen ("mein dreißigjähriger Krieg" - hab jedes Ereignis ausformuliert und irgendwie so verarbeitet) und zum anderen eine wahrlich positiv stimmende Liste entstanden, die mir zeigte, dass es auch trotz der zum Ende immer schlimmeren Saufzeit sehr viel Schönes im Leben gab; das hilft ungemein, da bei mir zu Beginn Scham und Versagen das Denken zu bestimmen drohten.
3.) Bewegung an der frischen Luft. Bei jedem Wetter. So sind seit dem Tag meiner Nüchternheit 1908 km (Schrittzähler sei Dank, bin ein Listenfreak) zusammengekommen; so viel bin ich in meinem "Büroleben" noch nie zu Fuß unterwegs gewesen - die Fußballerzeit mal rausgerechnet. Das Gehen in der Natur hilft beim Sortieren der Gedanken, quasi eine Defragmentierung der mentalen Festplatte.
Fazit: Gerade das für mich völlig neue Gefühl, dass ich mir ZEIT gebe, wirkt sich auf die Dauer unfassbar stabilisierend aus. Nicht mehr nur dieser über allem stehende Gedanke "Morgen, ja morgen wird alles anders - aber heute sauf ich mir noch die Sorgen weg" bestimmt mein Denken und Leben. Sondern mein zeitlicher Horizont erweiterte sich enorm. Ich denke wieder nach vorne und lasse mich nicht hetzen. Auch nicht von mir. Als ich z. B. das Buch mit den Sauferinnerungen fertig hatte, war ich einerseits geplättet, das alles mal so komprimiert zu sehen, andererseits mächtig stolz, das geschafft zu haben.
Auch wenn ich vielleicht nicht bewusst meditiert habe: aber an einem Fluss oder im Wald im Schnitt 7,5 km pro Tag zu Fuß zu gehen (deckt sich lustigerweise mit meiner vorher benötigten Kneipenzeit und es ist noch Luft) hat etwas meditatives: Den Lauf des Wassers zu sehen und symbolisch aufzugreifen (der Fluss hetzt auch nicht, jedes Hochwasser ging auch wieder zurück), die erwachende, blühende und wieder absterbende Natur wahrzunehmen und so auf den Lauf des Lebens zu übertragen.
Angenehmer Nebeneffekt: Mein Hirn sucht und findet quasi von selbst neue Interessen, Beschäftigung, mir fallen so viele schöne Dinge auf. Und selbst die "Scheiße des Alltags" ist auf einmal der "Dünger" für neu entstehende Begeisterung; hört sich übertrieben, fühlt sich aber genauso an.





